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Novak Djokovic: „Boris half mir, eine noch größere Festung um mich herum zu bauen“

Sport

Audioplayer wird geladen Anzeige Er nennt sich selbst „der Wolf“ – einsam und entschlossen. Tennis-Star Novak Djokovic (39) befindet sich in der Endphase seiner Karriere, ständig begleiten ihn Fragen nach dem Rücktritt. Ab dem 30. August jagt er bei den US Open den 25. Titel bei einem Grand-Slam-Turnier. Seine 24 Siege sind bereits Rekord. Wie er gerade fühlt und denkt, zeigt der Serbe in der neuen Prime-Video-Dokumentation „Der Wolf im Winter“, die ab Donnerstag verfügbar ist. Hier spricht er über seine Einstellung, Deutschland und Boris Becker. WELT: Herr Djokovic, sprechen Sie noch Deutsch? Anzeige Novak Djokovic: (wechselt von Englisch auf Deutsch) Ich habe viele Worte vergessen. Aber ich spreche Deutsch. Ein bisschen (wechselt ins Englische). Ich hatte in der Schule etwas Deutsch und konnte es früher noch besser sprechen. Damals war ich gerade zwölf und noch in der Grundschule. WELT: Im Alter von zwölf bis 16 Jahren trainierten Sie in München. Welche Rolle spielt Deutschland für Ihre Karriere? Anzeige Djokovic: Als ich mit zwölf erstmals nach Deutschland reiste, blieb ich für einige Monate allein, ohne meine Familie, in der Akademie. Das war während der Schulferien. Es war natürlich schwer für meine Eltern, mich als Zwölfjährigen in ein anderes Land gehen zu lassen. In Serbien war es eine schwierige Zeit (wegen der Bombardierung im Balkankrieg; d. Red.). Lesen Sie auch WELT: Ihr Trainer war damals Niki Pilic, der mit Deutschland als Kapitän dreimal den Davis Cup gewann. Djokovic: Niki und seine Frau waren wie meine zweiten Eltern. Sie haben mich als ihr eigenes Kind aufgenommen. Das beruhigte meine Eltern, weil sie das Gefühl hatten, ich sei in Sicherheit und gut umsorgt. Für mich war es die Jagd nach der Perfektionierung meines Handwerks. Ich wollte etwas aus meinem Potenzial und meinem Talent machen, zu einem besseren Tennisspieler werden. WELT: Wie half Ihnen Pilic? Djokovic: Er hatte zu dem Zeitpunkt eine der besten Tennis-Akademien der Welt. Außerdem sprechen wir natürlich dieselbe Sprache, also war es für uns leichter zu kommunizieren. Das waren sehr prägende und wichtige Jahre in meiner Karriere. Ich werde Niki ewig dankbar sein. Leider weilt er seit dem vergangenen Jahr nicht mehr unter uns. Er war mein Tennisvater und katapultierte mich ins Profi-Tennis. Durch ihn konnte ich die große Tür dorthin öffnen und den Durchbruch schaffen. Lesen Sie auch WELT: In Ihrer neuen Dokumentation sprechen Sie ausführlich über eine serbische Eigenschaft: „Inat“, eine gewisse Sturheit. Wie sehr war das ein Schlüssel zu Ihrem Erfolg im Tennis? Djokovic: Es war ein ganz wichtiger Schlüssel. Nicht nur im Tennis, sondern allgemein im Leben. Besonders, weil ich in den 1990er-Jahren aus einem vom Krieg zerrissenen Land kam. Ich stand vor vielen Herausforderungen und Hindernissen, musste einen Weg finden, um zu überleben. Für meine Eltern war es schwierig, für uns als Familie zu sorgen und auch noch die finanziellen Ressourcen zu haben, damit ich meinen Traum im Tennis verfolgen konnte. Ich entschied mich für einen sehr teuren Sport. Also habe ich es meinen Eltern nicht leicht gemacht. Das ist sicher. Da brauchte ich die Kraft dieser Sturheit, die wir in Serbien „Inat“ nennen. Das war die treibende Kraft, besonders ab den 90ern. In der gesamten Kultur unseres Landes ist sie noch zentraler geworden. WELT: Bei Ihnen steigt diese Kraft besonders