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"Nur eine Frage": Darf Medizin alles, was sie kann, Alena Buyx?

Technologie

Alena Michaela Buyx ist Ärztin, Philosophin, Soziologin und eine der bekanntesten Stimmen der deutschen Medizinethik. Sie studierte in Münster, York und London, forschte in Harvard und habilitierte sich in Münster. 2014 wurde sie Professorin für Medizinethik in Kiel, 2018 wechselte sie an die Technische Universität München. Dort ist sie Direktorin des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin.

Von 2020 bis 2024 war Alena Buyx Vorsitzende des Deutschen Ethikrats – und damit eine der prominentesten wissenschaftlichen Stimmen während der Coronapandemie. Alena Buyx bewegt sich schon lange dort, wo medizinischer Fortschritt eine politische und ethische Dimension hat. Im März 2025 erschien ihr Buch »Leben und Sterben«, in dem sie sich den existenziellen medizinischen und ethischen Fragen widmet, die fast jeden Menschen im Laufe seines Lebens betreffen.

Dieses Interview basiert auf einem Gespräch für den ZEIT-Podcast »Nur eine Frage«. Erstmals in der Geschichte des Videopodcasts fand die Aufnahme live vor Publikum statt: auf dem Big-Bang-KI-Festival in Berlin 2026. Die Auszüge wurden gekürzt, redigiert und teilweise umgestellt, um die Lesbarkeit zu verbessern. Alle Folgen sind auf www.zeit.de/n1f zu finden. Dort können Sie auch den N1F-Newsletter abonnieren. Fragen, Kritik, Anregungen? Schreiben Sie eine Mail an n1f@zeit.de.

Redaktion: Jens Lubbadeh, Tobias Oellig

DIE ZEIT: Frau Buyx, darf Medizin alles, was sie kann?

Alena Buyx: Nein. Weil man mit Medizin zum Beispiel foltern oder morden kann und das in der Vergangenheit auch immer wieder passiert ist. Medizin ist mächtig. Sie kann am Körper die tollsten Dinge tun, was fantastisch ist, worüber wir hoffentlich auch noch reden. Aber sie kann eben auch töten, verletzen, verstümmeln, und deswegen darf sie nicht alles machen, was sie kann.

ZEIT: So war die Frage nicht gemeint. Es gibt schließlich Eide, die Mediziner schwören, Sie haben das auch gemacht. Lassen Sie uns die Frage breiter auffächern. Eine der großen Bewegungen dessen, was die Medizin kann oder bald können wird, kommt aus der KI und verwandten Gebieten. Man kann Krankenakten von neuronalen Netzen auswerten lassen und Krankheitsverläufe vorhersagen. Plötzlich wissen Menschen etwas über mich, was vielleicht nie eintritt. Was heißt das dann eigentlich? Es gibt außerdem Implantate, die Hirnaktivität mit KI interpretieren können – sodass sie Sätze aussprechen, die ich gerade denke, aber nicht unbedingt sagen möchte. Und es gibt Roboter, die selbstständig operieren. Für Sie muss das doch der Abgrund sein: Sie beschäftigen sich mit den ethischen Fragen all dieser Dinge, die ständig erfunden werden. Werden Sie angesichts dieser Möglichkeiten als Medizinethikerin eigentlich wahnsinnig?

Buyx: Meistens freue ich mich über solche Fragen, denn dahinter steht ja die eine Frage: Was ist verantwortliches Handeln? Nehmen wir Hirnimplantate, die Impulse aus dem Gehirn heraus- und auch wieder hineinsenden können. Damit könnte man zum Beispiel eine Prothese steuern. Für Menschen mit Lähmungen wäre das ein Segen. Gleichzeitig gehen natürlich viele Impulse aus dem Gehirn heraus, und einige davon sollen vielleicht privat bleiben. Und wenn man Signale ausleiten kann, kann man grundsätzlich auch Signale ins Gehirn hineinschicken. Das kann sehr hilfreich sein: Hirnstimulation bestimmter Areale kann dazu führen, dass sich neue Nervenverbindungen bilden. Fantastisch. Aber vielleicht kann ich damit auch jemanden dazu bringen, etwas zu tun, was er gar nicht möchte.

ZEIT: Worin besteht Ihre Arbeit als Medizinethikerin?

Buyx: Herauszufinden, welche von diesen tollen Möglichkeiten wir nutzen wollen und warum. Manchmal sind die Risiken so hoch, dass wir das Ziel lieber aufgeben. Wenn uns ein Ziel aber wichtig genug ist, müssen wir genau hinschauen: Wie können wir verhindern, dass die verschiedenen Risiken Wirklichkeit werden, und stattdessen dafür sorgen, dass das Gute, was uns die Technologie verspricht, funktioniert? Das ist vielleicht langweilig und hat auch mit Prinzipien und Regulierung zu tun, mit der Verantwortung von Forschenden und Ärztinnen und Ärzten und mit dem, was wir als Gesellschaft wollen. Aber ich finde das super.

