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Paul Watzlawick: Der Vordenker der systemischen Therapie

Welt

Watzlawick ergriff die Chance zu einem Forschungsaufenthalt an der Temple University in Philadelphia, US-Bundesstaat Pennsylvania. In dem Projekt ging es um schwierige Familien. Watzlawick interessierte vor allem das nonverbale Verhalten der Eltern, Kinder und Paare, die zur Beratung kamen. Denn er war überzeugt, dass Körpersprache und Gestik oft mehr verrieten als Worte.

Ein Leben auf Wanderschaft

Als Spross einer Kärntner Großfamilie hatte Watzlawick Erfahrung mit innerfamiliären Zwistigkeiten. Sein Vater, Paul Watzlawick senior, war ein ehemaliger Bankdirektor, der nun in Villach beim Wörthersee mehrere Buslinien betrieb. Mutter Emy Casari war die Tochter eines italienischen Holzhändlers. Beide Eltern hatten zahlreiche Geschwister, sodass Paul und seine Schwester Maria es mit einem Heer von Onkeln und Tanten, Neffen und Nichten zu tun hatten.

Nach dem Abitur blieb Paul ein Studium verwehrt, denn die Wehrmacht berief ihn ein. Es war das Jahr 1939, und Österreich gehörte, zum Unmut der Watzlawicks, inzwischen zum »Großdeutschen Reich«. Anfangs diente Paul in einem Flugabwehrbataillon, doch dank seiner polyglotten Erziehung wurde er später als Übersetzer eingesetzt, unter anderem in Italien.

Als er bei Verhören von Kriegsgefangenen offenbar zu deren Schutz fehlübersetzte, wurde er inhaftiert und kam um ein Haar vors Militärgericht. In den letzten Kriegsmonaten tauchte Watzlawick in seiner Heimatstadt Villach unter. Kaum war der Krieg aus, arbeitete er als Dolmetscher für das britische Militär in Triest. Und schließlich begann er in Venedig Sprachen zu studieren.

Bei einem Besuch in Zürich im Sommer 1950 wurde er durch Zufall auf das dortige C. G. Jung-Institut aufmerksam. Da er sich seit Langem für Spiritualität und das Unbewusste interessierte, beschloss er kurzerhand, Therapeut zu werden. Bis 1954 absolvierte Watzlawick eine Ausbildung in jungianischer Tiefenpsychologie.

Doch damit war das unstete Junggesellenleben, das er pflegte, nicht vorbei. Nachdem er vergeblich im indischen Bombay (heute Mumbai) als Behandler Fuß fassen wollte, bewarb er sich auf die offene Professorenstelle in El Salvador. Zu seiner Überraschung berief man ihn.

Doch nun war der Weltenbummler noch eine Station weiter in Philadelphia gelandet. Hier lief ihm eines Tages ein gewisser Don Jackson (1920–1968) über den Weg, ein junger Psychiater aus Kalifornien mit dem Spezialgebiet Psychose. Jackson verfolgte einen ungewöhnlichen Ansatz: Er glaubte, dass Wahnsymptome von Patienten nicht die Folge von Hirndefekten waren, wie die etablierte Medizin bis dahin annahm. Vielmehr sei eine bestimmte Art des Umgangs zwischen Eltern und ihrem Nachwuchs der Auslöser.

Die Entdeckung der Kommunikation

Watzlawick war die oft sonderbare Kommunikation in den Familien, die er beriet, ebenfalls bereits aufgefallen. Sie schlug mitunter binnen weniger Momente von liebevoller Zuneigung in schroffe Ablehnung um. Wie kam es dazu?

In Familieninterviews suchten Jackson und Watzlawick nach Inkonsistenzen zwischen dem, was Partner oder Angehörige sagten, und der Art und Weise, wie sie es sagten, also zwischen dem verbalen und dem nonverbalen Ausdruck. In aufwendigen Protokollen hielten die beiden Forscher nicht nur das Gesprochene, sondern auch Gesten, Intonation und sonstige Signale fest. Das Ganze glich einem riesigen Puzzle.

Als sich Jacksons Aufenthalt dem Ende zuneigte, lud er Watzlawick ein, nach Palo Alto an das junge Mental Research Institute (MRI) zu kommen, um die Arbeit fortzusetzen. An der Stanford University, gleich neben Palo Alto, leitete der Anthropologe Gregory Bateson (1904–1980) ein Forschungsprojekt über »Paradoxien in der menschlichen Kommunikation« und hatte eine Truppe kreativer Köpfe um sich geschart. In Jacksons Arbeitsgruppe, die eng mit Bateson kooperierte, heuerte Watzlawick im Frühjahr 1961 an.

Auf den ersten Blick erschien der neue Job wie ein radikaler Wechsel: Als Jungianer hatte Watzlawick noch Vorlesungen über Traumsymbolik gehalten. Nun dokumentierte er die nonverbale Kommunikation in Familien. Doch bei näherer Betrachtung hatte dies durchaus Ähnlichkeiten mit der Tiefenpsychologie: Hier wie dort ging es darum, eine verborgene Matrix zu entschlüsseln, die menschliches Verhalten prägte.

