DAX +0,82 % 26.354,49 Pkt 17:04:11 MDAX -0,39 % 32.303,44 Pkt 17:04:11 Euro Stoxx 50 +0,19 % 6.536,56 Pkt 17:04:00 Dow Jones +0,27 % 54.031,50 Pkt 17:19:11 S&P 500 +0,68 % 7.762,22 Pkt 17:19:10 Nasdaq +1,06 % 26.628,63 Pkt 17:19:08 Nikkei +2,08 % 66.970,22 Pkt 08:45:03 Gold +0,09 % 4.403,70 USD 17:09:11 Silber +2,21 % 64,91 USD 17:09:09 Brent +3,34 % 86,34 USD 17:09:09 WTI +3,45 % 80,88 USD 17:09:09 Bitcoin -0,61 % 64.450,00 USD 17:19:09 EUR/USD +0,26 % 1,15550 USD 17:18:22 EUR/GBP -0,27 % 0,85420 GBP 17:19:11 EUR/CHF -0,19 % 0,93440 CHF 17:19:11 EUR/JPY +0,57 % 183,573 JPY 17:19:05

Ohne OpenAI, Google und andere US-Software - geht das?

Technologie

Von der Tuxedo Computers GmbH hatte ich bis vor vier Wochen noch nie etwas gehört. Da geht es mir ähnlich wie vielen nicht gerade techaffinen Laptopnutzern. Dabei gibt es die Augsburger Firma seit 2004. Was man im Internet über sie findet, beschreibt sie als feine Nischenmanufaktur, die maßgeschneiderte Laptops, Notebooks und Desktop-PCs mit vorinstalliertem Linux-Betriebssystem herstellt. Inzwischen schreibe ich diesen Text auf so einem Gerät. Dieses noch sehr neue Tuxedo-Notebook ist schließlich der zentrale Baustein meines schon länger gehegten Vorhabens, mich von amerikanischer Hardware und Software komplett zu entkoppeln. Mein winziger Beitrag in Richtung digitale Souveränität Europas soll das sein, weil diese so dringend benötigte Souveränität nur begrenzt von Brüssel, Berlin oder Paris aus organisiert werden kann, sondern vor allem durch sehr viel mehr Nachfrage entstehen muss. F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Stellen wir uns vor, ein Teil der 450 Millionen EU-Bürger, die amerikanische Hardware wie Apple- oder Microsoft-Produkte nutzen, würde plötzlich auf europäische Alternativen umsteigen. Stellen wir uns weiter vor, allein in Deutschland würden große, mittelständische und kleine Unternehmen, die jährlich geschätzte 50 bis 100 Milliarden Euro für digitale Dienstleistungen an amerikanische Techkonzerne überweisen, diesen Schritt ebenfalls gehen. Noch besser: Die Bundesregierung würde ihre Softwareverträge mit amerikanischen Konzernen im Umfang von 8,35 Milliarden Euro kündigen und auf deutsche oder europäische Produkte umsteigen. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Die Folgen wären enorm: Aus dieser gebündelten Nachfrage könnte innerhalb weniger Jahre ein eigenes Ökosystem erwachsen – inklusive der Ansiedlung von Herstellern hochwertiger Computerchips, was durch den EU Chip Act bisher nicht gelungen ist. Die Hightech-Chips werden hier bisher nämlich kaum verbaut, weil in der EU eben keine Smartphones, Tablets oder Notebooks im großen Stil produziert werden, weil es hier kein Meta oder Alphabet gibt oder Google und nur wenige große Rechenzentren. Sorgen um die europäische Souveränität treiben mich schon lange um. Der finale Anstoß, mich endlich konkret um meine eigene Unabhängigkeit vom Silicon Valley zu bemühen, kam im Juni 2026, als die US-Regierung den KI-Konzern Anthropic anwies, allen Ausländern den Zugang zu seinen neuesten Modellen zu verwehren. Wer weiß schon, dachte ich, was die amerikanische Regierung als Nächstes sperren könnte? So viel vorab: Die Entkoppelung von amerikanischen Systemen ist ungeahnt einfach. Ich dachte, es wäre viel komplizierter. Und: Qualitätsabstriche musste ich bisher keine machen, dafür sind die europäischen Alternativen inzwischen viel zu gut. Konzerne steigen auf europäische Alternativen um Der Beginn meiner kleinen Rebellion gegen die technologische Übermacht Amerikas geht allerdings weiter zurück und datiert auf November 2022. Da lancierte Open AI seine erste Version von ChatGPT. Ich beschloss, das Sprachmodell nicht zu nutzen. Bis