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Niedriger Pegelstand in Kaub am Rhein: Fährmänner fürchten um ihre Existenz

Nation

Die Burg Pfalzgrafenstein ist nicht zu übersehen: die weißen Mauern, die kleinen Fenster, die barock anmutenden Türmchen. Die historische Felseninsel im Rhein bedeutet Heinz-Dieter Kimpel viel. „Pit“, so nennen sie ihn hier in Kaub am Mittelrhein, schaut vom Ufer auf die Burg hinüber. Die Sonne scheint, der Wind weht leicht. Der ehemalige Schiffslotse steht vor der geschlossenen Zugangsschranke der Fährgemeinschaft Kaub. Wegen der sinkenden Pegelstände musste sie den Betrieb am Montag einstellen. Auch die Burg bleibt wegen des extremen Niedrigwassers geschlossen. „Das ist einmalig. Die Lage ist ernst“, sagt der 83 Jahre alte Kimpel. Er trägt eine graue Seglermütze, ein kurzärmeliges kariertes Hemd, eine dunkelblaue Jeans und weiße Schuhe. Ihm tun seine Berufskollegen leid, die ihre Fracht nicht mehr fahren können: „Das ergreift mich, das tut mir alles in der Seele weh“, sagt er und wird nachdenklich. Und wie geht es seinen Schiffskollegen in dem Ort mit mehr als 700 Einwohnern? Bereits bei der Anfahrt entlang des Rheins wird das Ausmaß der Trockenheit sichtbar. Schiffsanleger und Boote liegen schon trocken. Treppen führen in den Schlamm. Steine und Felsen liegen herum. Sandbänke werden immer länger. Fähren sind nur noch vereinzelt unterwegs. In Kaub sinkt der Pegelstand immer weiter ab Auf dem Rhein können Binnenschiffe nicht mehr voll beladen werden. Laut dem Bundesverband der Deutschen Binnenschifffahrt (BDB) ist die Fahrrinne zwischen St. Goar und Mainz schlechter ausgebaut als stromaufwärts und stromabwärts. Hier ist das Nadelöhr. Binnenschiffe können hier noch höchstens 20 Prozent Ladung transportieren. „Gefahren wird, solange es physisch und sicher möglich ist“, heißt es vom BDB. Am Dienstag liegt der Pegelstand in Kaub noch bei 14 Zentimetern. Am Mittwoch ist er auf zehn Zentimeter gesunken. Der Pegel befindet sich am oberen Ende der rechtsrheinischen Fährrampe. Eine Treppe führt nach unten zu den Pegellatten. Sie sind am Ufer an einer Stelle angebracht und sehen aus wie ein überdimensionaler Zollstock. „Jedes schwarze E deckt zehn Zentimeter in der Höhe ab“, erklärt das Wasserstraßen- und Schifffahrtsamt Rhein (WSA). „Am Fuß von jedem E steht die Höhe über dem Pegelnullpunkt in zweistelligen Zahlen in Dezimeter.“ Zwei Männer werkeln auf einer dunkel-rot-weißen Fähre, wenige Meter von den Pegellatten entfernt. Einer von beiden ist bereit, mit der F.A.Z. zu sprechen, möchte aber nicht namentlich genannt werden. „So etwas gab es noch nie“, sagt er über die Lage am Rhein. „Es ist traurig, das mit anzusehen.“ Dabei weist er auf die kurze „Notstaffel“ hin, die aus dem Wasser ragt, damit die extrem niedrigen Wasserstände überhaupt noch ablesbar sind. „Es ist extrem selten, dass die so ein Schild machen“, merkt er an. Zum Vergleich: Im Oktober 2018 war ein Wasserstand von 204 Zentimetern abzulesen. Unter der Wasseroberfläche ist stromabwärts von der „Notstaffel“ ein größerer Block zu sehen. Das ist der Pegelstein, an dem die Druckmessdose befestigt ist. „An den Pegeln am Rhein wird je Minute ein Messwert aufgenommen. Aus 15 Messwerten wird ein 15-Minuten-Durchschnitt gebildet“, so die WSA. Der Wert wird an den rund 18 Meter hohen Pegelturm weitergeleitet, der auf der anderen Seite der B42 steht. Hier liegt die Mess- und Datentechnik. Auf der großen Digitalanzeige wird der aktuelle Wert gezeigt. „Leute haben den Sack zu“ Alle zwei Wochen kontrolliert ein Beschäftigter des WSA vor Ort die Ergebnisse des automatischen Messwerterfassungssystems und vergleicht sie mit den Zahlen auf der Pegellatte. Ist der Pegelstand so niedrig, bereite das dem Fährmitarbeiter „Bauchschmerzen“. Seit vier Wochen sei ihre Fähre nun außer Betrieb. „Alles schwierig gerade.“ Normalerweise liege der Pegelstand bei zwei bis zweieinhalb Metern. Dass das nun 14 Zentimeter sind, hat Folgen: „Ich komme mit meiner Schiene auch nicht weiter raus“, sagt er und zeigt auf seine Anlegestelle und die trockenen Steine. „Wenn das Wasser nicht da ist, ist es nicht da“, fügt er hinzu und zuckt mit den Schultern. Das sei „schade“, findet er, weil doch seit Jahren vor dem Niedrigwasser gewarnt werde. Immer wieder hebt er hervor, dass es diese niedrigen Wasserstände noch nicht gegeben habe. Dabei schaut er sich mehrmals um. Der Mensch reagiere erst, wenn die Bedrohung unmittelbar sei. Deutschland investiere nicht genug in den Klimaschutz – im Gegenteil, glaubt der Fährmann im schwarzen Tanktop. „Wir fahren Maßnahmen sogar zurück und sehen zu, wie wir in unser Verderben steuern.