Ökonomie der Empörung: Reality-TV und Social Media
Man muss kein eingefleischter Reality-TV-Fan sein, um in den vergangenen Wochen von „Bad Boyfriends“ gehört zu haben, einer RTL+-Show, in der nichts ahnende Männer von ihren Freundinnen mit ihrem Fehlverhalten konfrontiert werden. Man muss nicht einmal einen Fernseher besitzen. Eine Szene aus der vierten Folge lief in den sozialen Medien rauf und runter: Einer der Teilnehmer, Mladen, „Maki“ genannt, hat, wie seine Freundin Michelle in der Sendung erfährt, nicht nur eine Online-Affäre, sondern auch ein Zweithandy, angeblich zum Musikhören, darauf Nacktfotos einer anderen Frau. Diese ist aber, wie er Michelle später – zur Beruhigung! – versichern wird, schon tot, ermordet von ihrem Freund. „Du bist labil“, sagt Maki, als Michelle ihn mit der Affäre konfrontiert. „Vielen kommt das jetzt so vor, als würde ich dich kleinmachen, aber weißt du, was eigentlich der Kern ist? Dass du dich nur kaputt und klein machst.“ Von seinem Fehltritt ist keine Rede mehr. „Ich versuche, dass du einfach mal glücklicher bist.“ Ab dieser Aussage wird ein Banner mit der Telefonnummer eines Hilfetelefons eingeblendet, falls man „toxisches Verhalten“ kennt und Hilfe benötigt. Doch Maki geht noch weiter: „Ich glaube sogar, dass, wenn du öfter so denken würdest, du mich mehr heiß machen würdest.“ F.A.Z.-Artikel häufiger in Ihren Suchergebnissen sehen F.A.Z. bei Google bevorzugen Auf einmal soll die Privatsphäre geschützt werden Videos dieser Sequenz fluten Instagram und Tiktok, in den Kommentarbereichen tummeln sich Aussagen wie „Mehr Gaslighting geht nicht“ oder „Michelle, renn!“. Auch, dass die Folge, die den Femizid behandelt, zunächst ohne Einordnung ausgestrahlt wurde, sorgt in den sozialen Medien für Entsetzen. Stattdessen wurde während der Szene lediglich ein Hinweis mit der Empfehlung eingeblendet, beim Verschicken privater Fotos vorsichtig zu sein. Mit dem darauffolgenden Shitstorm konfrontiert, forderte der Sender in einer Instagram-Story, mit dem „behandelten Thema“ „respektvoll und verantwortungsbewusst“ umzugehen. Als auch das die Empörung nicht beilegte, kündigte RTL eine nachträgliche Anpassung der Folgen an. Inzwischen wurde die Szene, in der Maki vom Femizid spricht, entfernt, und auch die darauffolgenden Folgen starten mit einem Disclaimer, der behauptet: „Hinter jeder Geschichte stehen reale Menschen – Angehörige und Freunde –, deren Privatsphäre es zu schützen gilt.“ Psychologische Betreuung? Die bräuchten auch die Zuschauer Angesichts der programmatischen Grenzüberschreitungen, von denen das Genre lebt, ist die Bitte um den Schutz der Privatsphäre ziemlich bizarr. Aber so ernst scheint man es damit auch nicht zu meinen. Dass die Szene überhaupt ausgestrahlt wurde, erklärt RTL in einem Statement gegenüber der Zeitschrift „TV Movie“ mit einer Art übergeordnetem ästhetischen Interesse: Zwar lege man „großen Wert darauf, mit sensiblen Themen verantwortungsvoll umzugehen und die Persönlichkeitsrechte aller Betroffenen zu schützen“, heißt es. Aber „die Konfrontation mit den Inhalten auf dem Zweithandy“ sei nun einmal „ein wesentlicher Bestandteil der Beziehungsgeschichte von Michelle und Maki und damit ein zentrales Element der in ‚Bad Boyfriends‘ erzählten Handlung“. Immerhin habe den Teilnehmenden während der Dreharbeiten psychologische Betreuung zur Verfügung gestanden – man fragt sich nur, warum die Öffentlichkeit nicht auch daran teilhaben kann. Unabhängig davon, ob hinter dem Skandal bewusstes Kalkül stand, verdankt die Sendung ihre enorme Aufmerksamkeit vor allem diesem Shitstorm – und ihrem Umgang damit. Nicht nur das Verhalten der