Niedrigwasser: Rumänien schaltet AKW ab - Bulgarien wird zum Retter
Energiekrise in Europa Dieses Land wird plötzlich zum Retter in der Not Von Amy Walker Aktualisiert am 14.08.2026 - 03:41 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Es wurde ein Fels gesprengt, und Schiffe wurden versenkt, doch die Donau-Pegelstände sind in Rumänien immer weiter gesunken. Ein Atomkraftwerk wird deshalb jetzt abgeschaltet. Zu Hilfe eilt ein Nachbar. Am Donnerstag ist das einzige Atomkraftwerk in Rumänien vom Netz gegangen, die Pegelstände in der Donau ließen dem Betreiber keine andere Wahl. In der vergangenen Woche hatte die rumänische Umweltministerin noch Hoffnung: "Wir haben mindestens neun Tage für den zweiten Reaktor von Cernavodă gewonnen", zitierte das Portal "News.ro" die Ministerin. Rückblickend war das etwas zu optimistisch. Zuvor hatte das osteuropäische Land mit drastischen Maßnahmen versucht, den Pegel der Donau künstlich zu erhöhen: Es wurden Frachtkähne versenkt und ein Fels gesprengt, um das Wasser zu stauen. Das habe den Pegel zwischenzeitlich um rund vier Zentimeter erhöht, so die rumänischen Behörden vergangene Woche. Das alles konnte am Ende die Abschaltung jedoch nicht verhindern. Die andauernde Hitzewelle sowie der ausbleibende Regen haben den Wasserstand in der Donau immer weiter sinken lassen. Dadurch fehlt dem Kraftwerk das Wasser, das es zur Kühlung der Reaktoren benötigt. Bulgarien exportiert Rekordmengen Strom Der erste Reaktor des AKW Cernavodă ist schon seit Ende Juli vom Netz. Um 10 Uhr mitteleuropäischer Zeit an diesem Donnerstag war es auch beim zweiten Block so weit. Üblicherweise produziert das AKW 20 Prozent des rumänischen Stroms. Um den Ausfall zu kompensieren, hat das Energieministerium laut dem Nachrichtenportal "Libertatea" vier Szenarien in der Energiekrise vorbereitet. So gebe es Reservepumpspeicherkraftwerke, die noch Zugang zu ausreichend Wasser haben. Um Haushaltskunden vor Stromausfällen zu bewahren, könnte es auch zu Industrieabschaltungen kommen, sollte die Dürre noch über mehrere Wochen anhalten. Vor allem aber will sich Rumänien auf das Nachbarland Bulgarien verlassen, das größere Mengen Strom exportieren kann. Tatsächlich steht Bulgarien als einer der großen Gewinner in der osteuropäischen Energiekrise da. Denn während neben Rumänien auch Serbien, Ungarn und Moldau straucheln, exportiert Bulgarien aktuell Rekordmengen an Strom – bis zu 33 Gigawattstunden am Tag. Das entspricht ungefähr dem, was eine Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern im Jahr verbraucht. Zum einen liegt das an einem stabil laufenden Atomkraftwerk. Dieses ist zwar ebenfalls an der Donau gelegen, verfügt aber über zusätzliche Wasserspeicherbecken, die in der aktuellen Notlage das Kühlwasser bereitstellen können. Allerdings warnen Energieexperten in Bulgarien schon, dass auch diese Alternative endlich ist und bei weiter sinkendem Pegelstand auch dieses Kraftwerk gedrosselt werden müsste. Im Moment ist das aber noch nicht der Fall. Die zweite Energiequelle, die Bulgarien gerade hilft, ist die Wasserkraft, die anders als in Serbien nicht ausschließlich auf die Donau angewiesen ist. Bulgarien ist zusammen mit Chile Batterie-Weltmeister Der dritte wichtige Grund, weshalb das sonst eher unbeachtete osteuropäische Land gerade zum Exportmeister wird, ist die Kombination von Solar und Batterien. Die Solarkraft ist nach Atomenergie und Kohle die drittwichtigste Stromquelle in Bulgarien – das ist in Europa mittlerweile nicht ungewöhnlich. Ungarn erzeugt noch mehr Strom aus der Sonnenkraft als Bulgarien, das hat das Land aber nicht vor der jetzigen Stromkrise bewahrt. Was die Bulgaren einzigartig macht, sind stattdessen die Batterien. Einigen Experten zufolge sind sie sogar Batterie-Weltmeister. Laut der Denkfabrik Ember Energy hat Bulgarien allein 2025 so viele Batteriespeicher installiert, dass sie 77 Prozent ihres tagsüber erzeugten Stroms in den Abend verschieben können. Nur Chile hat dieser Analyse zufolge eine ähnliche Erfolgsstory vorzuweisen, gefolgt an Platz drei von Australien. Dabei hatte Bulgarien noch 2023 fast gar keine Batteriespeicher installiert – der Markt hat sich also sehr dynamisch entwickelt. Damit gelingt Bulgarien das, woran Ungarn und Rumänien – aber auch Deutschland – aktuell noch scheitern: Auch in den Abendstunden nennenswerte Mengen an Strom aus der Sonnenenergie zu verbrauchen. Weiter noch: Wenn die Sonne im Osten Europas untergeht, exportieren die Bulgaren einen Teil ihres gespeicherten Stroms sogar nach Rumänien, um die Nachbarn vor dem Blackout zu schützen. Dabei verdienen sie natürlich auch Geld mit dem ursprünglich sehr günstig hergestellten Solarstrom. Die Bulgaren selbst werden bisher dadurch vor hohen Strompreisen geschützt. Während in Rumänien und Ungarn die Strompreise an der Börse am Donnerstag bei durchschnittlich 160 Euro/Megawattstunde liegen, zahlen die Bulgaren nur 138 Euro/MWh. Zum Vergleich: In Deutschland sind es 147 Euro/MWh. Energiewende nimmt nun auch in Ungarn Fahrt auf Das ist deshalb auch die Lektion, die in Südosteuropa gerade in der Krise verfängt: Das Stromsystem muss diversifiziert werden, eine einzelne Quelle wie die Atomenergie reicht nicht aus. Es reicht auch nicht, überall nur Solarzellen zu verbauen. Erst mithilfe von Speichern kann die Solarkraft richtig zum Einsatz kommen und, wie Ember Energy es beschreibt, zur "Rund-um-die-Uhr-Stromquelle" werden. Der ungarische Ministerpräsident Péter Magyar hat deshalb ein Milliardenprogramm angekündigt, das mehr Batterien, mehr intelligente Stromnetze, aber auch mehr Windenergie im Land ermöglichen soll. Loading... Loading... Loading... Ungarn konnte derweil die vollständige Abschaltung des einzigen Atomkraftwerkes Paks, das 40 Prozent des Stroms im Land erzeugt, noch verhindern. Das war aber nur Glück: Kurz vor Erreichen einer kritischen Schwelle stiegen die Pegelstände in der Donau um Paks herum wieder um einige Zentimeter an – das Kraftwerk blieb am Netz. Das könnte sich jederzeit aber wieder ändern, die Dürre hält schließlich noch an. Wie das Nachrichtenportal "Daily News Hungary" berichtet, hat die Regierung eine neue Idee, wie sie bei erneut sinkenden Pegelständen reagieren kann: So sollen zwei Lastkähne in der Donau versenkt werden, um das Wasser zu stauen – genau wie in Rumänien schon vor zwei Wochen.