Niedrigwasser, Ceuta und KI
24 Zentimeter beträgt derzeit der Wasserpegel des Rheins an seiner kritischsten Engstelle bei Kaub in Rheinland-Pfalz. Der stolze Rhein, der deutsche Strom, besungen und sagenumwoben : nur noch ein Rinnsal? Stellenweise leider ja. Viele Schiffe können aktuell nicht fahren, erst recht nicht mit voller Ladung. Zu tief lägen sie dann im Wasser, berichtet mein Kollege Benjamin Bidder. Frachtschiffe, die noch verkehren, tun das mit einem Bruchteil ihrer üblichen Ladung. Das treibt die Transportkosten in die Höhe, auch die der Mineralölindustrie. Die Dürre habe das Potenzial, Benzin und Diesel weiter zu verteuern, erklärt der Ökonom Thilo Schaefer vom Kölner Institut der deutschen Wirtschaft im SPIEGEL-Interview. »Hält das Niedrigwasser an, dürften Treibstoffe in einigen Regionen knapper werden. Dann steigen auch die Preise.« 2018 habe es ein solches Phänomen schon einmal gegeben. Damals seien Benzinpreise von 1,34 Euro auf 1,42 Euro geklettert. Das gebe einen Eindruck vom Ausmaß des möglichen Effekts. Nun bemühen sich die Beteiligten um Geschlossenheit. Brunner dankte Spanien, »dass es die Ordnung wiederhergestellt hat«. Frankreichs Innenminister Laurent Nuñez erklärte, alle Teilnehmer hätten Versuche verurteilt, die EU zu spalten. Das sagt sich leicht. Aber der Eindruck bleibt, dass Europas Staaten sich gegeneinander ausspielen lassen haben. »Die europäische Rechte profitiert am meisten von der Situation«, sagt die Migrationsforscherin Judith Kohlenberger im Interview mit meiner Kollegin Muriel Kalisch. Rechte hätten verstanden, die Bilder aus Ceuta zu missbrauchen, und würden Begriffe wie »Invasion« nutzen. »Andere politische Parteien, besonders die konservativen, stimmten in dieses Konzert ein«, kritisiert Kohlenberger. Lesen Sie hier das ganze Interview: »Europa hat sich von Marokko als Grenzpolizist abhängig gemacht« Details zur EU-Videokonferenz lesen Sie hier: So verlief die Krisensitzung der EU-Minister zu Ceuta Vor ein paar Tagen ging ein peinliches Video viral. Es zeigt den kanadischen Politiker Bill Oliver, der eine Rede im Parlament seiner Heimatprovinz New Brunswick hält. Darin kritisiert er einen Gesetzentwurf mit den passionierten Worten: »Hier ist eine natürlichere, flüssigere Fassung dieses Abschnitts, die sich eher wie eine Rede vor dem Parlament liest als eine Aneinanderreihung kurzer Punkte.« Sie werden es erkannt haben: Es ist die typisch servile Sprache eines KI-Chatbots, der dem Nutzer Texte generiert. Der Abgeordnete merkte es nicht und trug die Zeilen so ungerührt vor wie der Roboter, der sie geschrieben hatte. Und spätestens jetzt fragen Sie sich vielleicht: Arbeiten unsere Politiker auch so passiv? Gar die Bundesregierung? Die will darauf keine Antwort geben, wie mein Kollege Torsten Kleinz berichtet. Die Linksfraktion im Bundestag wollte mit einer parlamentarischen Anfrage herausfinden, wie oft KI in Reden und Gastbeiträgen von Bundesministern verwendet worden ist. Doch die Regierung verweigert detaillierte Auskünfte darüber. Das zeigen die Antworten, die dem SPIEGEL vorliegen. Die Regierung nennt KI darin vage ein »unterstützendes Arbeitswerkzeug«. Die Linkenabgeordnete Sonja Lemke kritisiert das. »Wenn Techbros über ihre Chatbots ständig in den Ministerien sitzen und alle Inhalte beeinflussen, dann ist das eine Gefahr für unsere Demokratie«, sagt sie. Lesen Sie hier mehr: Die Regierung will nicht sagen, wie viele Reden sie schon mithilfe von KI geschrieben hat Falsche Neun: Max Kruse, 38, ist gut darin, die Unwahrheit zu sagen. Er könne »ganz gut« lügen, sagte der Ex-Fußballnationalspieler in einem Interview mit der Deutschen Presse-Agentur, um seinen Auftritt in der RTL-Sendung »Die Verräter« zu bewerben. In der Show treten Prominente gegeneinander an. Sie müssen Allianzen schmieden, einander in die Irre führen und eben auch mal lügen. Kruse sagt, er wisse, dass das keine gute Eigenschaft sei. »Aber Manipulieren ist eigentlich auch was, was ganz gut drin ist – meistens. Leider.« Die Geschichte handelt von Rafi und Todd, zwei sehr unterschiedlichen Freunden an einer Highschool in den USA. Einer verschreibt sich der Literatur, der andere geht in den Verheißungen der KI-Industrie auf (oder an ihnen zugrunde). Die Meeresforscherin Evie widmet ihr Leben dem Ozean. Und Ina, eine Künstlerin, die auf US-Militärbasen aufgewachsen ist, sucht ihr Heimatgefühl auf einer pazifischen Insel. Alle vier treffen irgendwann auf der winzigen Insel Makatea in Französisch-Polynesien aufeinander, deren paar Dutzend Bewohner um den Erhalt ihrer Lebensweise kämpfen. »Das große Spiel« ist einer jener Romane, die ihre Erzählstränge natürlich zusammenführen, als wäre es nichts. Richard Powers’ Figuren sind plastisch und komplex, doch sein wahrer Protagonist ist der Pazifik, »jene Wildnis, die Land wie einen Nachgedanken erscheinen ließ«. Für den deutschen Leser, dessen Lebensnorm kontinental ist, bedeutet das einen inspirierenden Perspektivwechsel. Denn was ist schon Festland, wenn man rauszoomt? Es ist »das Randreich der Abweichler und Ausreißer«, wie Powers schreibt. Die Hauptbühne unseres Planeten ist das Meer. Der Pazifik allein bedeckt ein Drittel der Erde. »Das Schicksal von Kontinenten ist in Wasser geschrieben.« Und die meisten von uns haben es vergessen. Einen schönen Abend. Herzlich Ihr Cornelius Dieckmann, Taipeh