Opfer kämpft gegen Meta: „Wir treffen Zuckerberg dort, wo es wehtut: bei seinem Geld“
++ Disclaimer: Im folgenden Beitrag geht es um mögliche Fälle von Suizid. Wenn Sie Sorgen, Depressionen oder Suizidgedanken haben, wenden Sie sich an die Telefonseelsorge unter 0800/111 0 111. ++
Hunderte Namen stehen auf dem Plakat, das Männer und Frauen am 18. August vor dem Gericht in Oakland hochhalten. Namen von Kindern und jungen Erwachsenen zwischen acht und 24 Jahren, die aus Sicht der Eltern durch soziale Medien zu Schaden kamen – oder starben.
Am Dienstag vergangener Woche begann in Kalifornien der bislang größte Prozess gegen Meta: 29 Bundesstaaten werfen dem Konzern vor, Instagram und Facebook gezielt so gestaltet zu haben, dass Kinder süchtig werden. Meta weist die Vorwürfe zurück.
Unter den Anwesenden beim Prozessauftakt war Erin Popolo, deren Tochter Emily sich 2021 im Alter von 17 Jahren das Leben nahm, nachdem sie online massiv gemobbt worden war. Seitdem kämpft die 52-Jährige für strengere Gesetze.
Drei Tage nach dem Prozessbeginn fuhr Popolo wieder zurück in ihre Heimat an der Ostküste. Der Tagesspiegel erreicht sie in ihrem Haus am See. Es war der Lieblingsort ihrer Tochter.
Frau Popolo, was ging Ihnen durch den Kopf, als Sie vergangene Woche vor dem Gericht standen?
Ich habe das Gefühl, dass dies ein entscheidender Moment für unsere Bewegung ist. Diese Unternehmen sind bisher ein paar Mal mit einem Klaps auf die Finger davongekommen. Leider haben sie sich ihren Weg in die amerikanische Politik gekauft. Sie geben 250.000 Dollar am Tag für Lobbyarbeit in Washington aus. Wir dagegen sind einfach Eltern, die das Schlimmste vom Schlimmen erlebt haben. Genau das motiviert uns. Wir wollen nicht zulassen, dass andere Familien das Gleiche durchmachen müssen.
Sie haben die Übertragung des Prozessauftaktes verfolgt. Wie haben Sie erlebt, was dort gesagt wurde?
Es ist frustrierend, weil Meta glaubt, nichts falsch gemacht zu haben. Sie sagen: „Wir haben Maßnahmen ergriffen, um Kinder online besser zu schützen.“ Aber uns liegen interne Dokumente vor, und deren Botschaft ist im Kern: Wir wissen, dass das Kindern schadet – aber was macht es mit unserem Gewinn? Sie haben die Entscheidung getroffen, Profite über das Leben von Kindern zu stellen. Das ist in E-Mails festgehalten. Natürlich streiten sie das ab, schließlich haben sie sich nicht ohne Grund gegen einen Vergleich entschieden.
Was ist Ihre größte Hoffnung für den Ausgang des Prozesses?
Dass er Meta so hart trifft, dass das Unternehmen sein Design verändern muss. Denn darum geht es – um das Design, nicht einmal um die Inhalte. Diese Plattformen sind absichtlich so gestaltet, dass unsere Kinder abhängig werden und immer weiterklicken, auch auf unangemessene Inhalte. Das hält die Augen am Bildschirm und sorgt für die Gewinne.
In Oakland klagen nicht die Eltern, sondern Bundesstaaten. Warum ist der Prozess für Sie trotzdem so wichtig?
Ein Kind zu verlieren, damit lebe ich jeden Tag – und das würde ich nicht einmal meinem schlimmsten Feind wünschen. Und ich möchte nicht, dass sich ein anderes Kind so fühlt wie meine Emmy. Als sie im Internet gemobbt wurde, war sie am Boden zerstört. Auf dieser Welt gibt es genug, das Kindern zusetzt. Sie müssen nicht auch noch unter dem Design eines Produkts leiden, das Fremden erlaubt, sie ohne Wissen der Eltern zu kontaktieren.