heute nutze ich überhaupt keine amerikanische KI, auch nicht Claude von Anthropic oder etwa Googles Gemini. Dabei drängt sich Gemini mit seiner KI-generierten Zusammenfassung vor der Bereitstellung verschiedener Links ja geradezu auf. Ich habe sie immer ignoriert. Im Frühjahr 2024 hörte ich von einer europäischen Alternative: Für die Gründung ihres Start-ups Mistral AI war eine Gruppe junger französischer Forscher, die die amerikanischen Sprachmodelle an vorderster Front mit entwickelt hatten, angetreten, etwas Eigenes, rein Europäisches aufzubauen. Ihr Chatbot hieß damals noch LeChat. Ich probierte ihn aus und war verblüfft, was die KI inzwischen alles konnte, musste mir aber von Freunden und Kollegen sagen lassen, dass ich von Mistral AI nur begeistert sei, weil ich das bessere nicht kenne. Ich blieb trotzdem bei Mistral AI. Heute habe ich die Pro-Version abonniert. Inzwischen sind viele europäische Großkonzerne Mistral-Kunden, darunter der Softwareriese SAP, der Chipmaschinenhersteller ASML, der Versicherungskonzern AXA und die Bank HSBC. Sie werden ihre Gründe haben. Und die liegen sicher unter anderem in den geopolitischen Entwicklungen. Mein erster Schritt in die Unabhängigkeit war also eine Anfrage an Mistral AI nach einem Wegweiser für mein Vorhaben. Der Chatbot schlug mir zunächst verschiedene europäische Notebook-Hersteller vor, darunter eben auch das des Augsburger Unternehmens Tuxedo, für das ich mich schließlich entschied. Ich kaufte ein Modell mit einem sehr leistungsstarken Arbeitsspeicher, verpackt in unauffälligem Design, nur 200 Gramm schwerer als mein vorheriges Gerät von Microsoft. Alle Komponenten dieses deutschen Notebooks sind europäisch. Einzig die Grafikkarte, also die Halbleitertechnologie, ist es nicht, zugegeben, das Herz des Computers. In meinem Tuxedo ist ein amerikanischer Hochleistungschip verbaut, weil in Europa diese Halbleiter nirgends hergestellt werden. In dieser Hinsicht ist ganz Europa auf amerikanische oder asiatische Produkte angewiesen. Die Hersteller der Grafikkarten sind allerdings wiederum von dem niederländischen Monopolanbieter ASML abhängig, ohne dessen Maschinen sie ihre hochwertigen Chips nicht produzieren können. Weil hier die Abhängigkeiten ausnahmsweise einmal reziprok sind, kann ich mit der amerikanischen Grafikkarte leben. Noch muss ich es auch. Abschied von Google Mein neues, deutsches Arbeitsgerät nahm mir gleich einen Teil meiner Entkoppelungsarbeit ab. Sein Betriebssystem ist Linux – eine Software, die es schon lange gibt, die sich aber gegen MacOS und Windows nie wirklich durchsetzen konnte. Dieses Betriebssystem, einst von einem Finnen entwickelt, wird vor allem für Server, Cloud-Dienste und Unternehmen immer wichtiger – also dort, wo Stabilität, Sicherheit und Unabhängigkeit gefragt sind. Ich musste mich also nur noch für einen Browser und vor allem für eine neue Suchmaschine entscheiden – eine, die nicht Google heißt. Das schien mir die größte Hürde zu sein. Google nämlich liefert aufgrund der Personalisierung so gute Ergebnisse, dass es abhängig macht. In einem früheren Google-„Detox“-Versuch hatte ich mir vor Jahren schon einmal zwei Wochen lang mit einer niederländischen Suchmaschine beholfen, die meine Anfragen nicht speichert, um dann doch wieder zu Google zurückzukehren. Die Google-Maschine erschien mir unschlagbar, weil sie mein Profil – das auf den Servern des Mutterkonzerns Alphabet gespeichert ist – mit jeder Suchanfrage verfeinerte. Der Algorithmus stellte mir genau darauf abgestimmte Links zusammen. Big Tech ist nicht umsonst Big Tech geworden, unter anderem weil sich alle Welt seit Jahren Google und anderer amerikanischen Systeme bedient. Nicht nur Privatpersonen, auch