auf, wenn an Ihnen gezweifelt wird, richtig? Djokovic: Diese Denkweise ist damit verbunden, dass ich schwere Zeiten durchgemacht habe und ich praktisch früher nichts hatte. Dann setzt du „Inat“ ein, um dich selbst und auch andere zu motivieren, der zu werden, der du sein willst. Und das Leben nach deinem Wunsch zu gestalten. WELT: Der Regisseur Ihrer Dokumentation, Jason Hehir, stand auch hinter der berühmten Doku „The Last Dance“ über Michael Jordan und die Chicago Bulls. Mir fiel eine Gemeinsamkeit zwischen Ihnen und Jordan auf. Sie nutzen Pfiffe und Buh-Rufe von Fans, um sich selbst zu motivieren. War Ihnen diese Parallele bewusst? Lesen Sie auch Djokovic: Das war tatsächlich eines meiner Highlights, als ich „The Last Dance“ schaute. Ich liebte diese Dokumentation. Damals wusste ich noch nicht, dass Jason später bei meinem Projekt dabei sein würde. Das ist eine sehr schöne Parallele. Jordan war für mich, wie für viele andere auch, eines der größten Sportidole, die ich hatte, als ich aufwuchs. Daher war es sehr interessant, die Doku zu sehen und mehr über Jordans Geschichte zu erfahren. Das hatte ich so noch nie gesehen, wie ihn genau dieser Punkt, den Sie erwähnen, beschäftigte. Er würde genau diese eine Person im Publikum finden, die ihn nervte, selbst, wenn 20.000 Menschen ihn anfeuerten. Um dann diese Kraft als Motivation zu nutzen, um bereit für die Schlacht zu sein und den Krieger in sich zu erwecken. WELT: Wie bewegte Sie das? Djokovic: Diese Jordan-Eigenschaft hat mich angesprochen. Witzigerweise ist es auch etwas, das ich in vielen anderen Größen des Sports entdeckt habe, deren Karrieren ich verfolge: wie Serena Williams, Tom Brady, Kobe Bryant und Cristiano Ronaldo. Sie haben alle ein ähnliches Mindset und eine vergleichbare Mentalität, wenn es um das Zusammenspiel mit dem Publikum geht. Wir versuchen alle, das Beste aus uns auf dem Feld oder dem Platz herauszuholen. Manchmal muss man in bestimmten Situationen einfach eine andere Seite von sich aufwecken, um das gewünschte Ergebnis zu erreichen. WELT: Für seine mentale Stärke war auch Boris Becker bekannt, der von 2013 bis 2016 als Ihr Trainer arbeitete. Was war die Hauptsache, die Sie von ihm gelernt haben? Djokovic: Boris war nicht nur ein Trainer, sondern er ist ein Freund und ein Teil meiner Familie. Ich liebe Boris wirklich als Person und bewundere seine mentale Stärke. Seine Widerstandsfähigkeit war unglaublich. Als ich mit ihm zusammengearbeitet habe, hatte ich das Gefühl, dass ich meine mentale Stärke auch auf ein höheres Level gehoben habe. Boris half mir, eine noch größere Festung um mich herum zu bauen. So kann man es beschreiben. Natürlich hatte ich einige der besten Jahre meiner Karriere in meiner Zeit mit Boris. Die Zeit zwischen Anfang 2015 und Mitte 2016 waren wahrscheinlich meine besten 18 Monate. Boris war davon ein zentraler Bestandteil. WELT: Wo steht Becker in der Tennisgeschichte? Djokovic: Er ist eine Legende unserer Sportart. Eine Ikone, nicht nur in Deutschland, sondern weltweit. Ich respektiere ihn sehr und sogar noch mehr in den vergangenen Jahren, nach all dem, was er durchgemacht hat. Wie er einen Weg gefunden hat, sich aus dem tiefsten Loch seines Lebens wieder nach oben zu graben. Und wie er seinen Ruf, seine Marke und alles andere wieder aufgebaut hat. Es ist sehr, sehr schwer, das zu schaffen. Das ist etwas, was ich wirklich an Boris bewundere. Seine Lebensgeschichte ist extrem interessant und inhaltsreich. Er musste so viel durchstehen, so viele Schwierigkeiten überwinden, wie nur