„Nie trainiert“: Fehler in der Kindheit macht Menschen zu unselbstständigen Erwachsenen
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„Nie trainiert“: Fehler in der Kindheit macht Menschen zu unselbstständigen Erwachsenen
Von: Pia Seitler
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„Bewältigungsstrategie“: Ein Psychologe mit Schwerpunkt Kindheit und Prägung verrät, womit Eltern ihre Kinder das „ganze Leben“ lang beeinflussen.
Hamburg – In einem Beitrag im Diskussionsforum Reddit will ein Nutzer wissen, welche gängigen Erziehungsmethoden schädlich sind für Kinder. Tausende Menschen teilen ihre Meinungen. „Wenn man alles für seine Kinder tut, werden sie zu hilflosen Erwachsenen“, schreibt eine Person. Ein anderer ergänzt: „Wenn ein Kind niemals scheitert, lernt es nie, mit Misserfolgen umzugehen. So entstehen Kinder, die selbst nach dem Schulabschluss völlig unvorbereitet auf das Leben sind“, kommentiert eine Person unter dem Beitrag.
„Alles, was Eltern mit ihren Kindern machen, wird für die Kinder zu ihrer Normalität“, sagt der klinische Psychologe Ramón Schlemmbach der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Schlemmbach hat nach seinem Masterabschluss in klinischer Psychologie zunächst als Paartherapeut gearbeitet – und dabei bemerkt, dass Menschen bei denselben Themen völlig unterschiedlich reagierten, je nachdem, wie sie erzogen wurden. Heute hat er sich auf Kindheitsaufarbeitung spezialisiert.
Psychologe: „Es fällt ihnen als Erwachsener schwer, Dinge anzupacken“
„Ein Kind braucht die Möglichkeit, die eigenen Fähigkeiten zu testen und auch mal Fehler zu machen. Nur so lernt es Selbstwirksamkeit und entwickelt die Überzeugung: ‚Ich kann das.‘“ Wenn Eltern aus Liebe sagten: „Ach Schatzi, ich mache das für dich“ oder „Lass mal, du bist noch zu klein“, würden sie ihre Kinder zu unselbstständigen Erwachsenen erziehen. Auch Prokrastination – das bewusste Aufschieben von Aufgaben – lasse sich auf die Kindheit zurückführen, sagt Schlemmbach.
„Wenn Eltern ihrem Kind nie klare Deadlines für Hausaufgaben oder Zimmer aufräumen setzen, dann wird der ‚Disziplin-Muskel‘ nie trainiert. Und das führt dazu, dass es dem Kind als Erwachsener schwerfällt, Dinge anzupacken.“ Manchmal stecke hinter dem Aufschieben aber auch die Angst zu scheitern – oder sogar die Angst davor, dass etwas klappt. Beides könne ein Hinweis darauf sein, dass Betroffene aus der Kindheit den Glaubenssatz „Ich bin nicht gut genug“ mitgenommen hätten.
Angst vor Fehlern: Erfahrung im Umgang mit Unsicherheit ist wichtig
Was die Persönlichkeit von Menschen im Laufe ihres Lebens beeinflusst, beschäftigt auch Eva Asselmann. Sie ist Psychologieprofessorin an der HMU Health and Medical University in Potsdam. „Wenn Eltern ständig eingreifen, sammeln Kinder weniger Erfahrungen im Umgang mit Unsicherheit, Konflikten oder Rückschlägen. Sie lernen seltener, Frustrationen auszuhalten und eigene Lösungen zu entwickeln. Dadurch können Ängste vor Fehlern zunehmen und die Bereitschaft sinken, neue oder herausfordernde Situationen anzugehen“, sagt sie der FR. Wer altersgerecht Entscheidungen treffen darf, erlebe, dass das eigene Handeln Folgen hat. Wer eigene Probleme lösen und auch einmal scheitern darf, lerne, mit Unsicherheit umzugehen.
Ein geringes Selbstwertgefühl äußere sich später auch in starkem Perfektionismus. Der sei „kein Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine Bewältigungsstrategie“, erklärt Schlemmbach. „Menschen geben 150 Prozent, weil sie Angst haben, nicht gut genug zu sein. Es ist ein Schutzmechanismus, um Anerkennung zu bekommen.“ Damit einher gehe das sogenannte Overthinking: Die Psyche versuche durch ständiges Nachdenken alle Eventualitäten abzusichern, um Fehler zu vermeiden. Dahinter stecke „ein tiefer liegendes Problem, nämlich die Überzeugung ‚Ich bin nicht okay, so wie ich bin.‘“ Dabei betont Schlemmbach, dass er keine Angst verbreiten wolle. „Elternsein ist eine große Verantwortung. Aber keiner von uns kann alles richtig machen.“ (Quellen: Reddit, eigene Recherche)