Oberbefehlshaber Grynkewich erklärt, wie die NATO einen Angriff Russlands zurückschlagen will
Der militärische Oberbefehlshaber der NATO für Europa, US-General Alexus Grynkewich, hat am Montag erstmals öffentlich dargelegt, wie sich das Bündnis gegen einen russischen Angriff verteidigen will. „Sollte es zum Krieg kommen, werden wir jeden Angriff abwehren und zerschlagen“, sagte Grynkewich auf einer Sicherheitskonferenz in Warschau. „Und sollte er dennoch nicht aufhören, werden wir die gegen uns angreifenden Streitkräfte dort zerschlagen, wo wir es geübt haben.“ Grynkewich sprach von einer „Theorie des Sieges“, auf die sich die 32 Verbündeten intern verständigt hätten. „Wir haben sie vor etwa drei Monaten fertiggestellt. Und die endgültige Version liegt in geheimer Form vor“, sagte er.
Der Oberbefehlshaber, kurz SACEUR genannt, begründete den ungewöhnlichen Schritt, diese Überlegungen öffentlich zu machen, mit der gegenwärtigen Bedrohungslage. „Angesichts der zahlreichen Sabotage- und Brandstiftungsakte sind die Bevölkerungen in unserem Bündnis meiner Ansicht nach etwas nervös“, sagte er. Er wolle den Bürgern versichern, „dass wir die Lage im Griff haben“. Diese Botschaft richte sich auch an alle, „die darüber nachdenken, uns Schaden zuzufügen“. Diese sollten keinen Angriff wagen, denn die NATO wisse genau, was sie tun werde. Grynkewich nannte Russland an keiner Stelle seines etwa 15 Minuten langen Vortrags namentlich, sondern sprach durchgängig von „unserem Gegner“.
Im Zentrum seiner strategischen Überlegungen stand, dass die NATO als defensives Bündnis alle ihre Kräfte auf die Verteidigung ihres Territoriums ausrichtet – mit dem Ziel, dem Angreifer eine „taktische und operative Niederlage“ zuzufügen. „Wir zerschlagen das Kriegssystem, das uns angreift, um es unfähig zu machen, diesen Angriff fortzusetzen.“ Es gehe aber nicht darum, dem Gegner eine „strategische Niederlage“ zuzufügen, ihn also vollends in die Knie zu zwingen und sein Territorium zu besetzen.
Eine klare Anspielung auf das Atomwaffenarsenal
„Die Last der Eskalation würde voll und ganz auf dem Angreifer lasten“, sagte er. Die Allianz könne aber „massive Wirkung entfalten“ und „jedem Schritt des Feindes auf der Eskalationsleiter etwas Entsprechendes entgegensetzen“. Damit spielte er auf die nukleare Abschreckung und die Bereitschaft zu nuklearer Vergeltung an.
Grynkewich legte einen gestuften Ansatz zur Verteidigung dar. Wegen seiner technologischen Überlegenheit könne das Bündnis „kaum überrascht werden“, sagte er. „Wir werden erkennen, ob ein Angriff bevorsteht, was uns Zeit gibt, die Lage schnell einzuschätzen und unsere Streitkräfte entsprechend zu positionieren.“ Deswegen sei die NATO auch auf einen Angriff vorbereitet, der durch die Besetzung von Territorium, etwa im Baltikum, „vollendete Tatsachen“ schaffen solle. „Wir werden den ersten Angriff abwehren. Sollte der Angriff anhalten, werden wir ihn abschwächen und den Vormarsch des Feindes verhindern. Und falls erforderlich, werden wir die feindlichen Streitkräfte zerschlagen“, fuhr Grynkewich vor.
Das beziehe sich auf das gesamte „operative Kriegsführungssystem, das gegen uns aufgestellt ist“. Um dies zu erreichen, „werden wir unsere hochmoderne und äußerst wirksame Präzisionsmunition mit einer überwältigenden Masse kostengünstiger und skalierbarer Systeme einsetzen“. Damit deutete er an, dass die Allianz auch Schläge gegen Kommandozentralen und andere Hochwertziele auf russischem Boden führen würde.
Überlegenheit in allen Domänen der Kriegsführung
Grynkewich begründete seine Zuversicht, dass die Allianz den Sieg davontragen würde, mit ihrer Überlegenheit in allen Operationsdomänen: zu Lande, in der Luft, auf See und im Weltraum. „Landgestützte Streitkräfte werden den Feind angreifen und seine vorrückenden Truppen vernichten“, sagte er. „Unsere Luft- und Seestreitkräfte werden im Zusammenspiel mit unseren Weltraum- und Cyberkräften rasch Handlungsfreiheit erlangen.“ Dabei werde die Luft- und Seeüberlegenheit im und über dem Gefechtsraum zügig gesichert. „Der synchronisierte Einsatz von Multi-Domain-Effekten bis hinunter auf die taktische Ebene wird feindliche Formationen und Kontaktstellen sowie deren Vormarsch überwältigen.“ Feindliche Formationen würden so vom Nachschub abgeschnitten, deren Befehlshaber würden die Kontrolle über ihre Streitkräfte verlieren.
Grynkewich stellte klar, dass er keine Hinweise auf einen „unmittelbar bevorstehenden oder unvermeidbaren Konflikt“ habe. Die NATO suche mit niemandem Krieg. Sollte es jedoch dazu kommen, sei sie jederzeit verteidigungsbereit.