Haben Sie mal versucht, mit einem 16-Jährigen zu sprechen? Es ist schmerzhaft. Viele wissen nicht mehr, wie man jemandem in die Augen sieht. Sie wirken unbeholfen, weil ihnen die menschliche Verbindung fehlt. Dabei ist es eine Fähigkeit, mit einem anderen Menschen in Kontakt zu treten. Diese Kinder lernen sie nicht, weil die Social-Media-Produkte sie am Bildschirm halten sollen.
Erzählen Sie mir von Emily. Wer war sie?
Emily war ein großartiges Kind, unglaublich lieb. Sie liebte die Natur. Unser Haus am See nannte sie ihr Zuhause, hier fühlte sie sich am wohlsten. Sie ging angeln, suchte Frösche, sammelte Salamander, fuhr Kajak, machte Stand-up-Paddling.
Wie kam sie zu den sozialen Medien?
Durch die Pandemie – so kommunizierten die Jugendlichen damals eben miteinander. Sie war vorher kein Kind, das ständig am Handy hing. Ich war mir auch der Gefahren nicht bewusst. Meine einzige Erfahrung war meine vier Jahre ältere Tochter. Sie hat Social Media nie so abhängig gemacht wie jüngere Kinder. Emily wiederum hatte sich bis zu ihrem 16. Lebensjahr kaum dafür interessiert. Man weiß nicht, was man nicht weiß, bis man es weiß.
War Emily besonders verwundbar?
Emily war ein bisschen anders. Sie hatte Lernschwierigkeiten und auch psychische Probleme, eine bipolare Störung – aber sie war gut eingestellt, sie war in Therapie. Ich hatte das Gefühl, alles zu tun, was ich für sie tun musste. Ich hatte keine Ahnung, dass das Mobbing sie am Ende an ihre Grenzen bringen würde.
Wurde sie schon vorher gemobbt?
Eigentlich ihr ganzes Leben lang. Sie war naiv, das machte sie zu einem leichten Ziel. Als sie jünger war, konnte ich sie da mit meiner Liebe herausholen – ihr Selbstvertrauen wieder aufbauen. Doch als die sozialen Medien dazukamen und sie dem Mobbing nicht mehr entkommen konnte, reichte meine Liebe nicht mehr aus. Ich konnte nicht wiedergutmachen, was diese Kinder ihrem Selbstwertgefühl antaten. So sehr ich meine Tochter lieben konnte – mit 16 suchte sie die Anerkennung von Gleichaltrigen.
Woran erinnern Sie sich konkret?
Im Dezember erschien online ein Foto von ihr. Sie hatte einen Job bei Target. Wegen der Pandemie musste sie Maske tragen. Dazu Haarnetz, Handschuhe und Schürze. Jugendliche aus ihrer Schule kamen in den Laden, fotografierten sie hinter der Cafétheke und stellten das Bild auf Snapchat und Instagram. Dazu schrieben sie: „Geht nicht zu Target, um Pizza zu kaufen, weil Emmy alles auffrisst.“
Was haben Sie getan?
Ich konnte das nicht löschen lassen. Ich drückte auf diesen kleinen Meldeknopf, daraufhin hieß es nur: Wenn der Beitrag gegen unsere Gemeinschaftsstandards verstößt, entfernen wir ihn. Nichts wurde jemals entfernt. Ich fand keine E-Mail-Adresse, keine Telefonnummer dieser Unternehmen. Ich fühlte mich machtlos und hilflos. Ich half Emily, Profile zu blockieren. Wir versuchten, ihr Konto so einzustellen, dass nur Bekannte sie erreichen konnten. Aber vor fünf, sechs Jahren gab es diese Möglichkeiten noch nicht in dem Umfang wie heute.
Tatsächlich führte Instagram Schutzfunktionen wie standardmäßig private Konten für Minderjährige und Kontaktsperren für fremde Erwachsene erst nach Emilys Tod ein.
Dazu kamen die Isolation der Pandemie und der Online-Unterricht, der anfangs nicht funktionierte – all das hat Emily überwältigt. Sie hatte das Gefühl, dass ihr Leben nie besser werden würde.
Nach ihrem Tod ging das Mobbing weiter.