Alles ist Beziehung

Denn in fehlerhafter Kommunikation, so das Credo der MRI-Forscher, gründeten viele Seelennöte. Demnach war nicht das Individuum gestört, sondern das »System Familie«. Eine zentrale Prämisse der damals aufkommenden »kybernetischen« Sichtweise lautete daher: Alles ist Beziehung!

Der Ausdruck Kybernetik stammt von dem griechischen Wort für Steuermann, »kybernetes«. Seine Konjunktur begann mit einer Serie von wissenschaftlichen Tagungen, die die 1930 gegründete New Yorker Josiah-Macy-Stiftung zwischen 1946 und 1953 ausrichtete. Diese »Macy-Konferenzen« behandelten Themen wie Gedächtnis und Gehirn, Sprache und Wahrnehmung, Lernen und Kommunikation und brachten – das war das Besondere – Spezialisten verschiedener Disziplinen zusammen. Hier traf der Hirnforscher William McCulloch (1901–1980) auf den Spieltheoretiker John von Neumann (1903–1957), der Physiker Heinz von Förster (1911–2002) diskutierte mit dem Psychologen Kurt Lewin (1890–1947) und der Logiker Norbert Wiener (1894–1964) mit der Anthropologin Margaret Mead (1901–1978). Auch Linguisten, Soziologen und Elektroingenieure waren dabei.

Ähnlich wie heute an der Schwelle zum KI-Zeitalter herrschte damals die Überzeugung, man stehe vor einem Epochensprung. Die Computertechnik hatte Einzug gehalten und mit ihr ein Paradigmenwechsel in der Frage, wie die menschliche Psyche funktionierte.

Der Cyber-Historiker und Sachbuchautor Thomas Rid beschreibt die Idee dahinter so: »Geist verwandelte sich in etwas, das sich in der Sprache der Technik verstehen, beschreiben und analysieren ließ. Und die Kybernetik stellte die Sprache zur Verfügung: Input und Output, negative Rückkopplung, Selbstregulierung, Gleichgewicht.«

Doch die »Macyianer« läuteten nicht nur eine wissenschaftliche Revolution ein, sondern auch eine therapeutische. »Wenn der Geist lediglich eine Art Maschine war, dann konnten Menschen ihn verstehen, steuern, justieren, reparieren und verbessern«, so Rid weiter.

Die Funktionsweise elektronischer Schaltkreise diente als Vorbild für das Gehirn ebenso wie für menschliche Beziehungen, Sprache und Denken. So wurden die Macy-Treffen zur Geburtsstätte dessen, was man später als »kognitive Wende« in der Psychologie bezeichnete – also der Hinwendung zu den verborgenen psychischen Vorgängen, die dem menschlichen Verhalten zugrunde liegen. Ob Bewegung oder Urteile, Gefühle oder Entscheidungen – jene mentalen Prozesse, die zwischen Reiz und Reaktion vermitteln, beschrieb man nun gemäß dem neuen Ansatz mit Begriffen wie »Informationsverarbeitung« und »Feedback«.

Obwohl er selbst gar keinem der Treffen beiwohnte, sog Watzlawick die dort entwickelten Ideen auf und übertrug sie auf die Kommunikation. Ein entscheidender Schritt zu deren Verständnis war demnach die Einsicht, dass jede sprachliche Äußerung zweierlei umfasste: einen Inhalts- und einen Beziehungsaspekt.

Wie wir miteinander reden, sagt immer auch etwas über das Verhältnis zwischen Sender und Empfänger. Man will sich etwa gegenseitig belehren, überzeugen, amüsieren oder zu einer Handlung bewegen. So beschreibt jede noch so sachliche Feststellung zugleich unausgesprochen eine Beziehung – ein Konzept, das in Deutschland ab den 1980er-Jahren durch den Psychologen Friedemann Schulz von Thun zum »Kommunikationsquadrat« ausgebaut und popularisiert wurde.

Die Macht paradoxer Botschaften

Bereits ab Mitte der 1950er-Jahre entwickelten die Arbeitsgruppen um Jackson und Bateson eine geradezu revolutionäre Idee, die mit der Verwirrung genau dieser kommunikativen Ebenen zu tun hatte: die Doppelbindungstheorie (Double-Bind-Theorie). Was damit gemeint war, machten sie am Beispiel eines jungen Mannes deutlich, der nach einer schizophrenen Episode im Hospital von seiner Mutter besucht wurde. »Er freute sich, sie zu sehen, und legte ihr impulsiv den Arm um die Schultern, woraufhin sie erstarrte. Er zog seinen Arm zurück und sie fragte: ›Liebst du mich nicht mehr?‹ Er wurde rot, und sie sagte: ›Lieber, du musst nicht so leicht verlegen werden und Angst vor deinen Gefühlen haben.‹ Der Patient war danach nicht in der Lage, länger als ein paar Minuten mit ihr zu verbringen.«

Das Dilemma des Sohns beschrieben die Forscher so: »Wenn ich die Bindung zu meiner Mutter behalten will, darf ich ihr nicht zeigen, dass ich sie liebe, aber wenn ich ihr nicht zeige, dass ich sie liebe, werde ich sie verlieren.« Eine ausweglose Lage.

