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Nobelpreis für HU-Forscher: „Erst denkt man, es ist eine KI-Geschichte“

Wissenschaft

Mitte – Auf einmal verändert sich die Stimmung im Senatssaal der Humboldt-Universität zu Berlin. Thematisch wie emotional. „Eines möchte ich noch einwerfen“, sagt der frisch gebackene Berliner Nobelpreisträger Peter Hegemann (71) und spricht über seine erkrankte Ehefrau: „Meine Frau hat mich immer unterstützt.“ Dann gerät er ins Stocken, seine Augen werden feucht. „Und sie kann jetzt nicht hier sein.“

Der persönliche Moment bewegt alle Anwesenden, die zwei Tage nach der Vergabe des Preises an den HU-Professor in die Universität gekommen sind. Hegemann sitzt flankiert von Astrid Proksch (51, Geschäftsführerin Gehirnforschung bei der Hertie-Stiftung) und HU-Präsidentin Julia von Blumenthal (56).

Als von Blumenthal anspricht, dass Hegemann Auszeichnungen nicht so gern möge, schüttelt er bestätigend den Kopf.

Hegemann hat gemeinsam mit Georg Nagel (Universität Würzburg) und Karl Deisseroth (USA) am Montag den Medizin-Nobelpreis gewonnen. Ihre Erkenntnisse führten zur Optogenetik, einer Methode, mit der sich die Aktivität einzelner Nervenzellen in einem lebenden Gehirn an- oder abschalten lässt. Das Nobel-Komitee spricht davon, „die Geheimnisse des Gehirns zu entschlüsseln“.

Den entscheidenden Anruf aus Schweden im Labor verpasste Hegemann, weil er zu Hause war. In der E-Mail des Komitees mit der Bitte um Rückmeldung wegen einer wichtigen Mitteilung habe er erst beim wiederholten Lesen nach dem Duschen die schwedische Vorwahl erkannt. Beim anschließenden Anruf sei er sprachlos gewesen. „Erst denkt man, es ist vielleicht eine KI-Geschichte.“

Ein unwahrscheinlicher Preis

Die Optogenetik breitete sich in Deutschland erst später aus als etwa in den USA oder Japan. Die Grundlagenforschung sei aber eine Stärke von Deutschland, so Hegemann. Hegemann dankte deshalb auch den Instituten für ihr Vertrauen.

Der Werdegang des gebürtigen Münsteraners war keineswegs geradlinig. Von der Biochemie führte ihn sein Weg über die Pflanzenphysiologie zur Biophysik. „Und jetzt bin ich Neurowissenschaftler, obwohl ich in meinem Leben noch nie ein neurowissenschaftliches Experiment gemacht habe“, scherzt der Forscher . Sein trockener Humor blitzt im Gespräch immer wieder durch.

Von einem Nobelpreis habe Hegemann nie geträumt. „Der Gedanke kommt ja vorwiegend von Journalisten. Man macht nicht Forschung, um Preise zu gewinnen. Man muss an dem arbeiten, was einem Freude macht.“

Anders als im Sport, wo der Titelgewinn im Zentrum steht. Trotzdem hat Hegemann gern Mitarbeiter mit Sporthintergrund in seinem Team: „Man gewinnt und man verliert. Und wenn man verliert, dann muss man sich einmal schütteln und weiter. So ist die Wissenschaft auch.“ Seinen Kollegen, die sich auf das Projekt mit ungewissem Ausgang eingelassen haben, dankt er ausdrücklich.

Appellierende Abschlussworte

Zum Ende wird Hegemann noch einmal grundsätzlich. Er richtet einen Appell an Wissenschaft und Gesellschaft: „Wir haben Mitarbeiter mindestens aus zehn verschiedenen Ländern. Wir brauchen eine Transparenz in jeder Beziehung: wissenschaftliche und kulturelle Transparenz sowie einen freien Austausch. Sonst können sie keine hochklassige Forschung betreiben.“

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