DAX -0,22 % 25.099,00 Pkt 18:00:00 MDAX -0,05 % 31.965,53 Pkt 18:00:00 Euro Stoxx 50 +1,14 % 6.280,94 Pkt 18:00:00 Dow Jones -0,52 % 51.947,25 Pkt 23:26:43 S&P 500 -1,16 % 7.411,98 Pkt 23:26:35 Nasdaq -2,78 % 24.975,82 Pkt 23:15:59 Nikkei -2,73 % 64.611,15 Pkt 08:45:03 Gold +0,08 % 4.070,80 USD 22:59:59 Silber +0,43 % 58,91 USD 22:59:55 Brent 0,00 % 96,78 USD 22:59:55 WTI 0,00 % 89,31 USD 22:59:59 Bitcoin +0,02 % 64.323,00 USD 08:09:33 EUR/USD -0,32 % 1,13750 USD 23:29:21 EUR/GBP 0,00 % 0,85320 GBP 06:49:20 EUR/CHF +0,06 % 0,92970 CHF 06:49:20 EUR/JPY +0,08 % 186,245 JPY 23:29:21

Paartherapeut rät: Streiten Sie im Gehen

Wissenschaft

Wer schon einmal mitten in einem heftigen Streit mit seinem Partner gestanden hat, weiß: In diesem Moment erinnert sich kaum jemand an Kommunikationsseminare. Das Gehirn befindet sich im Alarmmodus. Die Amygdala übernimmt die Regie, Stresshormone schießen in die Höhe, und plötzlich wird aus einer Kleinigkeit ein Grundsatzkonflikt. In meiner Praxis höre ich deshalb oft den Satz: „Wir wissen eigentlich, wie man richtig streitet. Aber wir schaffen es einfach nicht.“ Das überrascht mich nicht. Denn das eigentliche Problem liegt häufig gar nicht darin, was Paare sagen, sondern in welchem psychischen Zustand sie es sagen. Deshalb empfehle ich meinen Patienten häufig Methoden, die zunächst ungewöhnlich oder sogar paradox erscheinen. Gerade diese Strategien können festgefahrene Konflikte oft besser entschärfen als viele klassische Kommunikationstipps. Stefan Woinoff ist Facharzt für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie sowie Beziehungsexperte von www.50plus-Treff.de. Er ist Teil unseres Expertennetzwerks EXPERTS Circle. Ein Artikel von Business Insider beschreibt beispielsweise ein Ehepaar, das viele Konflikte bewusst per Chat austrägt – und dadurch ruhiger, respektvoller und konstruktiver miteinander diskutieren kann. Für beide funktioniert das überraschend gut, weil zwischen Reiz und Reaktion plötzlich Zeit entsteht. Natürlich eignet sich diese Methode nicht für jedes Paar und nicht für jeden Konflikt. Aber sie zeigt etwas Grundsätzliches: Manchmal muss man nicht besser reden lernen. Man muss zuerst das Nervensystem beruhigen. ANZEIGE ANZEIGE Fallbeispiel aus meiner Praxis Martin (58) und Claudia (55) sind seit fast 28 Jahren verheiratet. Beide lieben sich. Beide wollen die Beziehung erhalten. Trotzdem eskaliert nahezu jedes Wochenende. Auslöser sind Kleinigkeiten. Wer hat vergessen einzukaufen? Warum wurde die Spülmaschine schon wieder falsch eingeräumt? Weshalb kam der andere zehn Minuten später nach Hause? Innerhalb weniger Minuten entwickelt sich daraus regelmäßig ein Streit über Wertschätzung, Respekt oder mangelnde Liebe. Als beide erstmals zu mir kommen, schildern sie ihr Problem fast wortgleich. „Wir streiten uns inzwischen über Dinge, die völlig belanglos sind.“ Im Verlauf der Therapie fällt etwas Interessantes auf: Nicht der Inhalt der Konflikte ist das eigentliche Problem. Sondern ihre Geschwindigkeit. Beide reagieren sofort. Jeder Satz löst unmittelbar den nächsten Gegenvorwurf aus. Es entsteht ein emotionales Pingpong-Spiel. Ich schlage deshalb etwas vor, das beide zunächst absurd finden. Bei jedem aufkommenden Streit dürfen sie sich künftig nicht mehr unterhalten. Stattdessen sollen sie sich zunächst ausschließlich Nachrichten schreiben. Maximal fünf Sätze. Danach 20 Minuten Pause. Erst anschließend dürfen sie entscheiden, ob überhaupt noch ein persönliches Gespräch notwendig ist. Martin lacht. „Sie meinen das ernst?“ Ja. Vier Wochen später kommen beide wieder. Claudia sagt als Erstes: „Wir haben plötzlich gemerkt, wie viele Sätze wir normalerweise gar nicht hätten sagen müssen.“ Martin ergänzt: „Beim Schreiben lösche ich plötzlich Dinge wieder, die ich im echten Streit sofort ausgesprochen hätte.