OpenAI-Hack: Dieser Skandal macht selbst den Regierungschef sprachlos
KI-Agent bricht in Regierungsrechner ein
Äußerste Besorgnis
Aktualisiert am 24.09.2026 - 05:35 UhrLesedauer: 4 Min.
Ein KI-Agent macht sich selbstständig und dringt in sensible Bereiche einer Regierungswebseite ein. Erst Monate später erfährt der Premierminister davon. Und auch das nur auf Umwegen.
Es ist noch nicht allzu lange her, da hätte man die Nachricht, die am frühen Donnerstagmorgen über die Ticker lief wohl für den Plot eines schlechten Science-Fiction-Films halten können: Ein von Künstlicher Intelligenz (KI) gesteuerter OpenAI-Agent verschafft sich heimlich Zugang zu der Webseite einer Regierung, auf deren Servern Gesundheitsdaten von Millionen Bürgern liegen. Der Hack fällt zunächst niemandem auf. Erst zwei Monate später informiert die Firma die Regierung – per formloser Mitteilung über einen öffentlichen E-Mail-Account.
Passiert ist das in Australien. Wie Regierungschef Anthony Albanese am Mittwoch vor Reportern in New York mitteilte, verschaffte sich ein Programm des KI-Unternehmens OpenAI bereits im Juni Zugang zu Statistiken der Gesundheitsbehörde Medicare. Bei Medicare handelt es sich um die staatliche Krankenversicherung, die mehr als 27 Millionen Australier in Anspruch nehmen. Der KI-Agent von OpenAI war offenbar in der Lage, auch nicht-öffentliche Daten von Medicare einzusehen. Albanese nannte den Vorfall "inakzeptabel".
Empörung rief beim Premierminister auch die Tatsache hervor, dass das US-Unternehmen die australische Regierung erst am 10. September auf den Vorfall aufmerksam machte. Und zwar nicht etwa, indem es den direkten Kontakt zur Regierung suchte, sondern durch eine Benachrichtigung, die lediglich im allgemeinen E-Mail-Postfach von Medicare landete. Danach dauerte es noch einmal fünf Tage, bis jemand bei der Gesundheitsbehörde endlich die australische Regierung informierte, wie das Magazin "Politico" berichtet.
Albanese: "Ich hatte viel um die Ohren"
"Ich habe heute dem OpenAI-CEO Sam Altman meine äußerste Besorgnis über den Vorfall übermittelt", sagte Albanese in New York. "Ich habe ihm auch gesagt, dass ich extrem enttäuscht bin, dass es viel zu lange gedauert hat, bis die Firma uns darüber informiert hat." Auf die Frage eines Reporters, ob so etwas überhaupt schon einmal irgendwo auf der Welt vorgekommen sei, sagte Albanese: "Nun, ich hatte in den vergangenen Tagen ziemlich viel um die Ohren und habe keine Tiefenforschung betrieben, aber meines Wissens ist dies der erste Vorfall dieser Art."
Der Premierminister erklärte, es gebe keine Hinweise auf eine weitergehende Kompromittierung des Netzwerks der australischen Regierungsbehörden. Nach derzeitigem Kenntnisstand seien keine personenbezogenen Daten abgerufen worden. Die Ermittlungen dazu dauerten an. Unter anderem wollten die staatlichen Forensiker herausfinden, welche anderen Regierungssysteme betroffen sein könnten, sagte Albanese. Er wirkte einigermaßen sprachlos ob der Dimension des Vorfalls. Der Skandal kommt zu einer Zeit, da der 63-jährige Labour-Vorsitzende wegen seiner Politik in Australien ohnehin unter Druck steht.