Wir mussten die Trauerfeier über Zoom abhalten. Diese Jugendlichen verschafften sich Zugang. Sie übernahmen die Trauerfeier, stellten pornografische Inhalte ein und drohten, ihren Sarg in die Luft zu sprengen. Sie waren grausam und herzlos. Meine gesamte Familie musste das mitansehen. Ich hoffe ehrlich gesagt, dass Emily im Himmel nicht weiß, dass das passiert ist. Es hätte ihre Entscheidung nur bestätigt.
Trotz all dieser Erfahrungen haben Sie einmal gesagt, dass Sie die Mobber auch als Opfer sehen.
Man hört ja immer: Verletzte Menschen verletzen andere. Gerade in der Pubertät wollen Kinder sich eigentlich nur gut mit sich selbst fühlen. Wenn jemand dafür sorgt, dass sie sich schlecht fühlen, geben sie das weiter – dann stehen sie zumindest eine Stufe über der anderen Person. Deshalb habe ich ein gewisses Mitgefühl mit Kindern, die mobben. Aber auch sie brauchen Hilfe.
Was müsste sich ändern?
Wir setzen Kinder insgesamt zu sehr unter Druck: Bestnoten, die besten Universitäten, 17 verschiedene Sportvereine. Vielleicht müssen wir zurückfinden zu einem Spieleabend mit der Familie, zu gemeinsamen Abendessen. Die Technologie hat alles so einfach und zugänglich gemacht, dass wir einen Schritt zurückgehen sollten, damit Kinder wieder lernen, menschliche Beziehungen aufzubauen.
Haben Sie Ihr eigenes Verhalten in den sozialen Medien verändert?
Wir haben es versucht. Social Media wird ja nicht verschwinden. Auch ich sehe ein lustiges Reel und bin versunken, bevor ich es merke. Dopamin auf Dopamin auf Dopamin. Es ist eine Sucht, und genau die haben sie entwickelt. Facebook nutze ich inzwischen vor allem für meine Aufklärungsarbeit. Denn viele Menschen wissen nicht, wie sehr soziale Medien Kindern schaden. Ich selbst lernte das erst nach Emilys Tod.
Sie sprechen in Ihrer Arbeit viel mit Jugendlichen. Was ist die schwierigste Frage, die Ihnen je eines dieser Kinder gestellt hat?
„Was sollen wir tun?“ Darauf kann ich keine Antwort geben. Denn es liegt nicht an den Kindern oder den Eltern, es liegt an den Unternehmen, ihre Produkte sicherer zu gestalten. Man würde ja auch keinen Kindersitz nehmen und sagen: „Hier, bau ihn ins Auto ein und schau, ob er mit deinem Säugling funktioniert.“
Was raten Sie Eltern?
Beteiligt bleiben und überprüfen, was die Kinder sich ansehen. Von selbst erzählen sie es nie. Sie sagen: „Alles ist in Ordnung.“ Was sie nicht erzählen, ist, dass sie schon viermal mit Pornografie konfrontiert wurden und sieben Fremde sie kontaktiert haben. Gleichzeitig müssen die Unternehmen ihre Produkte so gestalten, dass eben nicht fremde erwachsene Männer Kontakt zu einer 15-Jährigen aufnehmen können. Genau da beginnt das Problem.
Seit Jahren reisen Sie gemeinsam mit anderen Eltern, die ihre Kinder verloren haben, nach Washington, um für strengere Gesetze zum Schutz von Kindern im Netz zu werben. Wie erfolgreich ist diese Aufklärungsarbeit?
Sie wird frustrierend, weil die politische Atmosphäre es unmöglich macht, auf Bundesebene etwas durchzusetzen. Wir sind so gespalten: Entweder bist du Demokrat oder Republikaner. Aber haben wir nicht alle Kinder?
Trotzdem versuchen Sie es.
Ich habe mit acht anderen Eltern Parents Rise gegründet, die erste Interessenvertretung von betroffenen Eltern. Seit vier Jahren versuchen wir, Gesetze durchzubringen – ohne Erfolg. Also gehen wir jetzt zu den Gerichtsprozessen. Wenn wir Mark Zuckerberg dort treffen, wo es wirklich wehtut, nämlich bei seinem Geld, muss er vielleicht etwas ändern. Tu das Richtige, Mark. Es ist Zeit. Du hast viel zu viele Kinder getötet.
