Ölmarkt am Anschlag: Wenn die Puffer aufgebraucht sind
Brennende Tanker, angegriffene Raffinerien, leere Lager: Der Ölpreis liegt über 100 Dollar. Branchenchefs warnen, dass die Reserven kaum noch Spielraum lassen.
Man fragt sich inzwischen, welche Erdölanlage gerade nicht in Flammen steht: Vor der russischen Schwarzmeerküste brennt ein Öltanker, den eine Seedrohne getroffen hat, und eine schwarze Rauchsäule zieht über die Ferienstadt Sotschi. Im Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den jemenitischen Huthi-Rebellen, wurden saudische Flughäfen und Raffinerien angegriffen. Aus Venezuela wird ein Brand in einer Raffinerie gemeldet.
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Was bedeutet das alles für den Ölmarkt?
Preis über 100 Dollar
Am Mittwochmittag lag der Preis für die Nordseesorte Brent bei rund 101 US-Dollar je Fass (159 Liter), ein Plus von 36 Cent nach einer kurzen Entspannungsphase in der zweiten Septemberhälfte.
PVM-Analyst Tamas Varga merkte gegenüber der Nachrichtenagentur Reuters an, es fehle Anlegern an Überzeugung, dass die jüngst gestiegenen Exporte aus dem Nahen Osten von Dauer seien.
Immerhin erholt sich das Angebot. Saudi-Arabiens Energieminister Prinz Abdulaziz bin Salman sagte am Dienstag, die Ost-West-Pipeline des Königreichs fördere inzwischen 5,8 Millionen Barrel pro Tag. Vitol-Chef Russell Hardy zufolge verließen in den vergangenen sieben bis zehn Tagen rund 12 Millionen Barrel Rohöl und 2 Millionen Barrel Raffinerieprodukte täglich den Nahen Osten auf Tankern.
Zugleich eskaliert der Konflikt zwischen Saudi-Arabien und den Huthi: Zwei Flughäfen des Königreichs, Jazan und Najran, wurden am Montagabend laut saudischer Luftfahrtbehörde getroffen.
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Hinzu kommt ein Sturm im Golf von Mexiko, der laut US-Meteorologen binnen zwei Tagen zum ersten Atlantik-Hurrikan des Jahres 2026 werden soll. Küstennahe Fördergebiete in seiner Zugbahn liefern 15 Prozent des US-Rohöls und 5 Prozent des Erdgases.
Bis zu sechs Raffinerien könnten betroffen sein; die Raffinerien der Golfküstenstaaten stellen etwa die Hälfte der nationalen Kapazität von 18,2 Millionen Barrel täglich. Tim Waterer von KCM Trade nannte den Sturm eine "unwillkommene Komplikation" für einen Markt, der ohnehin genug Probleme auf der Angebotsseite habe.
Lager fast leer
Das eigentliche Problem liegt nach Ansicht von Branchenvertretern in den schwindenden Reserven. Auf dem Energy Intelligence Forum in London sagte Amin Nasser, Chef des saudischen Staatskonzerns Saudi Aramco, weniger als 6 Milliarden Barrel kommerzieller Lagerbestände seien übrig, der Großteil davon praktisch nicht verfügbar.
Seit Beginn des US-israelischen Angriffskriegs gegen den Iran seien mehr als eine Milliarde Barrel vor allem aus Lagern an Land freigegeben worden – das letzte große Instrument. Verfügbar seien nur noch zehn Prozent oder weniger. Zum Vergleich: Der weltweite Verbrauch liegt laut Internationaler Energieagentur (IEA) bei etwa 102 Millionen Barrel täglich.
Hinzu kommt: Nicht alles gelagerte Öl lässt sich nutzen, etwa wegen Tankbodensätzen, Leitungsinhalten oder staatlicher Vorgaben zu Mindestnotreserven.
Die IEA, Koordinatorin der strategischen Ölreserven des Westens, bereitet die Freigabe von 100 Millionen Barrel Rohöl und Diesel vor, um die stark gestiegenen Dieselpreise zu dämpfen. Unklar ist, ob darin Mengen aus der Rekordfreigabe von 400 Millionen Barrel im März enthalten sind, die noch nicht auf den Markt gelangten. "Es brauchte viele Verhandlungen, aber es sind 100 Millionen", sagte Nasser.
Chevron-Chef Mike Wirth sagte, der Verlust der Puffer mache den Markt fragiler und hebe die Preisuntergrenze. Die Lage könne sich über das kommende Jahr hinaus hinziehen, da das Auffüllen der Lager Jahre dauern könne, erklärten Manager am Montag.
Es bestehe enge Nachfrage nach zusätzlichen Lagerkapazitäten; der Chef der Kuwait Petroleum Corporation, Shaikh Nawaf Al-Sabah, will Speicher im Inland und bei Auslandsraffinerien ausbauen. Vitol-Chef Hardy warnte, die Welt sei auf die Seetransporte aus dem Nahen Osten angewiesen, "um den Winter über das Gleichgewicht zu halten, denn im Westen gibt es keine Lager mehr zu leeren".
Die US-Reserve ist laut Energieministerium auf dem niedrigsten Stand seit Oktober 1982. Auch die Erdgasspeicher sind geleert. Petronas-Chef Tengku Muhammad Taufik warnte, ein harter Winter könne im ersten Quartal 2027 zu einem "Blutbad" am Gasmarkt führen, falls die Speicher Mindestwerte erreichen.
Zusammengenommen ergibt sich ein Bild aus anhaltenden Angriffen auf Infrastruktur, erholten, aber unsicheren Exporten und kaum noch vorhandenen Vorräten. Der Markt reagiert damit empfindlich auf jede weitere Störung.