Nun kommen Untersuchungen zu Ungereimtheiten in Gang
Die Fussball-Weltmeisterschaft in den USA, Kanada und Mexiko ist seit anderthalb Wochen Geschichte. Weil das XXL-Turnier zahlreiche Kontroversen ausgelöst hat, geht die WM jetzt aber in die Verlängerung – nämlich in die (sport)politische Aufarbeitung. Insbesondere die verweigerte Einreise des somalischen Schiedsrichters Omar Artan, die Visa-Restriktionen für Fans aus Iran, Haiti, Senegal und Côte d’Ivoire sowie die Rot-Begnadigung des amerikanischen Stürmers Folarin Balogun sorgten vor und während des Turniers für laute Kritik am Co-Gastgeber USA und am Weltfussballverband (Fifa). Doch beim Tadel allein bleibt es nicht. Infantino muss vor den Justizausschuss Jamie Raskin, das ranghöchste Mitglied im Justizausschuss des amerikanischen Repräsentantenhauses, leitete am Montag eine Untersuchung ein, die den «zunehmenden Hinweisen auf Korruption und mögliche Gegenleistungen zwischen der Fifa und der Trump-Administration» nachgehen soll. Der einflussreiche demokratische Abgeordnete aus Maryland wandte sich in einem fünfseitigen Brief an Gianni Infantino. Darin fordert Raskin den Fifa-Präsidenten auf, zu einer protokollierten Anhörung vor dem Justizausschuss zu erscheinen. Zudem sollen Infantino und die Fifa dem Ausschuss bis zum 9. August Informationen zu ihren Kontakten und Verbindungen zu Donald Trump, Mitgliedern von dessen Regierung, deren Familienmitgliedern und mit Trump verbundenen Einrichtungen, wie zum Beispiel der Trump Organization, zukommen lassen. In seinem Schreiben führt Raskin zahlreiche Beispiele an, die belegen sollen, wie die Fifa sich die Gunst der US-Regierung gesichert habe, um im Gegenzug Vorteile wie beispielsweise die Einstellung von Korruptionsermittlungen zu erhalten. So habe die Fifa etwa Büroräumlichkeiten im Trump Tower in New York angemietet, die zu Marktpreisen rund 600 000 Dollar pro Jahr kosten würden. Auch die Verlegung der Gruppenauslosung von Las Vegas ins John F. Kennedy Center in Washington (DC) moniert Raskin – also die Rochade an einen Veranstaltungsort, der von Trump und dessen politischen Verbündeten vereinnahmt worden sei. Dort überreichte Infantino dem amerikanischen Präsidenten im Dezember dann einen eiligst erfundenen Friedenspreis. Auch das wertet Raskin als Beleg dafür, wie die Fifa eine Vorzugsbehandlung durch Trump zu erwirken suchte. So ist es alles andere als erstaunlich, dass nun Untersuchungen wegen dieser und anderer Ungereimtheiten vor und während der WM in Gang kommen. In seinem Schreiben an Infantino verlangt Raskin zudem eine Liste, die sämtliche Geldtransfers und Geschenke der Fifa an Trump, dessen Regierung sowie Familienmitglieder verzeichnet. Darüber hinaus fordert er den Verband dazu auf, die Kommunikation mit der US-Regierung rund um die hohen Ticketpreise an der WM offenzulegen. Und auch die Besucherlisten aus den Fifa-Büros in Miami und New York will Raskin einsehen. Direkte Konsequenzen dürften die Nachforschungen des Justizausschusses vorerst nicht haben. Sollten die Demokraten im November aber die Midterm-Wahlen gewinnen und im Repräsentantenhaus die Mehrheit erringen, könnte Raskin den Vorsitz im Justizausschuss übernehmen und die jetzigen Nachfragen zu einer formellen Untersuchung ausweiten. Erst dann könnte der Fifa Ungemach im juristischen Sinne drohen. Untersuchungen zur Balogun-Begnadigung Für Empörung hatte der Weltverband schon während der WM gesorgt, insbesondere durch die Begnadigung Baloguns. Der amerikanische Stürmer hatte im WM-Sechzehntelfinal gegen Bosnien-Herzegowina die rote