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"Nutznießer"-Aussage von Merz bringt Stimmung bei Ärzten und Pflege auf Tiefpunkt

Nation

Gesundheitsreform

"Nutznießer"-Aussage lässt Stimmung kippen

Stand: 05.09.2026 08:10 Uhr

Seit Wochen wächst der Widerstand gegen die geplanten Einsparungen im Gesundheitswesen. Berufsverbände warnen vor Folgen für Versorgung und Vorsorge. Für zusätzlichen Ärger sorgte zuletzt eine Äußerung von Bundeskanzler Merz in einer Talkshow: Er bezeichnete eine Kinderärztin als "Nutznießerin" des Systems. Am Samstag wollen Ärztinnen, Ärzte und Pflegekräfte in Berlin gegen die Sparpläne demonstrieren.

von Paula Klüver, MDR AKTUELL

Die Kritik von Bundeskanzler Merz an der Ärzte- und Pflegerschaft empfinden viele Betroffene als Schlag ins Gesicht. Sie fühlen ihre Arbeit nicht gewertschätzt.

Experten hoffen, dass die dringend notwendigen Reformen im Gesundheitssektor durchgeführt werden. Nur dann seien Einsparungen akzeptabel.

Die Ärzte hoffen, in den weiteren Prozess mit einbezogen zu werden.

"2020 noch systemrelevant, 2026 Nutznießerinnen" – das steht auf einem Video auf Instagram, das eine Ärztin und eine Hebamme aus Berlin gepostet haben. Ihr Video hat 1,4 Millionen Aufrufe. Und es ist nur eines von vielen.

Aussage von Merz erzürnt Ärzte und Pfleger

Auslöser der Empörungswelle ist die RTL-Sendung "Am Tisch mit Friedrich Merz" vor über einer Woche. Dem Bundeskanzler gegenüber saß Kinderärztin Bea Merscher und beklagte Einsparungen im Gesundheitssystem auf Kosten der Kinder. Merz konterte: "Wir geben über 500 Milliarden Euro für unser Gesundheitssystem aus und da sind Sie als Teil dieses Gesundheitssystems auch Nutznießer. Sie als Ärztin, Sie könnten ohne dieses Gesundheitssystem nicht leben."

Die Kinderärztin aus Hannover hatte dem Kanzler vorgeworfen, seinen Amtseid zu brechen und "menschenverachtende und zerstörerische Gesetze" zu erlassen. Der Schlagabtausch zwischen Kanzler und Kinderärztin sorgte erst medial und dann in den Sozialen Netzwerken für Nachhall.

"Täglicher Kampf": Mediziner wünschen sich mehr Würdigung

Seit Tagen posten Menschen unter dem Hashtag Nutznießer sarkastische bis ernste Reaktionen. Ärzte und Pflegekräfte berichten von hoher Verantwortung und dauerhafter Überlastung. Den Kommentar des Kanzlers empfinden viele als Schlag ins Gesicht.

Wir tragen dieses System, Herr Bundeskanzler. Michael Dördelmann, Chefarzt Kinderklinik Flensburg

"Die Menschen als Nutznießer zu betiteln, die das Land am Leben halten, ist frech", sagt "Katha9020", sie ist Notfallpflegerin. Auch Michael Dördelmann, Chefarzt der Kinderklinik Flensburg äußerte sich auf Instagram zu der Debatte: "Nutznießer. Der Duden definiert das so: Jemand, der seinen Vorteil aus etwas zieht, was ein anderer erarbeitet hat. […] Wir tragen dieses System, Herr Bundeskanzler. Mit unbesetzten Stellen, mit Nachtdiensten, mit dem täglichen Kampf um jede einzelne Stelle und jedes einzelne Bett."

Experten fordern echte Reformen im Gesundheitssektor

Ulrich Wedding ist Chefarzt am Universitätsklinikum Jena und Vizepräsident der Landesärztekammer Thüringen. Er sieht den Vorfall etwas gelassener als die Kolleginnen und Kollegen im Netz.

Doch auch er kritisiert den Tonfall des Kanzlers: "Ich habe das als unglückliche Wortwahl wahrgenommen. Für uns Ärzte steht der Patient im Mittelpunkt und nicht das Thema, wer wovon profitiert. […] Was ich aber auch bedauere ist, dass das Aufhängen an Worten verhindert, dass über Inhalte der notwendigen Reformen gesprochen wird."

Es muss Geld eingespart werden. Der Staat ist seinen Verpflichtungen nicht vollumfänglich nachgekommen. Erik Bodendieck, Präsident Landesärztekammer Sachsen

Die Kritik an den Sparplänen teile er "in großem Umfang". Es brauche stattdessen eine echte Reform. Diesen Eindruck teilt auch sein Kollege Erik Bodendieck.

Bodendieck ist Präsident der Landesärztekammer Sachsen und betont: "Es muss Geld eingespart werden. Der Staat ist seinen Verpflichtungen nicht vollumfänglich nachgekommen. Unser Staat hat sich schön zurückgezogen, indem er die versicherungsfremden Leistungen nicht voll gegenfinanziert. Es ist unerlässlich, dass der zweite Teil der Strukturreformen kommt – ansonsten wird die Versorgung sich nicht stabilisieren lassen, wenn nicht sogar deutlich verschlechtern."

Die Sparpläne könne er nur dann akzeptieren, wenn grundsätzliche Reformen – zum Beispiel auch der ambulanten Versorgung – tatsächlich stattfinden würden.

Ärzte hoffen auf Gehör im weiteren Prozess

Dass die aktuelle Protestwelle nochmal was am Spargesetz ändern wird, davon geht Bodendieck nicht aus: "Ich hoffe, dass die Debatte darüber zumindest dazu führt, dass ein echter Wille besteht, grundsätzliche Reformen durchzuführen. Die sind nicht einfach, müssen aber gemacht werden."

Ein zweiter Bericht der Finanzkommision Gesundheit mit Vorschlägen für tiefgreifende strukturelle Reformen kommt voraussichtlich im Dezember. Ob die Forderungen der Ärzteschaft Gehör finden, bleibt abzuwarten.

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