Pariser Autosalon: Stellantis und Renault gegen China
Emmanuel Macron kündigte am Montag eine „unmittelbar bevorstehende Einigung“ zwischen Deutschen und Franzosen zum Schutz der europäischen Autoindustrie an. „Wir sind gerade dabei, eine Vereinbarung mit unseren deutschen Partnern abzuschließen, damit Europa vorankommen kann“, sagte der französische Präsident zum Auftakt des Pariser Autosalons.
Mit der Einigung würde Paris wohl das deutsche Drängen auf eine Abschaffung des Verbrennerverbots unterstützen. Im Gegenzug gäbe Berlin seinen Widerstand gegen die von Frankreich geforderten „Made in EU“-Regeln auf. Um für eine staatliche Förderung in der EU qualifiziert zu sein, müssten Elektro- und Hybridfahrzeuge dann künftig in der EU montiert werden. Zudem müsste der Großteil ihrer Komponenten hierher stammen.
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Eine solche Einigung bahnt sich schon seit einigen Tagen an. Auch auf Industrieseite ist Bewegung ins Thema „Made in EU“ gekommen. Vertreter der europäischen Autoindustrie dringen angesichts der wachsenden Marktanteile chinesischer Hersteller immer stärker auf Schutz. Europas größter Hersteller Volkswagen (VW) suchte im Vorfeld des Pariser Autosalons die Nähe zu Frankreich. Man sei für offene Märkte, aber es brauche vergleichbare Wettbewerbsbedingungen, sagte der Vorstandsvorsitzende Oliver Blume. Die Europäer müssten für ihre Interessen eintreten.
Auf einer „Für Europa“ betitelten VW-Veranstaltung im Palais de Tokyo sprach Blume am Sonntag gemeinsam mit dem französischen Industrieminister Sébastien Martin auf der Bühne über die Frage, wie sich die europäische Industrie stärken lasse. Anschließend stiegen sie gemeinsam demonstrativ in ausgestellte VW-Fahrzeuge. Die Europäer wollten keinen Protektionismus, aber Schutz, sagte der französische Minister.
Geschrumpfte Marktanteile
François Provost schlug am Montag in die gleiche Kerbe. Nach einem Gespräch mit Macron auf der Messe unterstrich der Vorstandsvorsitzende des teilstaatlichen Renault-Konzerns im Pressegespräch die Dringlichkeit von Schutzmaßnahmen. „Wir investieren wie verrückt, wir stellen uns neu auf, um innerhalb von zwei Jahren Autos zu entwickeln und alle Technologien in unsere Fahrzeuge zu integrieren, aber wir brauchen jetzt auch die Unterstützung der EU und der Regierungen“, sagte Provost.
„Der Zustrom chinesischer Autos ist für Europa nicht tragbar“, stellte der Renault-Chef klar. Vor diesem Hintergrund herrsche in der europäischen Autoindustrie nun Konsens darüber, dass es „Made in EU“-Regeln brauche, auch wenn Details noch zu klären seien. Es gebe einen klaren Standpunkt des Herstellerverbandes ACEA, man spreche mit einer Stimme. „Das ist die ACEA-Position, einschließlich Ola und Milan“, sagte Provost mit Verweis auf die Chefs von Mercedes und BMW, Ola Källenius und Milan Nedeljković.
Der italienisch-französische Stellantis-Konzern vertritt eine ähnliche Position wie Renault. Europas zweitgrößter Hersteller versuchte in Paris mit einem Feuerwerk an neuen Produkten und Stilstudien neue Perspektiven zu bieten und damit wieder Schwung für Absatz und Ertrag zu bekommen. Stellantis berichtet zwar von einem deutlichen Plus bei den Absatzzahlen für die ersten Quartale 2026. Zuvor gab es allerdings deutliche Krisensignale.
Im Jahr 2021, als zu Jahresbeginn die beiden Konzerne PSA – mit Peugeot, Citroën, Opel und DS – und FCA – unter anderem mit Fiat, Alfa Romeo, Chrysler und Jeep – vereint wurden, hatte der neu gegründete Stellantis-Konzern in der EU einen Marktanteil von 21,9 Prozent erreicht. Dieser ist bis 2025 auf nur noch 15,3 Prozent gesunken. Ebenfalls von 2021 bis 2026 war der Marktanteil in den USA von 11,6 auf nur noch 7,6 Prozent geschrumpft.
25 neue Autos und 25 Auffrischungen von Modellen
Nach einem Wechsel an der Spitze und 25 Milliarden Euro an Sonderabschreibungen im vergangenen Jahr stellt der neue Stellantis-Chef Antonio Filosa die Weichen in Richtung von Wachstum durch neue Modelle und größere Orientierung an den Kundenerwartungen gegenüber den 14 Automarken von Stellantis.
Die aktuelle Präsenz auf dem Pariser Autosalon sei der größte Messeauftritt, den der Konzern jemals organisiert habe, mit neun Präsentationen von neuen Autos oder Stilstudien, acht Marken und insgesamt 60 Autos, sagte Filosa schon am Vorabend der Eröffnung. „Die Kunden sind nicht alle gleich. Wir geben ihnen, was sie lieben“, sagte Filosa: „Denn kraftvolle Marken und Autos können ganze Generationen definieren.“
Der Stellantis-Europachef Emanuele Cappellano formuliert die Ziele noch detaillierter und anspruchsvoller. Die Abdeckung des europäischen Automarktes, also der einzelnen Marktsegmente in den verschiedenen Größen und Autoformen, soll bis 2030 um ein Viertel gesteigert werden. Auch beim Blick auf die insgesamt auf dem europäischen Markt gebotenen Motoren und Antriebsarten will Cappellano die Abdeckung des Gesamtmarktes um ein Drittel erhöhen. Sein Versprechen seit der offiziellen Strategiepräsentation heißt: bis 2030 insgesamt 25 neue Autos und 25 Auffrischungen von Modellen.
