Passwörter, Ausweise, Notfallpläne: Berlin-Leaks betreffen mehr Menschen als vermutet
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Der Angriff auf die Berliner Verwaltung ist längst mehr als eine IT-Panne. Mit 1,44 Millionen gestohlenen Dateien und rund 5,8 Terabyte Daten handelt es sich um einen der größten bekannten Datendiebstähle aus einer deutschen Behörde. Die Kriminellen der Hackergruppe Rhysida waren nach bisherigen Erkenntnissen zwischen dem 7. und 12. August unbemerkt im Landesnetz aktiv und konnten riesige Datenbestände kopieren.
Besonders beunruhigend: Die Folgen treffen nicht nur Behörden und Verwaltungsmitarbeiter. Für Bürger beginnt das Problem möglicherweise erst jetzt. In den „Berlin-Leaks“ finden sich nach bisherigen Erkenntnissen Bewerbungsunterlagen, Ausweiskopien, E-Mail-Adressen, Vertragsdaten und interne Passwörter. Die Täter selbst sprechen von 46.522 Verträgen, 16.389 E-Mail-Adressen, 5941 Passwörtern und rund 5000 Personalakten.
Solche Informationen können für Identitätsdiebstahl, Kreditbetrug, Kontoübernahmen oder täuschend echte Phishing-Angriffe genutzt werden. Je mehr persönliche Details Kriminelle über eine Person kennen, desto glaubwürdiger wirken Betrugsversuche. Wer plötzlich eine vermeintliche E-Mail seiner Bank, Versicherung oder Behörde erhält, läuft deshalb künftig ein deutlich höheres Risiko, auf einen Betrug hereinzufallen.
Was Sicherheitsexperten jetzt befürchten
Brisant ist dabei die Mischung der gestohlenen Informationen. Denn neben personenbezogenen Daten kursieren nun auch sensible Unterlagen über die Hauptstadt selbst. Telefonnummern, Passwörter oder E-Mail-Adressen lassen sich ändern. Informationen über kritische Infrastruktur, Sicherheitskonzepte, Notfallplanungen oder bauliche Schwachstellen dagegen nicht so ohne Weiteres. Sicherheitsexperten gehen deshalb davon aus, dass die veröffentlichten Daten längst von Kriminellen und möglicherweise auch von ausländischen Nachrichtendiensten ausgewertet werden.
Was Ermittler und Experten zusätzlich alarmiert: Unter den veröffentlichten Datensätzen befinden sich offenbar auch als Verschlusssache eingestufte Unterlagen zum Katastrophenschutz, Feuerwehr-Einsatzpläne sowie Vorbereitungen auf konkrete Großschadenslagen. Hinzu kommen Dokumente, die Schwachstellen zentraler Teile der Berliner Infrastruktur offenlegen, darunter Unterlagen zu Stromnetzen, Kraftwerken, Wasserwerken, Notwasserbrunnen, Tanklagern und Notstromanlagen.
Außerdem enthalten die Daten offenbar Unterlagen zu Gefängnissen, Kasernen, Rüstungsunternehmen und zur zivilen Verteidigung der Hauptstadt. Nach Medienrecherchen befinden sich zudem mehr als 550 Dateien zum Erweiterungsbau des Bundeskanzleramts in dem Datensatz, darunter Pläne, Gutachten und Stellungnahmen.
Die Veröffentlichung betrifft aber nicht nur die Sicherheit des Landes, sondern auch tausende Beschäftigte der Verwaltung. In den Datensätzen finden sich nach bisherigen Erkenntnissen Personalakten, Arbeits- und Gehaltsunterlagen, Aufhebungsverträge, Protokolle von Mitarbeitergesprächen sowie Angaben zu Disziplinarmaßnahmen und Wiedereingliederungen nach Krankheiten.
Komplette Mail-Archive abgegriffen
Besonders gravierend ist zudem der Diebstahl kompletter E-Mail-Archive. Betroffen sind mindestens 858 Beschäftigte. In den Daten liegen mehr als 2000 Outlook-Archivdateien mit rund 2,7 Terabyte Daten. Darin befinden sich sämtliche ein- und ausgehende sowie teilweise auch gelöschte E-Mails aus Jahren Verwaltungsarbeit.
Auch die Polizei ist betroffen. In den veröffentlichten Beständen liegen Telefon- und Kontaktlisten des Landeskriminalamtes mit Namen, Zuständigkeiten und Erreichbarkeiten. Hinzu kommen Lage- und Baupläne von Polizeidienststellen sowie Dienstpläne für Katastrophenfälle.
Die Auswirkungen reichen darüber hinaus tief in die Berliner Wirtschaft hinein. In den Datensätzen finden sich nach bisherigen Erkenntnissen Aufsichtsratsprotokolle, Wirtschaftspläne und Zielvereinbarungen landeseigener Unternehmen, Vergabeunterlagen großer öffentlicher Aufträge sowie vertrauliche Verhandlungsunterlagen etwa zum Kohleausstieg oder zum geplanten Hertha-Stadion. Auch Verwaltungsvorgänge zu Unternehmen wie Tesla, Zalando oder Nike sollen betroffen sein.
Berlin zahlte Lösegeld nicht
Berlin zahlte die von Rhysida geforderten 30 Bitcoin Lösegeld nicht. Nachdem das Ultimatum abgelaufen war, veröffentlichten die Hacker die Daten am 4. September im Darknet. Geld verdienten die Täter damit offenbar nicht. Die Veröffentlichung dürfte jedoch vor allem einem anderen Zweck gedient haben: Sie demonstriert potenziellen künftigen Opfern, dass Rhysida seine Drohungen wahr macht, wenn kein Lösegeld gezahlt wird.
Die eigentliche Gefahr endet deshalb nicht mit der Veröffentlichung. Die Daten können über Jahre hinweg kopiert, ausgewertet und für neue Betrugsdelikte, Identitätsdiebstahl, Spionage oder gezielte Cyberangriffe genutzt werden. Der Angriff ist damit nicht nur ein Problem der Berliner Verwaltung, sondern kann potenziell jeden Berliner betreffen.