Sie sagen „wir“. Was bedeutet Ihnen diese Gemeinschaft?
Ich kam ein Jahr nach Emilys Tod dazu, um meine Geschichte zu erzählen. Was ich dort gefunden habe, lässt sich am besten so beschreiben: Das sind meine besten Freundinnen, die ich nie haben wollte. Wenn man ein Kind verliert, wird es sehr schwer, eine Verbindung zu Menschen aufzubauen, die diesen Schmerz nicht kennen. Dieser Verlust hat mich völlig verändert. Ich bin nicht mehr derselbe Mensch wie vor sechs Jahren, und ich weiß nicht, ob ich je wieder auch nur annähernd so sein werde.
Diese Arbeit bedeutet ja auch, den eigenen Schmerz immer wieder zu durchleben. Gab es einen Moment, in dem Sie fast aufgegeben hätten?
Es ist emotional anstrengend. Jedes Mal unsere Geschichte zu erzählen. Ich habe inzwischen gelernt, darüber zu sprechen, ohne zu weinen. Aber danach weine ich. Vor etwa drei Monaten, nachdem ich vor dem Abgeordnetenhaus von New Jersey ausgesagt hatte, ging ich hinaus und dachte: Ich glaube nicht, dass uns irgendjemand zuhört. Vielleicht ist meine Geschichte gar nicht mehr wichtig. Dann wurde das Gesetz verabschiedet. Als man mir sagte, es werde das strengste Gesetz eines Bundesstaates im ganzen Land, fühlte es sich an wie ein Zeichen von Emily: Mama, gib nicht auf. Du schaffst das. Wir werden diese Veränderung erreichen.
Sie sprechen von der Unterzeichnung des New Jersey Kids Code Act – ein Gesetz, das Plattformen zu maximalen Privatsphäre-Voreinstellungen für Minderjährige verpflichtet und Designfunktionen verbietet, die zwanghafte Nutzung fördern. Sie waren dabei. Wie war dieser Tag für Sie?
Ich stand da und weinte zum ersten Mal Freudentränen. Ich dachte: Mein Gott, es passiert tatsächlich etwas. Emily macht einen Unterschied. Sie wird dabei helfen, ein anderes Kind vor demselben Schicksal zu bewahren.
Emily wäre in diesem August 23 Jahre alt geworden. Haben Sie eine Tradition an ihrem Geburtstag?
Wir essen Pizza, holen ihren Lieblingseiskuchen, und dann lassen wir zu ihren Ehren Schmetterlinge frei, meist zwischen 30 und 50. Wenn ich sehe, wie sie davonfliegen, gibt mir das ein Gefühl von Frieden: Alles klar, Em, wir denken an dich. Man sagt, Trauer sei Liebe, die nirgendwohin kann. Diese kleinen Traditionen sind meine Möglichkeit, sie weiter zu lieben. Auch meine Arbeit ist das. Ich möchte nicht, dass jemand in meinem Leben nicht weiß, wer sie war. Mein Enkel ist zwei, er hat seine Tante nie kennengelernt. Aber bei mir zu Hause erkennt er ihr Foto: „Da ist Emmy.“ Er weiß, dass der Schmetterling für Emmy steht.
Haben Sie noch andere Rituale?
Zu Weihnachten stelle ich außerdem einen eigenen Baum auf und bitte alle, die über die Feiertage kommen, einen Anhänger mitzubringen, der sie an Emily erinnert. Inzwischen musste ich von einem 90-Zentimeter-Baum auf einen 1,80-Meter-Baum umsteigen. Ich bekomme viele Frösche und Geckos, Dinge vom See. Eine Freundin ist mit Emily immer Steak essen gegangen – sie hat tatsächlich einen Steak-Anhänger gekauft. So kann ich Emily einbeziehen, ohne dass alles traurig sein muss. Mein Leben ist traurig genug. Aber so empfinde ich ein bisschen Freude, wenn ich sie in die Feiertage hole.