Darsteller, sondern gerade auch die verspätete Einordnung des Senders sorgten für massenweise Kommentare und für immer mehr Reaktions-Videos über „Bad Boyfriends“. Die Empörung scheint Teil des Geschäftsmodells zu sein: Die Einschaltquoten sprechen für sich, über eine zweite Staffel wird bereits spekuliert. Was man an diesem Beispiel gut veranschaulichen kann, ist, wie die sozialen Medien die Aufmerksamkeitsökonomie des Reality-TV grundlegend verschoben haben. Zu Beginn seines Aufstiegs funktionierte das Genre weitgehend als abgeschlossenes Fernsehformat. Die öffentliche Debatte spielte sich in Boulevardmedien ab, den wirtschaftlichen Nutzen hatten vor allem Sender und Produktionsfirmen, die zugleich bestimmten, wie Kandidaten öffentlich wahrgenommen wurden: Für Einschaltquoten wurden Konflikte zugespitzt, Skandale konstruiert und Teilnehmer verzerrt dargestellt, oft auf deren Kosten. Je mehr sich die Zuschauer aufregen, desto größer die Reichweite Auch deswegen scheiterten in der Vergangenheit viele Teilnehmer daran, den Hype in eine nachhaltige Karriere umzumünzen. Frühe Reality-TV-Stars wie Jürgen Milski oder Zlatko Trpkovski, beide bekannt aus der ersten Staffel von „Big Brother“, blieben vor allem dadurch relevant, dass sie im Anschluss an die Sendung ihre Karrieren als Sänger vorantrieben. Und Gina-Lisa Lohfink, Teilnehmerin der dritten Staffel von „Germany’s Next Topmodel“, sorgte in erster Linie mit ihrer offenen, direkten Art dafür, dass sie im Anschluss als Moderatorin in Formaten wie „taff“ zu sehen war. Heute ist die Reality-TV-Sendung längst nur noch der Auslöser – das eigentliche Spektakel entsteht in den Feeds, Kommentarspalten und Podcasts. Darum herum ist ein ganzes Ökosystem der Fankultur entstanden: Einzelne Szenen werden Bild für Bild analysiert und von (Hobby-)Psychologen mit Begriffen wie „Gaslighting“, „Love Bombing“, „toxisch“ oder „Narzisst“ etikettiert. Und weil Reality-TV nie Anspruch auf Moral oder gar Pietät erhoben hat, kann auch das Ansehen von Sendung und Sender nicht wirklich leiden: Solange die Shows online diskutiert werden, steigen die Zuschauerzahlen. Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. F.A.S. jetzt lesen Auch für die Teilnehmer verschiebt Social Media die ökonomische Logik: Der eigentliche Gewinn ist längst nicht mehr das Preisgeld, sondern Reichweite. Und diese lässt sich besonders zuverlässig mit Verhalten generieren, das online polarisiert. Schon vor dem Aufstieg von Social Media erhielt Reality-TV den Spitznamen „Trash-TV“, schon damals erregten vor allem die Sendungen Aufsehen, in denen Teilnehmer polarisierten. Doch heute liegt die Macht über die eigene Inszenierung längst nicht mehr allein bei der Produktion: Viele Teilnehmende haben die Logik der Formate verinnerlicht und nutzen sie strategisch für den eigenen Marktwert. „Trash“ zu sein, lohnt sich dabei an allen Fronten. Diese Entwicklung aber verschärft nicht nur den Drang zum Skandal und das Level der Geschmacklosigkeit, sie sorgt vor allem für eine kategorische Verschiebung: Schon immer hing der Reiz des Reality-TV davon ab, dass sich Zuschauer und Darsteller darauf einlassen, das Drama, so schlecht es auch gespielt ist, für echt zu halten beziehungsweise auszugeben. Im Zeitalter allgegenwärtiger Selbstdarstellung funktioniert dieser Deal aber nur noch, wenn die gefakte Echtheit auch durch eine ordentliche Social-Media-Präsenz verbürgt wird. Einen Reality-Charakter ohne aktiven Account würde man einfach für eine fiktive Figur halten. Doch bei aller Inszenierung, die in den sozialen Medien stattfindet, lässt sich in dieser Welt das Drehbuch nicht mehr