“ Aus seiner Sicht werden der Klimawandel und seine Folgen nicht ausreichend thematisiert. Ob er dafür eine Erklärung hat? „Leute haben den Sack zu“, antwortet er und nennt Probleme, die die Bevölkerung ohnehin umtreiben würden: die Kriege, die Inflation und die steigenden Sprit- und Lebensmittelpreise. Sein Kollege braucht seine Hilfe, er müsse jetzt gehen. „Hoffentlich nicht bis nächstes Jahr“, witzelt er zum Abschied. „Du kannst nichts machen“ Der Fährbetriebs-Mitarbeiter Kevin Kilp hingegen sieht die Situation gelassener. Er trägt eine schwarze Sonnenbrille und rote Kopfhörer. „Das ist normal. Das ist die Natur“, findet der Vierzigjährige, während ihm Pit gegenübersteht. Es sei, so Kilp, eben ein Auf und Ab, mal gebe es trockene Jahre, mal nasse Jahre. „Im Jahr 2018 lag der Pegelstand in Kaub bei 25 Zentimetern“, sagt er. Dann zückt der Binnenschiffer sein Handy und zeigt einen Kommentar bei Facebook. Darin werden die Jahreszahlen mit Niedrigwasser am Rhein aufgeführt: 1947, 1949, 1954, 1959, 1962, 1963, 1972, 1973, 1985, 1997, 2003, 2009, 2011, 2018, 2022, 2026. „Also im Schnitt alle vier Jahre“, schreibt der Nutzer. Kilp nickt. Daraufhin merkt Pit an, dass der Rheinpegel 1947 in Kaub auf etwa 42 Zentimeter sank. Seit rund zwei Jahrzehnten ist Kilp schon als Fährmann tätig. Nun arbeiten er und sein Kollege Herbert an der Fähre. Es wird geschliffen und gestrichen, aber nicht über den Rhein gefahren. „Du kannst nichts machen“, sagt er und zögert für einen Moment. „Die Politik muss etwas für die Wasserstraßen tun.“ Des Weiteren hoffe er auf Regen: „Es muss viel, viel regnen. Ob das reicht, weiß ich nicht.“ Und nun, würde der Schiffsführer „lieber wieder etwas schaffen“, als weitere Fragen zu beantworten. Dabei lächelt er schelmisch. Eigentlich ist Kaub ein unaufgeregter Ort. Doch wegen der Medienberichte, unter anderem in der „New York Times“, sind Touristen hier. Sie machen Bilder, sitzen an den dunklen Tischen aus Holz und suchen gelegentlich Schatten unter den Bäumen. Viele staunen, andere raunen, wenn sie das Panorama der Dürre erblicken. Manche tun auch beides. Touristengruppen kommen nach Kaub Eine davon ist Marion Retz. Sie ist extra aus dem Westerwald nach Kaub gefahren. Eine Stunde Fahrt hat sie dafür auf sich genommen. Retz, die als soziale Betreuerin in einem Altenheim arbeitet, sei heute mal „Touristin“, sagt sie. Die 55 Jahre alte Frau trägt Sonnenbrille, Hut und ein orangefarbenes T-Shirt. „Mit Sonnenbrille sehe ich nichts! Die ist nur zur Deko“, scherzt sie. Beim Blick auf den stillgelegten Fährbetrieb von Kilp und den anderen Fährmännern wird sie ernst: „Für die Arbeiter ist es schlecht. Die können nichts tun. Das tut mir leid.“ Am „großen Rhein“, einem der bedeutendsten Flüsse Europas, sei „nichts los“, sagt sie. Es sei eine einmalige Situation. „Es ist erschreckend, wo unser gutes Wasser ist. Ich bin baff davon.“ Die Drohnenbilder vom Rhein, die sie in den Medien gesehen hat, hätten sie beeindruckt. Sie habe gedacht, dass sie einfach in den Rhein „latschen“ und etwas Besonderes, wie zum Beispiel Rheingold oder einen besonderen Stein, auftreiben könne. Ihr gefällt das Wortspiel: „In den Rhein reingehen und dann kleine Schätze finden.“ Aber das Wasser sei stellenweise doch sehr tief. Sie wolle weitere Fotos von der „kleinen Burg da“ machen: „Ich mag so wat“, sagt sie im rheinischen Dialekt. Gleichwohl wisse sie, dass es ohne Wasser dauerhaft schwierig bleibe. Bis zum Ende der Woche werden noch niedrigere Wasserstände vorhergesagt. Das WSV Rhein spricht von vier Zentimetern am Pegel in Kaub. Dann würde die Fahrrinnentiefe nur noch 117 Zentimeter betragen. „Der Güterverkehr dürfte dann praktisch zum Erliegen kommen“, erklärt die Behörde. „Die auf dem Mittelrhein transportierten Gütermengen sind schon jetzt gegenüber normalen Zeiten verschwindend gering.“ Die Prognosen kennt auch Heinz-Dieter Kimpel. „Ich habe mein ganzes Leben auf dem Wasser verbracht“, sagt der Rhein-Romantiker. Als Schiffer, Lotse, immer unterwegs mit seinem „Bötchen“. Von den Fährmännern in Kaub verabschiedet er sich mit den Worten: „Macht’s gut, ihr Buben. Wir sind die letzten Preußen, denn wir gehen um 12 Uhr Mittag essen.“ Dann steigt das Urgestein von Kaub auf sein Fahrrad und fährt weg. In seine Wohnung, von wo aus er die Burg Pfalzgrafenstein beobachten kann. Bis er sie wieder besuchen kann, wird es wohl noch dauern.

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