Unternehmen, Regierungen, das Militär. Zum Wachstum der amerikanischen Techkonzerne habe somit auch ich über Jahre beigetragen, indem ich beständig Daten über den Atlantik auf amerikanische Server schickte. Wieder befragte ich meine KI, die mir eine Reihe europäischer Alternativen nannte. Ich probierte mehrere Suchmaschinen aus und entschied mich schließlich für Ecosia, ein Berliner Unternehmen, deren Browser ich auch gleich installierte. Meine Entscheidung für Ecosia hat weniger damit zu tun, dass das Berliner Unternehmen seine Gewinne nutzt, um weltweit Millionen Bäume zu pflanzen. Vielmehr ähnelt die Oberfläche der Suchmaschine stark der von Google, was mir den Abschied erleichterte. Ein Unterschied besteht aber dann doch: Suchmaschine und KI werden bei Ecosia getrennt angeboten. Als Nutzerin bekommt man also nicht wie bei Google als Erstes eine KI-generierte Zusammenfassung, sondern muss sich explizit dafür entscheiden, was ich besser finde. Binnen kürzester Zeit habe ich mich an Ecosia gewöhnt und bin mit den Ergebnissen der Suchmaschine vollauf zufrieden. Die KI basiert auf der Technologie von Mistral. Das Problem mit der Cloud Mit meinem neuen Gerät bin ich geradezu mühelos von Microsoft Office (kostenpflichtig) auf das kostenlose LibreOffice als Textverarbeitungsprogramm umgestiegen. Die Software dafür wird von The Document Foundation entwickelt, einer internationalen, gemeinnützigen Organisation mit Sitz in Berlin. Zu Windows bestehen in der Anwendung kaum Unterschiede. Jetzt blieb nur noch die Cloud: Aktuell lade ich meine Daten – noch kostenlos – in die Tuxedo-Cloud hoch. Allerdings ist der Speicherplatz dort auf 10 Gigabyte begrenzt. Die Cloud wiederum nutzt die Software des deutschen Anbieters Nextcloud. Nextcloud hat zwar zuletzt durch ein Datenleak von sich reden gemacht. Doch das passiert seinen großen Konkurrenten wie Microsoft OneDrive und Apple iCloud auch. Ist die Entkoppelung nun weitgehend gelungen – oder fehlt noch etwas?Wieder frage ich die KI: zunächst Mistral, dann zur Gegenprüfung auch Gemini von Google. Meine Unabhängigkeit sei zu 85 bis 90 Prozent erreicht, bestätigen beide. Browser und Suchmaschine greifen im Hintergrund allerdings noch auf Infrastruktur von Google und Microsoft zurück, auch wenn sie mich nicht tracken. Alternativen wären Qwant, eine europäische Suchmaschine, die sogar das EU-Parlament nutzt, und Mojeek, ein unabhängiges britisches Angebot. Ich bleibe erst einmal beim deutschen Anbieter, einen Hauch Patriotismus erlaube ich mir. Umorientieren kann ich mich immer. Dann wiesen mich die Systeme auch noch auf meine E-Mail-Adresse hin, die von AOL aus den 1990er-Jahren stammt. Mistral empfahl mir einen deutschen Anbieter, der „philosophisch und regional“ am besten in mein „neues europäisches Ökosystem“ passen würde. Mit meiner Aktion liege ich durchaus im Trend, zumal Entspannung im Verhältnis mit Amerika nicht in Sicht ist. Erst vor wenigen Tagen verkündete US-Präsident Trump, die auslaufenden Zölle zu erneuern. Das dürfte die Länder weiter bestärken, sich auch digital unabhängiger zu machen: Frankreich verlangt bereits von seiner gesamten Verwaltung bis Ende des Jahres einen Ausstiegsplan. Das französische Verteidigungsministerium hat sich von Palantir abgewandt, so auch die Bundeswehr. Die Regierung unter Emmanuel Macron hat in Europa schon früh erkannt, dass eine großflächige Entkoppelung nicht nur unabhängig macht, sondern dem heimischen Techmarkt zu enormer Nachfrage verhilft. Auch in Deutschland gibt es Bewegung, in Schleswig-Holstein etwa oder Städten wie München. 2028 macht die Bundesregierung immerhin die Nutzung von LibreOffice in deutschen Behörden zur Pflicht.

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