Nur 13 Satelliten statt 11.000? Warum Putins Starlink trotz Pannen eine große Gefahr für die Ukraine ist - und auch die Bundeswehr warnt
Russlands Krieg in der Ukraine wird nicht nur durch Truppenstärke oder Feuerkraft entschieden, sondern auch durch einen Kampf um … Kommunikation. Etwa, um Drohnen und Raketen zu steuern. Russland hat nach der Abschaltung von Starlink dafür in sein eigenes Satellitenprojekt investiert – und obwohl es Komplikationen gibt, warnen Expert:innen und auch die Bundeswehr vor der Gefahr durch "Rasswet". Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Projekt beantworten wir hier.
Hunderte russische Militärsatelliten im All, eine russische Bedrohung aus der höchsten Höhe, ein Symbol für Moskaus Macht: An dieser Vision arbeitet der Kreml derzeit mit seinem Projekt "Rasswet". Es soll eine unabhängige Verbindung zu den Langstreckendrohnen und Raketen Moskaus herstellen und die Angriffe auf die Ukraine steigern und schwerer zu verteidigen machen.
Klar ist: Rasswet ist ein Prestigeprojekt des Kremls und Machthabers Wladimir Putin. Stand jetzt ist jedoch nur eine zweistellige Anzahl an Rasswet-Satelliten im Einsatz und es ruckelt bei der weiteren Aufstockung deutlich. Warum etwa die Bundeswehr trotzdem vor Rasswet warnt und wofür Drohnen überhaupt eine Verbindung zu Satelliten brauchen, lest ihr hier.
Putins Starlink: Wofür braucht Russland die Rasswet-Satelliten?
Seit Jahren erzielt Russland bei seiner Invasion in der Ukraine an der Front kaum Fortschritte. Wirklich schmerzhaft sind für Kiew vor allem russische Angriffe mit Langstreckendrohnen und Raketen auf die Energieinfrastruktur, die darauf abzielen, die ukrainische Bevölkerung im Winter bitterlich frieren zu lassen.
Russlands Langstreckendrohnen und Raketen, ebenso wie die ukrainischen, werden zwar häufig lediglich mit einem eingespeicherten Ziel abgeschickt, ohne dass während des Flugs Einfluss genommen werden kann. Wenn möglich, verfügen sie jedoch zusätzlich über eine Funkverbindung, um während des Flugs vor dem geplanten Einschlag den gegnerischen Verteidigungssystemen zu entgehen.
Einfach gesagt: In diesem Fall sitzen in Kommandozentralen in Russland Soldat:innen, die ihren Drohnen oder Raketen während des Flugs aktualisierte Koordinaten oder andere Daten via Satellit mitteilen. So wird die Chance erhöht, dass diese auf ihrer Route ans Einschlagsziel nicht abgefangen werden.
Für diese Funkverbindung hat Russland bis vor Kurzem noch Satelliten von Starlink, einem System von Elon Musks Raumfahrtunternehmen SpaceX, mithilfe illegal beschaffter Empfangsgeräte genutzt. Dann hat SpaceX eben diese russischen Empfangsgeräte abgeschaltet und die Starlink-Verbindung für Russland weitgehend gekappt – und Russlands Fortschritt bei Rasswet umso dringender gemacht.
Wie weit ist Russland mit Rasswet – und wie schnell wird es fertig?
Russland will den Betrieb von Rasswet bis 2027 mit 292 Satelliten im All starten und bis 2035 auf mehr als 900 Satelliten aufstocken. Zum Vergleich: Starlink, das Vorbild für Rasswet, verfügt mittlerweile über 11.000 Satelliten. Geplant ist vom Rasswet-Unternehmen Bureau 1440 zudem eigentlich eine Zielhöhe von 800 Kilometern.
Der bisherige Start läuft jedoch durchwachsen: Nach zwei Starts mit insgesamt bisher nur 32 Satelliten haben die höchsten 13 Rasswet-Satelliten Mitte September laut dem Satellitentracker azmth eine Höhe von gerade mal rund 510 Kilometern erreicht. Der Rest liegt noch weit darunter, verliert an Höhe oder ist bereits verglüht.
Über die Gründe dafür wird spekuliert. Während einige Beobachter:innen von Pannen und Antriebsproblemen ausgehen, erklärte Satellitenexperte Andreas Knopp gegenüber der "NZZ", dass die niedrigere Höhe der höchsten 13 womöglich auch gewollt sein könnte, da eine geringe Sendeentfernung ein stabileres Signal gewährleistet. Knopp hält das Rasswet-Ziel bis 2027 demnach für unrealistisch, dafür müsste "alles reibungslos funktionieren".