“ Noch erstaunlicher: Fast jeder zweite Konflikt erledigte sich bereits während des Schreibens. Nicht, weil plötzlich Harmonie herrschte. Sondern weil beide Zeit hatten, ihre erste emotionale Reaktion von ihrer eigentlichen Botschaft zu trennen. Heute streiten die beiden keineswegs weniger. Aber ihre Konflikte dauern meist nur noch zwanzig Minuten statt zwei Tage. Besser Streiten: Warum ungewöhnliche Methoden oft besser funktionieren Psychologisch betrachtet eskalieren Streitigkeiten selten wegen des eigentlichen Problems. Sie eskalieren wegen der Geschwindigkeit. Unser Gehirn reagiert auf Kritik häufig wie auf eine Bedrohung. Der präfrontale Cortex – zuständig für vernünftige Entscheidungen – arbeitet unter Stress deutlich schlechter. Dafür übernimmt das emotionale Alarmsystem. Wer in diesem Zustand diskutiert, möchte meist nicht mehr verstehen. Er möchte gewinnen. Deshalb zielen viele ungewöhnliche Methoden gar nicht auf bessere Argumente ab. Sie verändern zunächst den inneren Zustand. 1. Streit per Chat – aber mit klaren Regeln Diese Methode klingt zunächst völlig unromantisch. Tatsächlich berichten manche Paare jedoch, dass schriftliche Konflikte deutlich weniger eskalieren. Beide können ihre Gedanken ordnen, impulsive Formulierungen wieder löschen und den anderen ausreden lassen – etwas, das im direkten Streit oft misslingt. Außerdem lässt sich später nachvollziehen, was tatsächlich geschrieben wurde. Allerdings gilt eine wichtige Einschränkung: Grundsatzfragen, Trennungsgespräche oder hoch emotionale Verletzungen gehören weiterhin ins persönliche Gespräch. Der Chat eignet sich eher als Bremse für den ersten emotionalen Sturm. 2. Den Streit vertagen – aber verbindlich Viele glauben, Konflikte müssten sofort gelöst werden. Das Gegenteil ist häufig sinnvoll. In der Paartherapie vereinbare ich oft einen festen Satz: „Wir sprechen heute Abend um 20 Uhr darüber. Und nicht länger als 45 Minuten.“ Dadurch entsteht keine Vermeidung, sondern Beruhigung. Das Gehirn muss nicht ständig weiterkämpfen. Beide wissen: Das Thema verschwindet nicht. Aber es wird später mit einem ruhigeren Nervensystem besprochen. 3. Im Gehen streiten Viele Konflikte verlaufen überraschend besser bei einem Spaziergang. Warum? Weil beide in dieselbe Richtung schauen. Es gibt weniger starren Blickkontakt. Weniger Dominanz. Weniger körperliche Anspannung. Zusätzlich reduziert Bewegung nachweislich Stress und erleichtert die emotionale Selbstregulation. 4. Vor dem Antworten eine Notiz schreiben Diese Technik stammt ursprünglich aus therapeutischen Verfahren. Bevor man antwortet, schreibt man diesen Satz auf: „Was will ich eigentlich erreichen?“ Nicht: „Was möchte ich jetzt erwidern?“ Allein diese kleine Unterbrechung verändert häufig den gesamten Gesprächsverlauf. 5. Die Perspektive wechseln Eine überraschend wirksame Übung besteht darin, den nächsten Satz aus Sicht des Partners zu formulieren. Nicht ironisch, sondern ernsthaft. „Wenn ich du wäre, würde ich vermutlich denken … .“ Diese Übung aktiviert die Fähigkeit zur Perspektivübernahme – eine Schlüsselkompetenz stabiler Beziehungen. 6. Humor gezielt einsetzen Humor wird häufig unterschätzt. Damit meine ich nicht Sarkasmus und auch nicht Spott. Sondern gemeinsames Lachen. Der amerikanische Paarforscher John Gottman konnte zeigen, dass kleine humorvolle Unterbrechungen Eskalationen oft beenden, bevor sie richtig beginnen. Humor signalisiert: „Wir stehen nicht gegeneinander. Wir stehen gemeinsam gegen das Problem.