ZEIT: Um es mal von der anderen Seite zu beleuchten: Sie sagen zu Recht, dass wir verhindern müssen, dass neue Technologien Schaden anrichten. Aber es gibt auch die umgekehrte Gefahr: dass wir zu lange warten und dadurch Menschen sterben, die man hätte retten können. Jonathan Slotkin, ein Neurochirurg, hat in einem Essay für die New York Times über selbstfahrende Autos sinngemäß geschrieben: Wenn Waymo und andere Systeme nachweislich so viele Verkehrstote verhindern, dann müssen wir sie sofort einsetzen – alles andere wäre unverantwortlich. Ähnlich könnte man in der Pharmaforschung argumentieren: Wenn erste Daten zeigen, dass ein Medikament sämtliche Herzinfarkte verhindert – nur als Gedankenexperiment –, können wir dann noch zehn Jahre weiterforschen, während Menschen sterben? Analog diskutieren wir gerade, die KI-Entwicklung zu verlangsamen, weil im schlimmsten Fall sogar die Auslöschung der Menschheit drohen könnte. Wie wägen wir diese Risiken gegeneinander ab – das Risiko, dass etwas schiefgeht, und das Risiko, dass wir Möglichkeiten nicht nutzen und dadurch Millionen vermeidbarer Krankheitsfälle oder Todesfälle in Kauf nehmen?

Buyx: Das gleiche Argument gab es in der New York Times schon vor 15 Jahren. Damals wie heute hieß es: Wenn selbstfahrende Autos so viele Todesfälle verhindern können, müssen wir sie sofort einsetzen. Inzwischen bin ich bei solchen Versprechen vorsichtiger geworden. Wenn selbstfahrende Autos nachweislich funktionieren, würde ich sie sofort wollen, selbst lange Autofahren finde ich nervig. Aber dafür muss man zeigen, dass die Ergebnisse nicht nur unter Laborbedingungen oder auf einem abgesperrten Parkplatz gelten, sondern in der dreckigen Realität unseres Alltags. Was in Los Angeles funktioniert, muss deshalb noch lange nicht in Berlin-Mitte funktionieren. Dazu braucht man außerdem eine Infrastruktur, die den Einsatz überhaupt ermöglicht.

Die entscheidende Frage der Forschungsethik ist also: Wann haben wir genug belastbare Evidenz und die jeweiligen Voraussetzungen, um zu sagen: Jetzt ist der Einsatz vertretbar? Diese Schwelle zu bestimmen, ist sehr schwer – und sie gilt nicht für alle Orte und Menschen gleichermaßen, auch bei Medikamenten nicht.

Darin liegt der ständige Widerstreit: Die einen sagen, immer feste drauf, let us break things, lasst es uns einfach versuchen. Ich bin aber Ärztin und Forschungsethikerin und denke: The things that break are people. Ich habe schon zu viele Versprechen gehört: von Gehirnimplantaten über die Gentechnologie Crispr-Cas, die angeblich alles lösen sollte, bis hin zu der Behauptung, KI habe den Krebs besiegt. Irgendwann wird man einfach gelassener, aber auch etwas zurückhaltender.

ZEIT: Um uns komplett zu verwirren, würde ich noch eine dritte Flanke aufmachen: Wenn KI wirksame, aber extrem teure personalisierte Therapien hervorbringt: Wie entscheiden wir dann, wer Zugang dazu bekommt? Wir gehen in eine Welt der Medizin, in der mir irgendwann erklärt wird: »Jochen, wir haben für dich eine individuelle Superpille, die gibt es nur für dich. Dauert ein Vierteljahr, die zu machen, kostet eine Milliarde Tokens. Und wenn du sie für deine Mutter auch haben willst, musst du halt noch mal dasselbe bezahlen.« Können wir alles, was wir können, auch allen geben – wie wägt man das ab?

Buyx: Ich muss hier zuvor noch eine Schleife machen, nicht dass der falsche Eindruck entsteht: KI hat jetzt schon die Medizinforschung revolutioniert. Es gibt auch schon den ersten Nobelpreis für KI im Kontext Medizin …

ZEIT: … Demis Hassabis, Proteinfaltung.

Buyx: Genau, AlphaFold, das ist ein totaler Kracher. Um das sehr vereinfacht zu erklären: Demis Hassabis’ KI-System AlphaFold kann berechnen, wie sich Eiweißmoleküle im Körper dreidimensional zusammenfalten – etwas, das Forschern hilft zu verstehen, wie diese Moleküle funktionieren. Dadurch kann man neue Medikamente entwickeln, Krebsmedikamente zum Beispiel. Man hat dabei wie bei einem Zauberwürfel nahezu unendlich viele Möglichkeiten, Proteine anzuordnen. Aber wenn man nicht die richtige erwischt, wirkt es nicht oder bringt einen sogar um. Früher hat es Jahre gedauert, das zu berechnen. Das war ein absoluter Flaschenhals in der Forschung. Das macht AlphaFold nun in ein paar Stunden. Man muss es natürlich immer noch prüfen, erst mal im Tierversuch und dann in der klinischen Prüfung am Menschen. Das kann man nicht wegkürzen. Aber auch da geht es schon sehr viel schneller und man kann etwa viele Tierversuche vermeiden. Die Pipeline ist voll, und es werden in den nächsten Jahren viele Medikamente auf den Markt kommen, die auf diesem Wege entstanden sind. Eine fantastische Beschleunigung.

ZEIT: Und die individuelle »Superpille«?

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