Offenbar bedurfte es keiner Gewalt oder Erniedrigung, um Menschen seelisch zu gefährden. Es genügte, dass die Eltern zugewandt und ablehnend zugleich auftraten, dass sie sich für einen aufopferten und es im selben Moment zum Vorwurf machten. Die Mutter band ihr Kind doppelt an sich, indem sie sich ihm zuwandte und es zugleich wegstieß, Liebe verlangte, aber nicht zuließ – kurz: indem sie paradox kommunizierte.

Dem so erzeugten Unbehagen konnte das Kind in der Vorstellung der Double-Bind-Theorie nicht entkommen. Denn die eigenen Gefühle zu artikulieren, blieb ihm verwehrt – so konnte es am Ende nur »verrückt« werden.

»Krank« war eben nicht das Individuum, sondern die Beziehung

Ähnliche Verstrickungen beobachtete Watzlawick bei vielen der Familien, die zu ihm ans Institut kamen. Das Dilemma ließ sich nicht auflösen, wenn man nur das Kind behandelte. Denn »krank« war eben nicht das Individuum, sondern die Beziehung.

Vom Familienproblem zur systemischen Therapie

Was also tun? Laut Watzlawick genügte Einzeltherapie nicht. Um das eigentliche Problem zu beheben, mussten alle Beteiligten gemeinsam den inhärenten Widerspruch im Verhalten durchbrechen. Zu diesem Zweck erprobte er eine Reihe paradoxer Interventionen wie etwa die »Symptomverschreibung«. Er forderte Patienten wie auch Angehörige zum Beispiel auf, genau das zu tun, was die Therapie eigentlich abstellen sollte. Der Patient sollte das Gespräch jederzeit unterbrechen und zornig werden, wenn ihm danach war – und die Eltern genervt reagieren.

Das Kalkül dahinter: Ein willentlich ausgelöstes Symptom wie ein Wutausbruch war keines mehr, denn was man selbst steuerte oder zumindest provozierte, dem war man nicht ausgeliefert. In der Praxis freilich zeigte sich, dass dies rein logisch stimmen mochte, nur konnte man eine psychische Erkrankung dennoch nicht so einfach auflösen.

Im Lauf der Jahre entwickelten die MRI-Forscher schließlich eine Familienkurzzeittherapie, die mit recht direktiven Appellen binnen nur zehn Sitzungen Erleichterung versprach. Dies war eine Keimzelle der heute weitverbreiteten systemischen Therapie- und Coachingansätze.

Deren Interventionen fußen auf zwei Grundannahmen. Erstens: Das Unvermögen, über Kommunikation zu kommunizieren, kann Menschen regelrecht krank machen. Und zweitens: Es gibt – obwohl von keiner Seite beabsichtigt – Kräfte, die das gestörte System stabilisieren und aufrechterhalten. Obwohl jeder Beteiligte litt, hielt er am paradoxen Muster fest und spielte seine Rolle. Die Eltern sorgten dafür, als das Kind weiter ihrer Fürsorge bedurfte; umgekehrt klammerte sich dieses an die Störung, um sich so der elterlichen Liebe zu versichern.

In zahlreichen Aufsätzen und Büchern wie »Menschliche Kommunikation« (1969) und »Lösungen« (1974) stellte Watzlawick seine Arbeit am MRI auf ein theoretisch durchdachtes und zugleich anschauliches Fundament. Er war bei alldem weniger ein versierter Therapeut als eine Art Psychophilosoph, der mit den berühmten »Axiomen der Kommunikation« – darunter das viel zitierte »Man kann nicht nicht kommunizieren« – und lebendigen Anekdoten die Populärpsychologie eroberte.

Endlich, so dachten wohl nicht wenige seiner Leser, brauchte man nicht mehr nach den Geheimnissen des Unbewussten zu forschen, sondern konnte im Hier und Jetzt an der Kommunikation feilen. Der Anspruch, mit schnell wirksamen »Tools« das Miteinander und sich selbst zu verbessern, ernährt bis heute eine ganze Coachingbranche. Ohne Jackson, Watzlawick und das MRI wäre das kaum möglich gewesen.

Nach dem Erfolg seines populären Sachbuchs »Anleitung zum Unglücklichsein« (1983) hielt Watzlawick zahllose Vorträge rund um den Globus. Das Weltenbummlertum gab er also nie ganz auf. Er verbreitete die Idee, dass oft die Lösung das Problem ist und selbst gute Absichten schlechte Folgen haben. Das allein ist zwar kein tragfähiges Therapiekonzept – doch als ironische Lebensweisheit taugt es allemal.

Als Paul Watzlawick am 31. März 2007 in seinem Haus in Palo Alto an den Folgen einer Parkinsonerkrankung starb, waren seine Einsichten längst Allgemeingut geworden.

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