Ökostrom ist billig, doch Strompreise fallen trotzdem nicht
Strom aus Sonne und Wind ist die günstigste Energiequelle, die es in Deutschland gibt. Trotzdem bestimmt an der Strombörse fast immer das teuerste verfügbare Kraftwerk den Preis für den gesamten Markt. Dieser Mechanismus heißt Merit Order, und er erklärt einen Widerspruch, der die aktuelle Energiepolitik prägt: Warum günstiger Ökostrom nicht automatisch zu einem günstigen Strompreis führt.
Harald M. Depta ist DEKRA-zertifizierter Experte für Photovoltaik, Ladeinfrastruktur, Elektromobilität und elektrisches Fuhrparkmanagement. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle.
Wie die Merit Order den Preis bildet
An der Strombörse bieten alle Kraftwerksbetreiber und Betreiberinnen ihren Strom stündlich an. Die Börse ordnet die Angebote nach den sogenannten Grenzkosten, also den Kosten für die jeweils nächste erzeugte Kilowattstunde.
Wind- und Solaranlagen haben nahezu keine Brennstoffkosten und stehen deshalb ganz vorne in dieser Reihenfolge. Es folgen Kernenergie, Kohle und zuletzt Erdgas, das die höchsten Grenzkosten hat.
Das letzte Kraftwerk, das gebraucht wird, um die gesamte Nachfrage einer Stunde zu decken, setzt den Preis für alle Anbieter dieser Stunde. Dieses Einheitspreisverfahren, auch Markträumungspreis genannt, bestätigt der Wissenschaftliche Dienst des Bundestags in seiner Ausarbeitung zur Merit Order ausdrücklich. Wichtig zu wissen: Die Merit Order ist kein Gesetz, sondern das Ergebnis eines liberalisierten, wettbewerblichen Strommarkts.
Ein vereinfachtes Rechenbeispiel
Nehmen wir eine einzelne Börsenstunde mit einem Strombedarf von 50 Gigawattstunden an.
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Wind- und Solaranlagen liefern 30 Gigawattstunden nahezu zum Nulltarif.
Kohle- und Kernkraftwerke ergänzen 15 Gigawattstunden zu vergleichsweise günstigen Kosten.
Die restlichen 5 Gigawattstunden kann nur ein Gaskraftwerk liefern, dessen Grenzkosten deutlich höher liegen.
Dieses Gaskraftwerk wird zum sogenannten Grenzkraftwerk. Es bestimmt den Preis, den alle 50 Gigawattstunden dieser Stunde erhalten, auch die günstig erzeugten.
Wer viel Wind- und Solarstrom produziert, aber trotzdem noch ein Gaskraftwerk braucht, zahlt für die gesamte Menge den hohen Gaspreis. Erst wenn erneuerbare Energien und Speicher gemeinsam ausreichen, um die komplette Nachfrage zu decken, entfällt das teure Grenzkraftwerk, und der Preis der gesamten Stunde sinkt spürbar.
Der Widerspruch: günstigste Quelle, teuerster Preis
Nach der aktuellen Studie des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme ISE liegen
die Stromgestehungskosten von Windkraftanlagen an Land 2024 zwischen 4,3 und 9,2 Cent pro Kilowattstunde,
die von Photovoltaikanlagen zwischen 4,1 und 14,4 Cent.
Neu gebaute Kohlekraftwerke kommen dagegen auf 15,1 bis 29,3 Cent pro Kilowattstunde.
Wind- und Solarstrom sind damit schon heute günstiger als Strom aus neuen fossilen Kraftwerken. Trotzdem entscheidet nicht dieser Durchschnittspreis über die Stromrechnung, sondern der Preis des teuersten noch benötigten Kraftwerks.
Genau hier setzt eine aktuelle Analyse des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien IWR an: Wird der Ausbau von Wind- und Solarenergie gebremst, während gesicherte Gaskraftwerksleistung über einen geplanten Kapazitätsmarkt finanziell abgesichert wird, springt häufiger das teure Gaskraftwerk als Grenzkraftwerk ein.
Laut IWR sollen neue kleine Photovoltaik-Dachanlagen künftig keine gesetzliche Mindestvergütung mehr erhalten und ihren Strom selbst vermarkten, während neue Windparks über ein geplantes Netzanschlusspaket zusätzliche wirtschaftliche Risiken tragen sollen.
Die Folge wäre ein höherer, nicht niedrigerer Börsenpreis, obwohl die eigentlich günstigste Technologie zur Verfügung steht. Die zugrundeliegende EEG-Novelle befindet sich noch im Gesetzgebungsverfahren, eine endgültige Beschlussfassung durch Bundestag, Bundesrat und die EU-Kommission steht aus. Die genannten Zahlen können sich dadurch noch ändern.
Was das für Ihre Stromrechnung bedeutet
Je mehr Wind- und Solarstrom eine Stunde deckt, desto seltener wird das teure Gaskraftwerk überhaupt gebraucht, und desto niedriger fällt der Börsenpreis für alle Anbieter dieser Stunde aus.
Dieser sogenannte Verdrängungseffekt funktioniert aber nur, wenn genügend erneuerbare Kapazität und ausreichend Speicher vorhanden sind, um die teuren Grenzkraftwerke tatsächlich aus dem Markt zu drängen. Wird der Zubau gebremst, während fossile Absicherung finanziell privilegiert wird, bleibt das Gaskraftwerk häufiger im Geschäft, und der Preis bleibt hoch.
Für Sie als Verbraucherin oder Verbraucher lohnt sich deshalb ein Blick auf die tatsächlichen Marktdaten statt auf politische Ankündigungen. Die viertelstündlichen Börsenpreise für Deutschland stehen kostenlos und in Echtzeit auf der Plattform SMARD.de der Bundesnetzagentur zur Verfügung.
Ein Vergleich zwischen einem sonnigen, windreichen Nachmittag und einem windstillen Winterabend zeigt den Mechanismus in der Praxis: Genau an den Abenden, an denen das teure Gaskraftwerk einspringen muss, schlägt sich das im Preis für die gesamte Stunde nieder.