Parther: Der rätselhafte Riese aus Persien
»Zu meiner Überraschung und zu meiner Freude«, schrieb Aurel Stein Ende Januar 1936, »zeigte man mir einen Tag nach meiner Ankunft die sorgfältig gegossene Bronzestatue einer lebensgroßen männlichen Figur«. Der ungarisch-britische Archäologe war auf seiner Forschungsreise durch den Iran in den Südwesten des Landes gelangt. Sechs Monate zuvor waren dort Dorfbewohner auf ein Dutzend Skulpturen gestoßen. Sie hievten Marmorköpfe, Stücke von Statuen und einen imposanten bronzenen Zweimetermann aus der Erde. Am Bauch der Skulptur klaffte ein großes Loch – ganz offenbar hatte die Auffindung mit Hacken und Schaufeln Spuren hinterlassen, vermutete Stein. An der Figur fehlten auch die Arme, sonst schien sie aber intakt zu sein – und eine königliche Gestalt darzustellen. »Die Skulpturen stammten eindeutig aus parthischer Zeit«, stellte Stein in seinem Reisebericht »Old Routes of Western Iran« fest. Und damit aus »der am wenigsten bekannten Phase in der iranischen Kunstgeschichte«.
An diesem Fazit hat sich bis heute wenig geändert. Das Wissen über das parthische Weltreich, das sich immerhin von Syrien bis nach Pakistan und vom Kaspischen Meer bis zum Persischen Golf erstreckte, ist immer noch lückenhaft. Jedenfalls verglichen mit seinem zeitgenössischen Rivalen im Westen, dem Imperium Romanum. Die parthischen Könige herrschten von ungefähr 250 v. Chr. bis 225 n. Chr. über ein multiethnisches Reich, das sich aus dem iranischen Kernland und mehreren Vasallenstaaten zusammensetzte. Der Ursprung der Parther dürfte im Landstrich östlich des Kaspischen Meers gelegen haben; sie waren einst nomadische Reiterstämme, erklärt der Parther-Experte Marek Olbrycht von der polnischen Universität Rzeszów in seinen Abhandlungen.
Weil kaum Statuen aus der Partherzeit bekannt sind, stellt das Wenige Archäologen oft vor Rätsel. Als Aurel Stein 1936 in die Provinz Chuzestan kam und ihm dort ein Riese aus Metall samt weiteren Skulpturen präsentiert wurde, die im Dorf Kal-e Chendar im Shami-Tal des Zagros-Gebirges zum Vorschein kamen, war die Sammlung erhaltener parthischer Kunst schlagartig um bedeutsame Werke reicher. Aber was genau erblickte der begeisterte Stein damals?
Was der Riese am Leib trägt
Das Bronzebildnis, das auch als Shami-Statue bekannt ist, zeigt einen Mann mit fein gekämmtem Haar, kantigem Gesicht, gestutztem Bart und üppigem Schnauzer. Um den Kopf liegt ein breites Band und um den Hals ein dekorierter Reif. So weit, so unumstritten. Über die Kleidung aber gehen die Meinungen auseinander. Halbwegs einig sind sich die Fachleute, dass der Mann ein Unterhemd, eine Art Tunika, trägt, über die er eine Jacke mit V-Ausschnitt geschlagen hat. Er dürfte zudem mit mindestens zwei Hosen bekleidet sein: einem eng anliegenden Beinkleid und einer darüber getragenen, lockeren Hose. Womöglich sind Chaps gemeint, also eine Überziehhose, wie sie Cowboys zum Reiten tragen. Über das Gesäß des Parthers fällt ein Stoffbausch, der entweder eigens umgebunden ist oder an der inneren beziehungsweise äußeren Hose befestigt ist.
