Ob uns hohe Temperaturen glücklich oder unglücklich machen, hängt laut Psychologie davon ab, wie unser Nervensystem „tickt“
Die einen zählen schon im April die Tage bis zum Sommer. Sie genießen jede Minute im Biergarten, fühlen sich energiegeladen und möchten am liebsten den ganzen Tag draußen verbringen. Andere hingegen ziehen bei 30 Grad die Rollläden herunter, schlafen schlecht, werden gereizt und sehnen sich nach Regen und kühlen Nächten. Lange galt das als reine Geschmackssache. Tatsächlich zeigt die psychologische Forschung jedoch: Hitze wirkt auf unsere Stimmung – allerdings höchst unterschiedlich. Ob hohe Temperaturen glücklich oder unglücklich machen, hängt nicht zuletzt davon ab, wie wir als Persönlichkeit „ticken“. Dabei geht es keineswegs um die einfache Frage, ob jemand lieber Sommer oder Winter mag. Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Vielmehr treffen dieselben Temperaturen auf unterschiedliche Nervensysteme, unterschiedliche Stressverarbeitungen und unterschiedliche Bedürfnisse. Genau deshalb kann dieselbe Hitzewelle für den einen wie ein Kurzurlaub wirken – und für den anderen wie eine Dauerbelastung. Typ „Der Sommer ist mein Akku“ Sobald die Temperaturen auf über 30 Grad steigen, beginnt für Daniel (51) die schönste Zeit des Jahres. Nach Feierabend fährt er direkt an den See, trifft Freunde zum Grillen und sitzt oft bis Mitternacht draußen. Während Kollegen über die Hitze stöhnen, wirkt er wie aufgeladen. „Im Sommer bin ich einfach besser drauf. Ich habe mehr Energie, mehr Ideen und viel mehr Lust auf Menschen“, sagt er. ANZEIGE ANZEIGE Daniel gehört zu den Menschen, die von Sonne und Wärme regelrecht profitieren. Tatsächlich beeinflusst helles Tageslicht verschiedene Botenstoffe im Gehirn, die unsere Stimmung stabilisieren. Gleichzeitig verbringen wir bei gutem Wetter mehr Zeit im Freien, bewegen uns häufiger und treffen andere Menschen. Bewegung, Licht und soziale Kontakte gehören wiederum zu den wirksamsten natürlichen Stimmungsaufhellern überhaupt. Besonders ausgeprägt scheint dieser Effekt bei extravertierten Menschen zu sein. Sie suchen Abwechslung, genießen gemeinsame Aktivitäten und erleben den Sommer als eine Jahreszeit voller Möglichkeiten. Die Hitze selbst ist dabei oft gar nicht der entscheidende Faktor – sondern das, was sie ermöglicht: lange Abende spontane Begegnungen das Gefühl von Freiheit Hinzu kommt ein psychologischer Mechanismus, den wir alle kennen: Sommer ist für viele Menschen emotional mit Urlaub, Kindheit, Ferien und Leichtigkeit verknüpft. Allein diese positiven Erwartungen können die Stimmung verbessern. Psychologen sprechen hier von einem Priming-Effekt: Unsere Erinnerungen färben unsere Wahrnehmung der Gegenwart. Typ „Jeder heiße Tag kostet Kraft“ Ganz anders erlebt Katharina (57) dieselben Temperaturen. Bereits nach zwei tropischen Nächten fühlt sie sich wie gerädert. Im Büro fällt ihr das Konzentrieren schwer, Kleinigkeiten bringen sie schneller auf die Palme und abends fehlt ihr jede Energie. „Ich funktioniere noch, aber ich fühle mich wie mit angezogener Handbremse“, beschreibt sie ihren Sommer. Auch das ist psychologisch gut erklärbar. Hohe Temperaturen verschlechtern häufig die Schlafqualität. Der Körper kann nachts schlechter herunterkühlen, Tiefschlafphasen werden kürzer und die Erholung leidet. Schon wenige Nächte mit schlechtem Schlaf reichen aus, um Konzentration, Geduld und emotionale Belastbarkeit deutlich zu reduzieren. Besonders betroffen sind Menschen, die ohnehin sensibler auf körperliche oder seelische Belastungen reagieren. In der Persönlichkeitspsychologie spricht man hier häufig von einer höheren emotionalen Sensibilität und Reagibilität – also einer stärkeren Neigung, Stress, Unsicherheit oder körperliche Veränderungen intensiver wahrzunehmen. Hitze wird dann nicht nur körperlich als anstrengend erlebt, sondern auch emotional. Hinzu kommt ein weiterer Effekt: Unser Gehirn muss bei großer Hitze mehr Energie für die Regulation des Körpers aufwenden. Kreislauf, Flüssigkeitshaushalt und Temperaturkontrolle beanspruchen Ressourcen, die dann für Konzentration, Geduld und Selbstkontrolle fehlen. Deshalb reagieren viele Menschen während längerer Hitzeperioden gereizter, ungeduldiger oder emotional dünnhäutiger. Studien zeigen sogar, dass mit steigenden Temperaturen Konflikte und aggressives Verhalten leicht zunehmen. Das bedeutet nicht, dass Hitze Menschen aggressiv macht. Sie senkt jedoch häufig die Frustrationstoleranz. Was uns an einem kühlen Frühlingstag kaum stören würde, bringt uns bei 35 Grad schneller aus der Fassung. Es gibt kein „richtig“ oder „falsch“ bei Hitze Die entscheidende Botschaft lautet deshalb: Es gibt weder den idealen Sommertyp noch die falsche Reaktion auf Hitze. Manche Menschen gewinnen durch Wärme Lebensfreude und Energie, andere verlieren genau diese Ressourcen. Beides ist normal. Wer seinen persönlichen Hitzetyp kennt, kann deutlich besser mit den Belastungen umgehen. Für die einen bedeutet das, möglichst viel Zeit draußen zu verbringen und die positiven Effekte des Sommers bewusst zu nutzen. Für andere ist Schlafhygiene wichtiger: kühle Schlafzimmer, ausreichend Flüssigkeit, körperliche Anstrengungen in den Morgenstunden und bewusst eingeplante Erholungspausen. Vielleicht sollten wir deshalb aufhören, Menschen dafür zu belächeln, dass sie den Sommer lieben – oder ihn kaum ertragen. Die gleiche Sonne scheint zwar für alle. Doch sie trifft auf ganz unterschiedliche Persönlichkeiten. Und genau deshalb kann derselbe Sommertag den einen mit Lebensfreude erfüllen, während er den anderen erschöpft und traurig macht. Das Wetter beeinflusst unsere Psyche also durchaus – aber nie losgelöst von dem Menschen, auf den es trifft. Nicht die Außentemperatur allein entscheidet darüber, wie wir uns fühlen. Entscheidend ist, wie unser Gehirn, unser Körper und unsere Persönlichkeit gemeinsam auf sie reagieren. Genau darin liegt die eigentliche Psychologie des Sommers.