Mit dem Messeauftritt in Paris will Stellantis nun die ersten neuen Modelle liefern und mit Stilstudien einen Ausblick auf die Zukunft geben. Der Blickfang für die Franzosen ist dabei der Nachfolger des legendären Billig-Citroën 2CV, in Deutschland unter dem Spitznamen „Ente“ bekannt. Zur Front mit Froschaugen gesellen sich auch seitlich und hinten Stilelemente des alten Modells, mit runder Fensterlinie und Schrägheck.
Deutlich mehr Entwicklungszeit als angekündigt
Auch die Positionierung auf dem Automarkt soll an die Vergangenheit der billigen Ente erinnern. 15.000 Euro verspricht Citroën-Chef Xavier Chardon als Einstiegspreis. „Der 2 CV wurde früher zu einer Ikone, nicht darüber, was er als Auto hatte, sondern damit, was er möglich machen konnte“, sagt Chardon. Trotz des günstigen Preises werde der Nachfolger des 2CV in Europa hergestellt. Das Auto nutze Gleichteile des Konzerns, und manches sei vereinfacht. Aber alles Nötige werde geboten, nichts Überflüssiges.
Das Hoffnungszeichen für die siechende italienische Marke Alfa Romeo heißt „Cuorerosso“ (auf Deutsch: rotes Herz), ist aber vorerst nur eine Designstudie. Die wollte Chefdesigner Alejandro Mesonero gezielt als Skulptur entwerfen, so, dass die dann erzielte Form sich immer vom einförmigen chinesischen Design abhebt. „Wir bauen Autos für Leute, für die Autofahren etwas ist, was sie fühlen“, sagte Markenchef Santo Ficili.
Die Studie mit allen Details, mit denen Alfa Romeo identifiziert wird, von vorn bis zum scharf abgeschnittenen Heckabschluss, muss die Fans aber noch etwas länger träumen lassen. Denn die Nachfolgemodelle für die Mittelklasselimousine Giulia und das gehobene SUV Stelvio brauchen nun deutlich mehr Entwicklungszeit als angekündigt.
Auch Opel sucht nun die neuen Freiräume zu nutzen und im Konzert der vielen Stellantis-Marken an Profil zu gewinnen. Opel-Markenchef Florian Huettl präsentierte eine scharf geschnittene, futuristische Studie eines Sportkombis namens STX. Die Marke Opel identifiziert sich im Konzern mit typisch deutschen Merkmalen, wie Präzision oder Stabilität auch bei deutschen Autobahngeschwindigkeiten. „Wir sind immer noch verrückt nach den Details“, lautete einer der Merksätze von Huettl zum Image von Opel. Das soll nun aufpoliert werden mit gewagterem Design.
„Das Wichtigste ist, viel Persönlichkeit und Emotionen einzubringen“
Nach ähnlichem Muster gibt es nun auch Stilstudien zu einem Peugeot-Coupé, einem DS-Kleinwagen oder einen aufsehenerregenden Fiat Multiplay mit Verwandlungsmöglichkeiten vom Pick-up zum SUV. Ziel ist es nun, auf wenigen gemeinsamen technischen Plattformen neue Stil- und Markenikonen zu schaffen. Die werden aus der Sicht von Europachef Cappellano emotionell und künftig auch Träger neuer Erinnerungen.
Wie hart dann aber die Umsetzung der Strategie in der Praxis sein kann, zeigt auf der Messe andererseits das neue Mittelklassemodell von Lancia, mit dem traditionellen Namen Gamma. Der ist vom Design her eng verwandt mit Modellen der Marken DS und Citroën, hat außen zwar ein eigenständiges Gesicht, aber innen einiges von der Luxuslandschaft früherer Lancia verloren. Weil darüber wiederum keine Aussicht auf größere Absatzzahlen besteht, will sich Stellantis gar nicht erst die Mühe eines teuren Markteintritts von Lancia in Deutschland machen.
Auch der Renault-Konzern ging vor heimischer Bühne in die Vollen und präsentierte rund 50 Fahrzeuge, davon sechs Neuheiten. Dazu zählte zwar kein Blickfang à la „Ente“, dafür aber die Studie eines neu aufgelegten Minivans „Espace“, diesmal mit Elektroantrieb. Auch die Studie des Modells PS1 der Sportwagenmarke Alpine und eines neu aufgelegten Renault 8 Gordini weckten das Interesse der Messebesucher. „Das Wichtigste ist, viel Persönlichkeit und Emotionen einzubringen“, sagte Provost in Abgrenzung von der erstarkenden Konkurrenz aus Fernost.
„Ich unterschätze unsere chinesischen Wettbewerber nicht, aber alle Designs sind gleich, alle Ausstattungsmerkmale sind gleich“, erklärte der Renault-Chef. Zu den erfolgreichen schon am Markt befindlichen Modellen von Renault gehören die elektrischen Neuauflagen R4, R5 und Twingo. Sie haben dem Konzern nach bleiernen Jahren wieder Zuversicht eingehaucht. Vergleichbare Turbulenzen wie bei Stellantis gab es zuletzt nicht. Doch die Erfolgsmodelle wurden unter Provosts Vorgänger Luca de Meo entwickelt, und aus Sicht vieler Beobachter steht auch Renault vor einer unklaren Zukunft. Der Börsenwert ist auf knapp acht Milliarden Euro gesunken.