Aus antiken Schriftquellen geht hervor, dass die Parther als exzellente Reiter galten, die teils schwer gepanzert mit Lanze, Schwert und Bogen in die Schlacht ritten. Ist die Shami-Statue demnach als Reiter zu verstehen? »Sicher nicht«, sagt Gunvor Lindström vom Deutschen Archäologischen Institut in Berlin, die sich mit den Skulpturen aus Kal-e Chendar beschäftigt. Die faltenreiche und kostbare Kleidung zeichne die Shami-Statue als Person hohen Rangs aus. Zudem war die Reiterkluft über Jahrzehnte hinweg in der Region vom Mittelmeer bis zum Indus üblich. Könige, Fürsten, Adlige und Angehörige von Reitervölkern trugen sie am Leib. Ihren Ursprung hat sie bei Nomaden in der Eurasischen Steppe, aber gekleidet haben sich damit viele sesshafte und mobile Gruppen, erklärt auch Bruno Jacobs von der Universität Basel in seinem Buch »›Parthische Kunst‹ – Kunst im Partherreich«.
Wen das Bronzebildnis zeigt, sei jedoch kaum zu übersehen, sagt Lindström. »Die Statue ist überlebensgroß und trägt überdies ein breites Diadem – es kann also nur ein Herrscher sein.« Welcher Partherkönig oder welche lokale Dynast dargestellt ist, bleibt allerdings ungewiss. Zuletzt schlug der Numismatiker Fabrizio Sinisi von der Österreichischen Akademie der Wissenschaften vor, es handle sich um König Phraates IV., der von 38 bis 2 v. Chr. regierte. Er verglich das Shami-Bildnis mit Münzporträts. Gesichert ist die Identität damit noch nicht. Die Fundgegend, die einst Elymais hieß, gehörte seit etwa 140 v. Chr. zum Partherreich, doch zeitweise herrschten dort Vasallen.
Erbe aus der Steppe
Nicht nur die Reitertracht ist ein Erbe der Steppenreiter, sondern vermutlich auch die Waffen der Shami-Statue. Zu beiden Seiten der Hüfte prangt je ein Dolch. Sie stecken in einer Scheide mit seitlichen Laschen. Die runden Fortsätze sind wiederum am Oberschenkel festgeknüpft. So sei es laut Marek Olbrycht auf anderen partherzeitlichen Darstellungen ab dem 1. Jahrhundert v. Chr. zu erkennen. Der Althistoriker findet auch, Haar, Bart und Hose ähnelten parthischen Figuren aus dem Jahrhundert vor und nach der Zeitwende. Womöglich gehört die Shami-Statue also in jene Epoche. Einigkeit herrscht darüber allerdings nicht. Fachleute datieren das Bildnis in die Zeit vom 2. vorchristlichen bis ins 2. nachchristliche Jahrhundert.
Die Datierung des Bronzeriesen ist unsicher, seine Identität ebenfalls. Ist zumindest dessen Zweck bekannt? Wo stand die Shami-Statue ursprünglich? Noch 1936 hatte Aurel Stein einige Tage an der Fundstelle gegraben und ein Heiligtum entdeckt. Danach verschlug es kaum noch Wissenschaftler an den entlegenen Ort. Erst ab 2012 arbeiteten wieder Archäologen in Kal-e Chendar. Ein Team von der Universität Turin und dem Iranischen Zentrum für Archäologische Forschung dokumentierte gigantische Terrassen, auf denen wohl große Bauten oder ganze Gebäudekomplexe aufragten. Rund um die Terrassen stießen die Ausgräber auf zahlreiche, teils monumentale Kammergräber und vermuten Hunderte, die noch unentdeckt sind. Von den Beigaben ist nur wenig erhalten, Grabräuber haben sie längst fortgeschafft. Doch das Wenige, etwa Goldbleche, bezeugt eine reiche Grabausstattung. All das lege nahe, dass der Fundplatz einer wohlhabenden Aristokratie unterstand.
Kal-e Chendar, heißt es im abschließenden Grabungsbericht von 2025, war ein Kultort, an dem die Toten von Bedeutung waren. Womöglich gedachten die Menschen dort ihrer Vorfahren. Allerdings nicht irgendwelchen: »Ich vermute, es handelte sich um einen dynastischen Kult«, sagt Lindström. Man habe dort neben Gottheiten, die als Beschützer der Herrscherdynastie galten, den regierenden König selbst und seine Vorgänger verehrt. Vielleicht stellt also auch der Bronzemann einen bedeutenden Herrscher dar, der im Shami-Tal die Verehrung seiner Untertanen genoss.
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