kontrollieren, die echte Realität nicht mehr von der gescripteten trennen. Die Performance der Stars mag Kalkül sein, aber die Empörung ist echt – und die wiederum zahlt auf die Identifikation mit Figuren und „Handlung“ ein. So lässt sich auch die Läuterung ideal vermarkten: In einem Instagram-Highlight mit dem Titel „Change“ verkündete Maki nach seinem Geständnis, er schäme sich „zutiefst“ für sein Verhalten und gehe nun zur Therapie, um seine „tiefen Traumata“ zu verarbeiten. So steigt die Reichweite – und damit die Chance auf Folgeformate. Man vermarktet sich gut als geläuterter Mann Ähnlich funktionierte das Prinzip auch bei Aleksandar Petrovic, mit dem Maki in nicht wenigen Kommentaren verglichen wird. Der Reality-TV-Star, der sich selbst als „maskulinen Mann der alten Schule“ bezeichnet, rastete kürzlich in der Sendung „Prominent getrennt“ während eines Gesprächs mit seiner Ex-Freundin Vanessa aus, schüttete ihr Sekt ins Gesicht und warf ihr das Glas vor die Füße, was Schnittverletzungen zur Folge hatte. In den sozialen Medien überschlugen sich die Aufschreie, ein Statement des Senders wurde gefordert, das „Canceln“ von Aleks. Auch Aleks sprach von Therapie, postete Entschuldigungs-Videos, vermarktete sich als geläuterten Mann. Mit Erfolg: Aktuell wirbt er bei seinen 300.000 Instagram-Followern für sein bald erscheinendes Kinderbuch, das Kindern den richtigen Umgang miteinander näherbringen will. Als Teilnehmer für die nächste Staffel von „Das große Promi-Büßen“ wurde er auch schon angekündigt, denn natürlich gibt es auch für gefallene Reality-Stars längst ein eigenes Format. Auch die Debatte darüber, was überhaupt „echt“ ist im Reality-TV, ist längst ein integraler Bestandteil der Verwertungskette. Dass diese Frage nach der Echtheit von Reality-TV, die noch nie abschließend beantwortet werden konnte, durch den Sprung auf die Ebene der sozialen Medien völlig den Boden verliert, spielt der Aufmerksamkeit nur in die Karten. Auch Michelle, mittlerweile Makis Ex-Freundin, erzählte nach der Ausstrahlung von „Bad Boyfriends“, Maki habe zugegeben, sie schon im „Sommerhaus der Normalos“, wo er bereits mit seinem Verhalten polarisiert hatte, absichtlich schlecht behandelt zu haben, um in der Reality-Welt bekannter zu werden. Seinen Job habe er bereits zuvor gekündigt, um Reality-Star zu werden. War das toxische Verhalten also nur gespielt? Um diese Frage drehen sich auch unzählige Kommentare auf Aleks Petrovics Instagram-Profil, besonders unter einem Video, in dem er und Vanessa nach dem Sektglas-Übergriff innig tanzen. In der Caption wirft er Vanessa „Rufmord“ vor, nach dem Motto: So schlimm kann das alles ja nicht gewesen sein. Wie weit diese Dynamik der Aufmerksamkeitsgenerierung reicht, zeigt in anderer Weise ein Vorfall aus der aktuellen Staffel von „Ex on the Beach“: In einer Szene drückt Teilnehmerin Brenda ihrem Ex-Freund Laurenz den Fuß ins Gesicht und wirft ihm an den Kopf, sein Vater habe recht damit gehabt, ihn einen „Niemand“ zu nennen. Laurenz stellt die Szene kurzerhand auf Instagram parodistisch nach, um für einen Selbstbräuner zu werben – und wird dafür gefeiert. „Marketing durchgespielt“, lautet einer von vielen begeisterten Kommentaren. So steigert toxisches Verhalten also nicht nur den Marktwert der Figuren, es kann auch zur Vermarktung beliebiger Produkte genutzt werden – und zwar von allen Beteiligten. Das Problem ist also längst nicht nur das toxische Verhalten selbst, sondern eine Aufmerksamkeitsökonomie, die es belohnt. Um den Erfolg von Reality-TV-Shows zu vergrößern, muss man sie heute nämlich nicht einmal mehr schauen – es reicht, sich über sie zu empören.