“ 7. Sich gegenseitig Punkte geben Eine meiner Lieblingsmethoden klingt fast kindisch. Während eines Streits bewertet jeder auf einer Skala von 0 bis 10 seine aktuelle Erregung. Sagt jemand: „Ich bin gerade bei einer Acht“, weiß der andere sofort: Jetzt geht es nicht mehr um Argumente. Jetzt geht es um Beruhigung. Diese einfache Zahl verhindert erstaunlich viele Eskalationen. Diese Streit-Methoden empfehle ich am häufigsten Am häufigsten empfehle ich tatsächlich den bewussten Zeitgewinn – sei es durch einen Spaziergang, eine vereinbarte Pause oder sogar durch einen kurzen Austausch per Chat. Nicht, weil Distanz Probleme löst. Sondern weil sie verhindert, dass Emotionen die Kontrolle übernehmen. Unter starkem Stress arbeitet unser Gehirn deutlich weniger lösungsorientiert. Wer sich angegriffen fühlt, verteidigt sich automatisch, hört schlechter zu und interpretiert die Aussagen des anderen oft negativer, als sie gemeint waren. Ich sage meinen Patienten deshalb häufig: „Lösen Sie den Streit nicht in Ihrer größten Aufregung. Lösen Sie ihn in Ihrem klarsten Moment.“ Fast ebenso häufig nutze ich in der Paartherapie jedoch eine zweite Methode, die viele zunächst überrascht: den bewussten Perspektivenwechsel. Ich bitte einen Partner, für einige Minuten vollständig die Rolle des anderen einzunehmen und dessen Sichtweise so ehrlich und wohlwollend wie möglich zu vertreten. Dabei geht es nicht um Schauspielerei oder darum, den anderen bloß nachzuahmen. Entscheidend ist die ernsthafte Frage: „Wenn ich wirklich mein Partner wäre – mit seiner Biografie, seinen Verletzungen, seinen Bedürfnissen und seinen Ängsten –, warum würde ich mich in dieser Situation genau so fühlen?“ Erstaunlicherweise verändert diese Übung den Verlauf vieler Konflikte innerhalb weniger Minuten. Denn in den meisten Streitigkeiten kämpfen beide Seiten vor allem für ihre eigene Wirklichkeit. Sobald es gelingt, die Welt für einen Moment mit den Augen des anderen zu betrachten, sinken Anspannung und Verteidigung oft ganz von selbst. Aus Gegnerschaft entsteht wieder Neugier. Psychologisch ist das gut erklärbar. Perspektivenübernahme aktiviert unsere Empathiefähigkeit und unterbricht den Automatismus, ausschließlich Beweise für die eigene Sichtweise zu sammeln. In der Psychologie spricht man vom egozentrischen Bias – der menschlichen Tendenz, die eigene Wahrnehmung unbewusst für die objektive Realität zu halten. Der Perspektivenwechsel korrigiert genau diese Verzerrung. Ich erlebe in der Praxis immer wieder, dass Paare nach dieser Übung Sätze sagen wie: „So habe ich das noch nie gesehen.“ Oder: „Jetzt verstehe ich zum ersten Mal, warum dich das so verletzt hat.“ Solche Momente lösen einen Konflikt nicht automatisch. Aber sie schaffen etwas, das in jeder guten Beziehung unverzichtbar ist: das Gefühl, vom anderen wirklich verstanden zu werden. Und dieses Gefühl ist oft der eigentliche Wendepunkt eines festgefahrenen Streits. Die häufigsten Fehler in Streitgesprächen In der Praxis begegnen mir immer wieder dieselben Muster: Paare sprechen sofort, obwohl sie innerlich bereits hoch aktiviert sind. Sie wollen verstanden werden, bevor sie selbst verstehen. Sie diskutieren mehrere Themen gleichzeitig. Alte Konflikte werden ständig wieder hervorgeholt. Es geht irgendwann nicht mehr um Lösungen, sondern um Schuld. Fast immer beginnt dann ein psychologischer Wettbewerb. Wer hat recht? Wer war schlimmer? Wer ist das größere Opfer? Ab diesem Zeitpunkt ist der ursprüngliche Konflikt längst verschwunden. Fazit Glückliche Paare streiten keineswegs weniger als unglückliche. Sie streiten anders. Sie wissen, wann sie sprechen sollten. Wann sie besser schweigen. Wann sie schreiben. Wann sie spazieren gehen. Wann sie sich in den andern hineinversetzen sollten und wann sie den Streit lieber auf morgen verschieben. Vielleicht besteht das Geheimnis einer guten Beziehung deshalb gar nicht darin, immer die richtigen Worte zu finden. Sondern darin, den richtigen Zeitpunkt dafür.

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