sehr wenige andere Menschen in letzter Zeit. WELT: In der Dokumentation sprechen Sie darüber, wie wichtig Ihnen Freiheit ist. Denken Sie, dass es eine Form von Freiheit oder Erleichterung sein wird, wenn Sie irgendwann Ihre Karriere beenden? Djokovic: Ja, sicherlich werden sich mehr Zeit und Raum ergeben, um andere Dinge zu tun. Denn Tennis ist gerade immer noch der Mittelpunkt meines professionellen Lebens. Selbst wenn ich weniger Turniere spiele, und deutlich seltener antrete als früher. Das ist auch körperlich bedingt. Aber auch, weil ich versuche, der Beste in verschiedenen Rollen meines Lebens zu sein. Als Ehemann, Vater, Sohn und Bruder. Bei all diesen Rollen ist es mir wichtig, nicht die wirklich wichtigen Dinge zu verpassen, die mir über all die Jahre entgangen sind. Es ist stets eine Suche nach dem Gleichgewicht, ein Geben und Nehmen. Auf der einen Seite opferst du etwas, auf der anderen bereichert es dich. Lesen Sie auch WELT: Ist Tennis manchmal auch eine Belastung? Djokovic: Ich fühle mich vom Tennis nicht in ein Gefängnis eingesperrt. Ich bin jetzt nicht meiner Freiheit beraubt. Ich mache jetzt bereits viele andere Dinge. Außerdem hat mir Tennis als Plattform erlaubt, meine Marke weiterzuentwickeln und in anderen Bereichen aufzubauen. Aber wenn ich einmal kein Tennis mehr spiele, werde ich natürlich noch mehr Zeit haben. WELT: Haben Sie sich vorgestellt, wie es ohne Tennis sein wird? Djokovic: Ich spreche mit vielen Athleten, die ihre Karriere beendet haben. Eine von ihren interessanten Beobachtungen ist, dass es vielen von ihnen schwerfällt, einen Ersatz für den Adrenalinrausch zu finden. Dieser treibt dich durchs Leben, und du bist so süchtig nach diesem Gefühl des Wettkampfes und nach diesem Drive. Wenn du für so viele Jahre auf dem höchsten Niveau angetreten bist, ist es schwer, von einem Extrem zum anderen zu wechseln. Also musst du andere Wege finden, um das Monster in dir zu füttern. ★★�

In der Dokumentation äußert sich Djokovic auch ausführlich zur Kontroverse rund um die Australian Open 2022. Damals war ihm die Einreise verwehrt worden, weil er nicht gegen Corona geimpft worden war. Er hatte aber eigentlich eine Einreisegenehmigung besessen, weil er in den vorausgegangenen sechs Monaten zweimal an Corona erkrankt gewesen war. „Ich empfinde immer noch eine gewisse Verbitterung, weil die Leute nicht wissen, was passiert ist“, sagt Djokovic in der Doku. Zehn Stunden wurde er bei seiner Einreise festgehalten. Vor seiner Reise nach Australien postete er damals auf Social Media, dass er mit einer „Sondergenehmigung“ einreisen würde. Seine Frau Jelena riet ihm davon ab, aber er tat es trotzdem. Es brach ein Shitstorm los. „Das war ein weiterer Grund, warum man auf die Instinkte seiner Frau hören sollte“, sagt Djokovic. Australier fühlten sich von Djokovic vorgeführt. Man glaubte, er hätte eine Sonderbehandlung, während alle anderen unter Lockdowns und Regeln leiden mussten. Am 5. Januar 2022 kam er am Flughafen in Melbourne an. Zehn Stunden – von 23 Uhr bis 9 Uhr morgens – wurde er bei seiner Einreise festgehalten. Bis zum 16. Januar gab es einen Rechtsstreit um Djokovic, der in einem Quarantäne- und Abschiebe-Hotel untergebracht war. Dann entschied das Gericht schließlich, dass dem Tennis-Star die Einreise verweigert würde. Zwei andere – ein Spieler und ein Trainer – durften mit einer Ausnahmegenehmigung einreisen. „Es war also alles politisch, hatte nichts mit medizinischen Gründen zu tun“, sagt Djokovic.

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