Offenbar war der Vorfall vom Juni auch bei OpenAI selbst erst spät bemerkt worden. Die Firma teilte über einen Sprecher mit, dass erst bei einer intern ausgeführten Überprüfung im August bemerkt worden sei, dass auch "mehrere australische Regierungswebsites" betroffen gewesen seien. Zur Begründung für den Ausbruch des KI-Agenten gab das Tech-Unternehmen an, OpenAI-Modelle hätten während einer internen Testreihe "versucht, Antworten und verfügbare Statistiken zu Fragen über Australien abzurufen. Dabei führten unsere Modelle Aktionen aus, die wir nicht beabsichtigt hatten."
Altman mahnt zu "äußerster Vorsicht"
Albanese war anlässlich der UN-Generalversammlung nach New York gereist. Dort hatten am Mittwoch auch Tech-Bosse aus dem Silicon Valley bei einer Sitzung des UN-Sicherheitsrats gesprochen. Sie warnten erneut eindringlich vor den Risiken ihres eigenen Produkts. Sowohl Altman als auch der CEO von Anthropic, Dario Amodei, plädierten für eine rasche Einhegung der KI und ein deutlich langsameres Tempo bei deren Entwicklung.
Altman sagte, das aktuelle Stadium der KI-Entwicklung erfordere "äußerste Vorsicht". Die Branche dürfe "nicht zu viel technologisches Risiko akzeptieren, nur weil die Vorteile zu groß und zu wichtig sind, um das Tempo zu drosseln", sagte er. Anthropic-Chef Dario Amodei versicherte in einer Videostellungnahme: "Wir werden das Tempo so weit drosseln wie nötig, damit jede weitere von uns veröffentlichte KI-Technologie tatsächlich sicher ist."
US-Präsident Trump sieht hingegen keine Gefahren. Er hatte die Warnungen der KI-Bosse kürzlich als großen "Schwindel" bezeichnet und behauptet, für die Sicherheit bei der Forschung Künstlicher Intelligenz bedürfe es nur eines starken US-Präsidenten. In dieser Woche löste er Aufsehen mit dem Vorschlag aus, Künstliche Intelligenz in Superintelligenz umzubenennen.
Amodei und Altman hatten kürzlich für eine langsamere Entwicklung von KI plädiert. Grund waren mehrere Zwischenfälle, bei denen KI-Systeme aus ihren Testumgebungen ausbrachen und über das Internet andere Unternehmen oder Plattformen attackierten. Das schürte Befürchtungen vor womöglich unkontrollierbaren KI-Modellen.
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Grüne Faruqi: "Sie reagieren nur auf Druck"
Australiens Vizepremier Richard Marles nannte den Hackerangriff auf die Regierung durch OpenAI am Donnerstag in Sydney "äußerst schwerwiegend" und "völlig inakzeptabel". Er sprach von einer deutlichen Warnung im Hinblick auf die Entwicklung der KI selbst" und kündigte die Einsetzung einer Taskforce der Regierung an.
Der Vorfall schlägt in Australien hohe Wellen, zeigt er doch die Verwundbarkeit einer Regierung, die sich ihrer hohen Sicherheitsstandards rühmt und erst im vergangenen Jahr mit einem Gesetz zur Einschränkung der Nutzung sozialer Medien weltweit Aufsehen hervorrief. Die Opposition in Canberra wütete geradezu nach Bekanntwerden der Nachricht. Es handle sich um "einen Anschlag auf Australiens Souveränität", sagte die Grünen-Senatorin, Mehreen Faruqi. "Diese Milliardenkonzerne werden die Ermittlungen oder Erklärungen der Taskforce nicht ernst nehmen. Sie reagieren nur auf Druck." Faruqi forderte den vorläufigen Stopp des Baus von Rechenzentren in Australien und scharfe Gesetzesvorgaben, um Land und Menschen vor der Technologie zu schützen.
Auch der unabhängige Senator David Pocock fragte, warum die Regierung die Tech-Konzerne nicht zur Rechenschaft zieht. "Wäre es ein Australier gewesen, der das System gehackt hätte, würde er wahrscheinlich ins Gefängnis kommen, doch die KI-Unternehmen, die diese Technologie entwickeln, müssen sich dafür nicht verantworten."