Karte erhalten, was gemäss geltenden Fifa-Statuten automatisch eine Spielsperre nach sich zog. Doch die Disziplinarkommission des Weltverbands hob die Sperre flugs auf und wandelte sie in eine Bewährungsstrafe um – womit Balogun im Achtelfinal gegen Belgien (1:4) doch spielen konnte. Mehrere Indizien deuten darauf hin, dass die Aufhebung der Spielsperre wegen der Intervention Donald Trumps zustande kam. Der US-Präsident bestätigte selbst, er habe Infantino angerufen und um eine «Überprüfung der Sperre» gebeten. Die Fifa insistierte zwar auf der Darstellung, die Disziplinarkommission habe den Entscheid unabhängig getroffen. Doch da war der Schaden längst angerichtet, der Verdacht der politischen Beeinflussung der WM schien erhärtet. Dass Trump sich hinterher via Truth Social bei Infantino dafür bedankte, eine «grosse Ungerechtigkeit» beseitigt zu haben, verstärkte den Eindruck. Laut einem Bericht der «New York Times» beabsichtigt der norwegische Fussballverband (NFF) nun, bei der Fifa eine formelle Beschwerde gegen Trumps Rolle in der Causa Balogun einzureichen. Das bestätigte die Präsidentin Lise Klaveness – eine der wenigen Fussball-Funktionärinnen weltweit, die sich offen gegen Infantino stellt. Der norwegische Verband hatte bereits die formelle Ethikbeschwerde unterstützt, welche die NGO Fair Square bei der Fifa-Ethikkommission einreichte, nachdem Trump den Fifa-Friedenspreis erhalten hatte. Doch damit nicht genug. Die Kopenhagener Gruppe ist ein unabhängiges internationales Netzwerk, das auf eine Initiative des Europarats im Kampf gegen Manipulation im Sport zurückgeht. Sie erstellte einen Bericht zu möglichen Manipulationen rund um die WM und ortete bei sieben Vorgängen leicht erhöhte Alarmbereitschaft. Der brisanteste Manipulationsverdacht: Die Plattform Polymarket bot Wetten an, ob Balogun im WM-Achtelfinal trotz Rot-Sperre spielen wird – und zwar bereits zwölf Stunden nach dessen Platzverweis. Da fragt sich natürlich, ob bei dieser Wette jemand involviert war, der schon früh von der Aufhebung der Sperre wusste und sich von diesem Wissen das grosse Geld versprach. Laut dem Bericht der Kopenhagener Gruppe gab es zu keinem anderen Platzverweis an der WM eine vergleichbare Wette – was den Verdacht auf ein Insidergeschäft verstärkt. Bemerkenswert ist vor allem, dass die Einschätzungen der Kopenhagener Gruppe in scharfem Kontrast zu den Erkenntnissen der sogenannten Integritäts-Task-Force der Fifa stehen. Die war nach dem Turnier zum Schluss gekommen, es seien «keine verdächtigen Wettaktivitäten oder Anzeichen für eine mögliche Spielmanipulation festgestellt» worden. Infantino wirft den Kritikern Hass vor Es ist ein bekanntes Muster, dass die Fifa und deren Präsident Infantino auf kritische Töne gar nicht erst eingehen. Stattdessen deckt der Verband die Journalisten mit einer kaum überschaubaren Anzahl von Pressemitteilungen ein, in denen jedes Detail seiner Veranstaltungen in den höchsten Tönen gepriesen wird. Etwa, dass der WM-Pokal in einem Louis-Vuitton-Koffer zur Siegerehrung transportiert wurde oder wie viele Quadratmeter Rasen wegen der WM verlegt wurden – als ob das besonders relevant wäre. Am Sonntagabend sah sich Infantino dann aber doch noch veranlasst, auf die Vorwürfe zu reagieren. In einem Instagram-Beitrag mit 15 Slides holte er zu einem Rundumschlag gegen die Kritiker aus. Er riet ihnen, zu «meditieren, zu beten oder ein Fussballspiel anzusehen, anstatt ihre Energie damit zu verschwenden, die Fifa zu hassen». Es ist seine Sicht auf die Dinge – die Realität ist womöglich etwas komplexer.