Ökononom warnt vor Folgen für Ukraine
Startseite Wirtschaft „Nicht in der Lage, den Krieg zu gewinnen“: Ökonom sieht Russlands Wirtschaft unter Druck Von: Carmen Mörwald Uns auf Google folgen Die russische Bevölkerung zeigt sich unzufrieden mit Putin. Ein Frieden wäre gut für die Wirtschaft – doch ein Experte hält eine Eskalation für wahrscheinlicher. Moskau – Der Ukraine-Krieg hat die russische Wirtschaft in eine tiefe Krise gestürzt. Erstmals spüren auch breite Bevölkerungsschichten die Folgen – unter anderem durch Treibstoffmangel. Diesen räumte Russlands Präsident Wladimir Putin bei einem Treffen mit Ölmanagern und führenden Regierungsvertretern selbst ein. Ökonom Wassili Astrow vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (wiiw) warnt: Moskau könnte darauf mit einer Eskalation seiner Angriffe reagieren. Wie Astrow dem MDR sagte, sei der Krieg für die meisten Russinnen und Russen weit weg. Das hat sich geändert. Man gebe Putin keine Schuld, weil er den Krieg angefangen habe, „sondern vor allem dafür, dass er nach viereinhalb Jahren nicht in der Lage ist, den Krieg zu gewinnen und dass er zugelassen hat, dass jetzt auch viele russische Städte unter ukrainischem Beschuss stehen“, so der Experte. Führende Ökonominnen und Ökonomen sind sich einig: Die weitere Entwicklung des Ukraine-Kriegs bestimmt die Lage der russischen Wirtschaft – und 2026 dürfte das schwierigste Jahr für das Land werden. Drohnen aus der Ukraine treffen Russlands Wirtschaft Allein wegen der schwindenden Zustimmung in der eigenen Bevölkerung geht Astrow davon aus, dass Russland seine Angriffe auf die Ukraine verschärfen könnte. Die Treibstoffkrise sei laut ihm erst das zweite Mal, dass Russinnen und Russen die Auswirkungen des Kriegs gegen die Ukraine zu spüren bekämen. „Das erste Mal waren die Internetsperren und überhaupt diese Einschränkungen vom mobilen Internet, die Sperre von WhatsApp, von Telegram, der Kampf des Staates gegen VPN.“ Grund für den Benzinmangel sind ukrainische Drohnenangriffe auf russische Raffinerien. In der Folge ist die Raffinierungskapazität auf den niedrigsten Stand seit über 21 Jahren gefallen. In mehr als 55 Regionen wurde rationiert, an Tankstellen bildeten sich Schlangen. Laut dem ukrainischen Portal Ekonomiczna Prawda fehlen dem Land täglich bis zu 45.000 Tonnen Benzin. Um die Versorgung zu sichern, kauft Russland sein eigenes Rohöl als raffiniertes Benzin aus Indien zurück. Die verstärkte Ukraine-Offensive hat auch zur Folge, dass Behörden in Russland immer wieder das mobile Internet abstellen. So soll die Navigation ukrainischer Drohnen erschwert werden. Das wiederum führt nun dazu, dass immer mehr Russinnen und Russen Bargeld von ihren Konten abheben. Viele Menschen befürchten, dass digitale Bezahlsysteme und Kartenterminals zeitweise ausfallen könnten. Laut Daten der russischen Zentralbank ist die Bargeldmenge, die außerhalb der Banken gehalten wird, im Vergleich zum Vorjahr um 17,5 Prozent auf über 19 Billionen Rubel (rund 214 Milliarden Euro) gestiegen. Wirtschaft in Russland stagniert – Zinsen würgen Investitionen ab Laut der jüngsten wiiw-Prognose steckt die russische Wirtschaft in einer Konjunkturflaute. Das Wachstum liegt 2026 bei nur 0,6 Prozent – nach 4,9 Prozent im Jahr 2024 und einem Prozent im Jahr 2025. Als Hauptursache nennt Ökonom Astrow die restriktive Geldpolitik der Moskauer Notenbank, „die die Wirtschaft abwürgt“, weil sie Kredite zu teuer mache. Um dem entgegenzuwirken, hat die russische Zentralbank zuletzt den Leitzins erneut gesenkt, und zwar von 14,25 auf 14 Prozent. Die Folgen der stagnierenden Wirtschaft zeigen sich auch an der Moskauer Börse. Der Leitindex IMOEX2 fiel am 20. Juli erstmals unter 1900 Punkte. Vor einem Jahr stand er noch bei über 2800 Punkten. Zudem geraten die Staatsfinanzen unter Druck. Die liquiden Reserven des russischen Staatsfonds sind von 6,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Kriegsbeginn auf 1,8 Prozent gesunken. Die Öl- und Gaseinnahmen brachen im ersten Quartal um 45 Prozent zum Vorjahreszeitraum ein. Astrow warnt vor Eskalation – doch „Frieden wäre für die Wirtschaft gut“ Trotz der wirtschaftlichen Schwäche bleibt Russland aus Sicht des wiiw in der Lage, den Angriffskrieg gegen die Ukraine zu finanzieren. Für 2027 rechnet das Institut mit einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent. Allerdings ist die einzige Branche, die vom Krieg profitiert, die Rüstungsindustrie: „Die Rüstungsproduktion ist eigentlich die einzige Industriebranche innerhalb des verarbeitenden Gewerbes, die nach wie vor ein Wachstum verzeichnet“, erklärt Astrow dem MDR.