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Optische Täuschung in der Milchstraße: Forschungsteam enträtselt gewaltige Himmelsstruktur

Wissenschaft

Ein Forschungsteam unter der Leitung der Astrophysikerin Kathryn Kreckel von der Universität Heidelberg hat ein lange bestehendes astrophysikalisches Rätsel gelöst. Wie in einer in Astronomy & Astrophysics veröffentlichten Studie detailliert dargelegt wird, handelt es sich bei dem sogenannten Galactic Center Lobe nicht um einen Auswurf aus dem Zentrum der Milchstraße, sondern um eine wesentlich näher gelegene Blase aus ionisiertem Gas. Bislang ging die Astronomie davon aus, dass dieser sogenannte Lappen durch gigantische Eruptionen des supermassereichen Schwarzen Lochs oder durch historische Supernovae im rund 26.000 Lichtjahre entfernten galaktischen Kern entstanden sei. Die neuen Messungen korrigieren diese Distanz massiv nach unten auf lediglich etwa 6.520 Lichtjahre, womit die Struktur nicht mehr tausende Lichtjahre über dem Kern aufragt, sondern einen errechneten Durchmesser von lediglich 115 Lichtjahren aufweist. SDSS-V-Teleskope offenbaren ionisierten Schwefel Möglich wurde diese Neubewertung durch den Einsatz des Instruments Local Volume Mapper, das Teil des Beobachtungsprogramms SDSS-V ist und präzise Karten von leuchtendem Gas innerhalb der Milchstraße erstellt. Wie das Wissenschaftsportal Science Alert berichtet, konnten die Forscher:innen damit das Licht verschiedener Gase detailliert über das optische und infrarote Spektrum kartieren, wobei ein besonderes Augenmerk auf der Emission von ionisiertem Schwefel lag. Ionisierter Schwefel weist eine längere, rötliche Wellenlänge auf, die kosmische Staubwolken deutlich effektiver durchdringt als das Licht in kürzeren Wellenlängenbereichen. Durch diesen physikalischen Umstand wurde die untere, bislang verdeckte Hälfte der Blase erstmals auf den Instrumenten sichtbar, was die alte Annahme eines nach oben offenen Lappens endgültig widerlegte. Überlagerungen in der galaktischen Ebene Das galaktische Zentrum stellt für die Forschung traditionell die am dichtesten besiedelte Region unserer Heimatgalaxie dar, in der unzählige Sterne, dichte molekulare Gaswolken und feiner Staub die direkte Sicht blockieren. Genau diese Überlagerung von Objekten in der Sichtlinie der Erde führte in der Vergangenheit dazu, dass Radioteleskope den unteren Rand der Struktur schlichtweg nicht vom Hintergrundrauschen der galaktischen Ebene trennen konnten. Um die exakte Entfernung der Blase zu bestimmen, nutzten die Wissenschaftler:innen einen Abgleich der Menge an Staub, die das Licht der Blase dämpft, mit detaillierten dreidimensionalen Staubkarten der Milchstraße. Diese Methode lieferte den entscheidenden Beweis, dass sich die Struktur weit vor dem eigentlichen galaktischen Zentrum befinden muss und als geschlossene Wasserstoffwolke unter intensiver ultravioletter Strahlung leuchtet. Supernovae formten den Hohlraum Nach der erfolgreichen Rekonstruktion der echten Form gehen die Studienautor:innen nun davon aus, dass die Hülle durch massive Sternexplosionen geformt wurde. Eine frühere Generation massereicher Sterne kreierte demnach durch Supernovae einen Hohlraum in den umliegenden Staubwolken, während eine nachfolgende Sterngeneration das verbliebene Gas ionisierte. Trotz dieses Durchbruchs bleiben bestimmte Aspekte der Blase unklar, da die Wissenschaftler:innen die exakten Sterne, die aktuell für diese Ionisierung verantwortlich sind, noch nicht abschließend identifizieren konnten. Zudem zeigt die Untersuchung sehr deutlich, wie fehleranfällig astronomische Distanzmessungen in dicht besiedelten galaktischen Regionen sein können, wenn sich unzählige Lichtquellen überlagern. Parallelen zu Barnard’s Loop im Orion-Nebel Die physikalischen Mechanismen hinter der neu klassifizierten Struktur weisen starke Ähnlichkeiten zu bekannten Himmelskörpern auf, insbesondere zu der vergleichbaren Emissionsnebel-Struktur namens Barnard’s Loop im Sternbild Orion. Die Forscher:innen leiten daraus ab, dass solche durch stellare Aktivität geschaffenen Blasen ein gängiges Phänomen innerhalb unserer Galaxie darstellen könnten. Aufgrund der jahrzehntelangen Fehlinterpretation hat das Team rund um Kathryn Kreckel einen humorvollen Vorschlag für den künftigen Umgang mit der Entdeckung formuliert. Die etablierte englische Abkürzung GCL sollte nach ihrem Willen künftig nicht mehr für Galactic Center Lobe stehen, sondern als „Greatly Confused Loop“ aufgelöst werden, was übersetzt „stark verwechselte Schlaufe“ bedeutet.

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