Panikattacken im Kinderfilm? Ja! Ein Therapeut erklärt, welcher das so treffend zeigt wie kaum ein anderer
„Alles steht Kopf 2“ ist auf den ersten Blick ein bunter Pixar-Animationsfilm für die ganze Familie. Doch der US-Therapeut Kevin Foss beschreibt in einem vielbeachteten „Psychology Today“-Beitrag, wie genau der Film zeigt, was in uns passiert, wenn aus Angst Panik wird. Und warum das gerade für Eltern und Kinder ein wertvoller Gesprächsanlass sein kann. Wir fassen seine spannendsten Gedanken zusammen. Kleiner Hinweis vorab: Dieser Text verrät wichtige Wendungen bis zum Ende des Films. Wenn ihr „Alles steht Kopf 2“ noch schauen möchtet, lest am besten erst danach weiter. Wie heißen die neuen Emotionen bei „Alles steht Kopf 2?“ Die 13-jährige Riley kommt in die Pubertät, und in ihrer Gefühlswelt zieht neues Personal ein. Zu den bekannten Emotionen Freude, Kummer, Angst, Wut und Ekel kommen Zweifel, Neid, Peinlichkeit und Ennui (Null Bock/Langeweile) hinzu. Eine Sache müssen wir hier kurz klären, damit nichts durcheinandergerät: Jene neue Emotion, die im Film die Kontrolle übernimmt und die Foss ins Zentrum stellt, heißt im englischen Original „Anxiety“, also Angst. In der deutschen Fassung trägt sie den Namen „Zweifel“. Immer wenn hier von Zweifel die Rede ist, ist also die Emotion gemeint, die für Rileys Angst steht. Hast du direkt Lust, den Film (mal wieder) zu schauen? Du findest ihn zum Beispiel bei Amazon Prime oder Disney+ im Abo. Warum Angst eigentlich nicht der Feind ist Viele von uns erleben Angst als Gegner, der uns nur ausbremst. Der Film zeichnet ein anderes Bild, und genau das hebt der US-Therapeut Kevin Foss bei „Psychology Today“ hervor. Zweifel meint es im Grunde gut mit Riley, so Foss. Sie will das Mädchen auf mögliche Gefahren aufmerksam machen und es vor unangenehmen Situationen bewahren. Das Problem beginnt erst, wenn diese Emotion über sanfte Hinweise hinausschießt und Riley regelrecht überrollt. Angst, so der Kern seiner Deutung, ist eigentlich ein ungenaues Warnsignal, das uns durchs Leben helfen möchte. Wer sie so versteht, muss weniger Angst vor der eigenen Angst haben. Tipp: Im Kinderbuch „Warum habe ich eigentlich Angst?“ werden Ängste, Zweifel, aber auch Mut wunderschön beschrieben und kindgerecht erklärt. Wenn die Fantasie zur Bedrohung wird Besonders eindrücklich findet Foss eine Szene, in der die Fantasie-Abteilung in Rileys Kopf umgebaut wird, um lauter Schreckensszenarien zu produzieren. Zweifel spielt diese Katastrophenbilder immer wieder in Rileys Bewusstsein ab. Genau so, erklärt Foss, arbeitet Angst auch in uns: Gemeinsam mit unserer Vorstellungskraft malt sie das Schlimmste aus und überflutet uns mit aufdringlichen Gedanken, bis wir glauben, es könne nur schlecht ausgehen. Der Film zeigt laut Foss aber auch den Ausweg. Die Figur Freude erinnert daran, dass sich die Fantasie ebenso für gute Bilder nutzen lässt und dass ein Ausgang genauso gut neutral, schön oder sogar großartig sein kann. Sicher wissen wir es ohnehin erst, wenn es so weit ist. Wie aus Angst Scham wird Zu Beginn des Films ruht Rileys Persönlichkeit auf einem klaren Grundgefühl: „Ich bin ein guter Mensch.“ Im Laufe der Geschichte verschiebt sich diese innere Botschaft jedoch und zwar durch die Flut selbstkritischer Gedanken, die Zweifel auslöst, hin zu einem schmerzhaften „Ich bin nicht gut genug“. Foss sieht darin ein sehr genaues Bild dafür, wie aus Angst mit der Zeit Scham werden kann. Wenn unsere ängstlichen Gedanken ständig an uns zweifeln und jede Entscheidung zerpflücken, setzt sich leicht der Glaube fest, nicht zu genügen. Wichtig ist dann, so Foss, sich den ganzen Menschen anzusehen, der man ist, und nicht nur die vermeintlich schlechten Seiten. Und sich selbst mit Freundlichkeit und Mitgefühl zu begegnen. Die Panikattacke auf der Strafbank Der Höhepunkt des Films ist für Foss der eigentliche Schlüsselmoment: Rileys Panikattacke. Auf der Strafbank eines wichtigen Eishockeyspiels übernimmt Zweifel vollständig die Kontrolle, die Schreckensbilder laufen auf Hochtouren, bis die Emotion schließlich von ihrem eigenen, panischen Versuch, alles zu steuern, wie erstarrt ist. Angst im Übermaß und ohne Annahme, so beschreibt es Foss, kann in Panik umschlagen, begleitet von allen körperlichen Reaktionen des Kampf-, Flucht- oder Erstarrungssystems. Dann kommt der Moment, den Foss besonders berührt: Freude erinnert Zweifel sanft daran, die Kontrolle loszulassen und Riley freizugeben. Für ihn liegt genau darin die Botschaft. Vieles liegt außerhalb unserer Kontrolle und je verbissener wir gegen eine Wand ankämpfen, desto größer wird der Stress. Manchmal hilft nur eines: loslassen, durchatmen und sich in der Wirklichkeit verankern, statt in der befürchteten Fantasie. Warum „Alles steht Kopf 2“ so wertvoll ist Am Ende fügt sich Rileys Persönlichkeit neu zusammen, diesmal aus allen Emotionen gemeinsam, auch den unbequemen. Genau das macht den Film laut Foss so lehrreich. Scham trennt uns innerlich, weil wir das vermeintlich Schlechte an uns bekämpfen, um das Gute zu retten. Riley lernt stattdessen, sich als ganzen, auch widersprüchlichen Menschen anzunehmen, der wertvoll bleibt, selbst wenn er Fehler macht. Für Familien liegt darin eine große Chance. Der Film gibt Gefühlen ein Gesicht und macht sie für Kinder begreifbar, von Angst über Neid bis hin zu Scham. Und er schafft eine gemeinsame Sprache, in der Eltern und Kinder über schwierige Emotionen sprechen können, ohne dass es sich wie ein ernstes Aufklärungsgespräch anfühlt. Ein Filmabend der anderen Art und Weise „Alles steht Kopf 2“ kann ein wunderbarer Türöffner sein, um mit Kindern über Gefühle zu reden. Ihr könnt nach dem Schauen gemeinsam überlegen, wann ihr selbst schon einmal so ein „Zweifel“-Gefühl hattet und was dann geholfen hat. Genau dieses Benennen nimmt großen Gefühlen oft etwas von ihrer Wucht. Ein Film ersetzt allerdings keine echte Unterstützung. Wenn dein Kind unter starken Ängsten leidet, sich zurückzieht oder tatsächlich Panikattacken erlebt, sprich mit einer kinderärztlichen Praxis oder einer psychotherapeutischen Fachperson. Sich Hilfe zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Zeichen von Fürsorge. Und manchmal ist ein gemeinsamer Filmabend genau der erste kleine Schritt, um überhaupt ins Gespräch zu kommen.