Nur etwa 30 Kilometer von der polnischen Grenze entfernt: Russland soll riesiges Radar
Russland soll in seiner Ostsee-Enklave Kaliningrad unweit der polnischen Grenze ein riesiges Radarsystem errichten. Das berichten die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und das britische Medium „The Times“ unter Berufung auf bisher unveröffentlichte Satellitenaufnahmen des finnisch-polnischen Erdbeobachtungsdienstleisters „Iceye“.
Demnach sollen die Aufnahmen einen doppelt umzäunten Radarkomplex bei Gwardeisk im Gebiet Kaliningrad zeigen. Drei Antennenreihen von jeweils mehr als 500 Metern Länge sollen darauf zu sehen sein, die sternförmig zusammenlaufen.
Die „FAZ“ berichtet unter Berufung auf einen „Iceye“-Bericht, der dem Medium in Teilen vorliegen soll, dass die Antennen der russischen Radarsystem-Anlage zusammen mit anderen Elementen nahe der Nato-Ostflanke ein gigantisches Over-the-Horizon-Radar-System (OTH-System) bilden sollen. „Zusammen bieten sie Russland eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Überwachung der Aktivitäten in der gesamten Region, vom Abfangen von Satellitenkommunikation bis hin zur Erkennung von Flugbewegungen und ballistischen Raketen“, zitiert die „FAZ“ den Bericht der Geointelligence-Analysten.
Kaliningrad: Russlands neuer Knotenpunkt für elektronische Kriegsführung?
Das Überhorizont-Radarsystem sei demnach dazu in der Lage, Flugzeuge und Raketen in etwa 900 bis 3000 Kilometer Entfernung zu erfassen. Da die Stadt Gwardeisk via Luftlinie nur knapp 31 Kilometer von der polnischen Grenze (in etwa zwischen Lipica und Stabławki) entfernt liegt, würde dieser Radius auch Observationsgebiete in Deutschland, Frankreich und Großbritannien einschließen.
„Iceye“ sieht in Russlands jüngstem Ausbau seines OTH-Radarsystems einen Beweis dafür, dass Kaliningrad zu einem Knotenpunkt für hochentwickelte militärische Sensoren und Systeme zur elektronischen Kriegsführung ausgebaut wird, berichtet derweil „The Times“ unter Berufung auf das Unternehmen. Vorrangig sollen diese der Aufklärung und Störung elektronischer Signale dienen, heißt es weiter.
OTH‑Radare, wie sie nun nahe Gwardeisk beobachtet wurden, seien demnach dazu in der Lage, Wellenlängen von mehr als 10 Metern zu erzeugen. Das sei um das Zehnfache weiter als etwa bei einem herkömmlichen Langstrecken-Luftüberwachungsradar. Zudem will „Iceye“ etwa 50 Kilometer westlich von Gwardeisk nahe der Stadt Tschernjachowsk eine weitere „große kreisförmige Antennenanlage“ lokalisiert haben, schreibt die FAZ.
Militäranalysten zufolge stehen Russland im Gebiet Kaliningrad militärische Lagerstätten und Trägersysteme zur Verfügung, die für bis zu hundert Atomsprengköpfe ausgelegt sind. „The Times“ schreibt unter Berufung auf hochrangige Expertenquellen in Polen und Litauen, dass Putins Truppen bereits mit der Stationierung von Sprengköpfen in Kaliningrad begonnen haben sollen.
Weitere Satellitenaufnahmen sollen den „Iceye“-Analysten zufolge zeigen, dass Russland entlang der Nato-Ostflanke seine Militärpräsenz weiter ausbaut. Nördlich von Petrosawodsk in der Republik Karelien im äußersten Nordwesten Russlands an der Grenze zu Finnland sollen Putins Truppen ein großes Ausrüstungsdepot reaktiviert haben. In dem autonomen Föderationsgebiet seien weiterhin neue Kasernen, Lager- und Ausbildungsanlagen errichtet worden.
Spannungen um Kaliningrad nehmen zu
Die russische Enklave Kaliningrad liegt zwischen den EU- und Nato-Staaten Litauen und Polen. Im Juli dieses Jahres hatte Litauen zeitweise den Transit von Gütern, die auf der EU-Sanktionsliste stehen, zwischen Kernrussland und Kaliningrad gestoppt – was die Spannungen zwischen Moskau und den Nato-Staaten zusätzlich anheizte.
Kremlchef Wladimir Putin verschärfte Anfang Oktober seine Rhetorik und drohte den Nato-Staaten mit dem Einsatz von Atomwaffen, sollte es „zu einem direkten Angriff auf Kaliningrad kommen“ und die Enklave weiterhin isoliert werden.
Am 8. Oktober teilte Litauens Innenminister Martynas Katelynas schließlich mit, dass man als Präventivmaßnahme die Grenze zu Kaliningrad mit zunächst 100 zusätzlichen Soldaten schützen wolle. Mit der Maßnahme wolle man demnach den Grenzschutz verstärken, hieß es weiter.