Die Bundeswehr rechnet laut einer Recherche von WDR und NDR in einer eigenen Analyse ebenfalls "frühestens Ende 2027" mit einer "bedingten Einsatzbereitschaft" von bis zu 288 Satelliten.
Erschwerend für den russischen Prozess sind womöglich auch ukrainische Angriffe. Im August attackierte die ukrainische Armee das Raketenwerk in Samara mit Flamingo-Marschflugkörpern, in dem die Sojus-Trägerraketen für Rasswet-Starts hergestellt werden.
Welche Gefahr geht von Rasswet für die Ukraine aus?
Im Vergleich zu Starlink verfügt Rasswet also in den kommenden Jahren wahrscheinlich über eine überschaubare Anzahl an Satelliten und auch der Start des Projekts ruckelt anscheinend.
Auch die Bundeswehr erklärte in ihrer Analyse, dass Rasswet die Leistungsfähigkeit von Starlink "auf absehbare Zeit nicht erreichen" wird. Dennoch könnte Russland schon in der ersten Aufbauphase des Projekts Veränderungen am Boden "augenblicklich" erkennen, Drohnen in Echtzeit steuern und mobile Ziele mit höherer Treffgenauigkeit bekämpfen. Diese Einschätzung deckt sich mit den Warnungen weiterer Expert:innen – und laut der ukrainischen Führung war Rasswet sogar bereits im Einsatz.
Wie der ukrainische Geheimdienst GUR gegenüber dem Portal "Janes" Anfang September erklärte, hätten die bisherigen Satelliten Ende Juli "für mehrere Stunden" über der Ukraine kommuniziert. Auch Satellitenexperte Wolodymyr Stepanez erklärte gegenüber dem Portal "Militarnyi", dass es bereits mit der jetzigen Anzahl an Rasswet-Satelliten, die um die Erde kreisen, mindestens zwei Zeitfenster pro Tag gäbe, in denen Russland mit seinen Drohnen und anderen Geräten je 60 bis 90 Minuten ein Signal in der Ukraine hat.
Serhij "Flash" Beskrestnow, Funktechnologie-Experte und Berater der ukrainischen Regierung, mahnte zudem jüngst auf seinem Telegram-Kanal, dass Russland mit nur einer einzigen Angara-Rakete, die laut ihm ebenfalls für den Transport der Satelliten geeignet ist, womöglich auf einen Schlag die halbe Konstellation ins All bringen könnte. Beskrestnow bezeichnete die Aussicht auf eine ständige Echtzeitsteuerung russischer Drohnen als "eine kleine Katastrophe" für die Ukraine.
Umso dringender sein Appell, die Jamming-Infrastrukturen auszubauen. Beim sogenannten Jamming wird das Funksignal zwischen Satellit und Drohne oder Rakete aktiv gestört. Beskrestnow warnte allerdings eindringlich, dass die Ukraine bei der elektronischen Kriegsführung gegen Satellitensysteme hingegen noch erhebliche Lücken und daher einen langen Weg vor sich hat: "Das wird weder günstig noch schnell gehen."
Und Europa?
Auch der Rest Europas dürfte mit Sorge auf Rasswet blicken. Dass es nicht nur eine Gefahr für die Ukraine darstellen dürfte, machte der Kommandeur der ukrainischen Drohnentruppen, Robert "Madyar" Browdi, in einem Interview mit AP klar: Rasswet sei "ein Risiko für den gesamten Planeten", weil eine Diktatur Zugang zu Informationen auf der ganzen Welt erlange.
Für die Verteidigung gegen russische Drohnen hilft auch Europa das sogenannte Jamming. Bis russische Drohnen in einigen Jahren möglicherweise eine Reichweite bis nach Mittel- oder Westeuropa bewältigen können und mithilfe von Rasswet in Echtzeit gelenkt werden können, muss Europa, ebenso wie die Ukraine, jedoch erstmal noch eine weitgehende Jamming-Infrastruktur dafür aufbauen.
Auch Deutschland ist sich der Lage anscheinend bewusst. Laut Dokumenten, die unter anderem die "Süddeutsche Zeitung" einsehen konnte, will der Bund bereits 2027 erstmals Satelliten mit militärischen Offensivfähigkeiten ins All bringen – zwei Störsatelliten, die andere Raumflugkörper beeinträchtigen können. Bis 2029 soll die Bundeswehr im Weltraum "kriegstüchtig" sein.
Doch da wäre da noch ein Problem: Natürlich könnte Russland, wenn es denn sein weltweites Satellitennetz hat, auf viele Informationen zugreifen, die es zu seinen Gunsten zu nutzen weiß. Jedoch kann es diese dann natürlich auch an Verbündete wie den Iran oder Nordkorea weitergeben. Was die Mullahs oder Kim Jong-un damit anstellen, bleibt abzuwarten.