Pflegedebatte bei „Hart aber fair“: „Mir platzt gerade der Kragen“
Über sechs Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig – und rund drei Viertel von ihnen werden zu Hause betreut. Doch in der politischen Debatte finden pflegende Angehörige vergleichsweise selten Beachtung.
ARD-Moderator Louis Klamroth widmete ihnen nun eine ganze Sendung. „Pflege zu Hause: Lässt die Politik Angehörige allein?“, fragte er am Montagabend seine Gäste. Die ARD-Sendung in der TV-Kritik.
Die Gäste
Hendrik Streeck (CDU), Gesundheitspolitiker und Drogenbeauftragter der Bundesregierung
Petra Köpping (SPD), sächsische Staatsministerin für Soziales, Gesundheit und Gesellschaftlichen Zusammenhalt
Caren Miosga, Journalistin und Moderatorin
Yvonne Lissel, pflegende Angehörige
Dilek Erusta, Gemeindepflegerin in Berlin-Neukölln
Katarina Schickling, Journalistin und Autorin
Ein Thema, das nahegeht
Viel wird darüber geschimpft, wie wirklichkeitsfremd die abendlichen politischen Talkshows doch sind. Wenn Spitzenpolitiker über die Befindlichkeiten in der Koalition sinnieren, was bitte hat das mit dem Alltag der meisten Menschen zu tun? Manchmal ist diese Kritik übertrieben, häufig genug hat sie ihre Berechtigung.
Talkshowgastgeber Louis Klamroth beweist an diesem Abend, dass es auch anders geht. Schließlich ist die Pflege ein Thema, „das zu uns allen irgendwann kommen wird“, wie der Moderator es formuliert. Hört man jenen Angehörigen von Pflegebedürftigen zu, die er an diesem Abend zu Gast hat, wird schnell klar, was er meint.
Da ist zum Beispiel Yvonne Lissel. Ihr Mann, einst Polizist beim SEK, erkrankte bereits in jungen Jahren an Alzheimer. „Das war ein Schock für uns“, sagt Lissel. Heute sei ihr Mann rund um die Uhr auf sie angewiesen. „Ich habe jetzt mittlerweile meine Berufstätigkeit aufgeben müssen, weil es gar nicht anders geht“, erzählt sie. Gerade erst habe ihr Mann einen epileptischen Anfall gehabt und sei ins Krankenhaus eingeliefert worden.
Dilek Erusta, die als sogenannte Gemeindepflegerin in Berlin-Neukölln unter anderem Pflegebedürftige daheim besucht, ist im Privatleben selbst betroffen: Sie pflegt ihren 18-jährigen Sohn. Beide Fälle zeigen, dass Pflegebedürftigkeit keineswegs erst im hohen Alter zum Thema wird.
Fast wie in Coronazeiten
Die persönlichen Schicksale sind das eine. In der Sendung soll es jedoch auch darum gehen, wie die Politik Pflegebedürftige und deren Angehörige unterstützen kann. Dazu sollen die beiden Politiker in der Runde, Sachsens Sozialministerin Petra Köpping und CDU-Gesundheitspolitiker Hendrik Streeck, Auskunft geben.
„Lassen Sie mich die Gelegenheit nutzen, um einfach mal einen großen Dank an die pflegenden Angehörigen auszusprechen, das wird viel zu selten getan“, sagt Köpping. Streeck, der neben ihr sitzt, stimmt in den Applaus des Publikums ein. Geht es allerdings um konkrete Maßnahmen, mit denen die häufig prekäre finanzielle Situation pflegender Angehöriger verbessert werden könnte, weichen beide Politiker aus.
Streeck verweist auf die klammen Kassen der Pflegeversicherung, Köpping auf ihren begrenzten Einfluss als Landespolitikerin. „Ich bin ja im Bundesland und nicht im Bund“, sagt sie etwa im Hinblick auf die Besetzung der Pflegekommission. Ein wenig fühlt man sich zurückversetzt in die Zeit der Coronapandemie, als eifrig für Pflegekräfte geklatscht wurde. Von diesem Beifall kann sich allerdings damals wie heute niemand etwas kaufen.
Zwischendurch macht Yvonne Lissel, die pflegende Angehörige, ihrem Ärger Luft. „Mir platzt gerade der Kragen“, sagt sie. „Wir sind wirklich diejenigen, die das wenigste Gehalt hier in der Bundesrepublik kriegen.“ In der vom Bundeskabinett Ende September nach langem Ringen beschlossenen Pflegereform „sind nur Kürzungen für uns drin“, kritisiert Lissel. Gemeindepflegerin Dilek Erusta kommt zu einem ähnlichen Urteil: „Es ist ein Sparpaket auf dem Rücken von pflegenden Angehörigen.“
Es sei tatsächlich ein Spargesetz, „weil die richtige Reform soll ja erst noch kommen danach“, beteuert Streeck. Trotzdem versucht er, dem Gesetz noch etwas Positives abzugewinnen, etwa die Stärkung der Prävention. Ohnehin werde es im parlamentarischen Verfahren „noch sehr viele Diskussionen“ geben, kündigt der CDU-Politiker an.
Zwischendurch übernimmt Caren Miosga
Neben Politikern und Praktikern hat Louis Klamroth an diesem Abend auch eine Kollegin zu Gast: ARD-Talkshowmoderatorin Caren Miosga. Schon zu Beginn der Sendung, als Klamroth die ersten Worte an die Zuschauer richtet, steht sie neben ihm.
Wie es zu dieser höchst ungewöhnlichen Situation kommt, ist schnell erklärt: Miosga hat eine Dokumentation über pflegende Angehörige gedreht, die unmittelbar vor „Hart aber fair“ ausgestrahlt wurde. Während der Sendung werden immer wieder Ausschnitte daraus gezeigt, die Miosga einordnet.
Doch sie tut mehr als das. Die Moderatorin spricht auch über ihre eigenen Eltern, darüber, wie ihr Vater ihre Mutter pflegt. Dabei gewährt sie sehr persönliche Einblicke, etwa zum Gesundheitszustand ihrer Mutter. Es werden sogar Bilder ihrer Eltern und Großeltern eingeblendet.
Kurz vor Ende der Sendung fällt Miosga für einen Augenblick aus ihrer Rolle als Gast und scheint selbst die Moderation zu übernehmen. Offenbar unzufrieden mit dem, was Petra Köpping zur illegalen Beschäftigung von ausländischen Betreuungskräften in deutschen Haushalten sagt, konfrontiert Miosga die CDU-Politikerin.
„Ist das vielleicht symptomatisch, dass Sie das tun, dass Sie jetzt anders ausweichen und eine andere Antwort geben auf die Frage?“, möchte sie wissen. Miosga lehnt sich dabei nach vorne, ganz so wie in ihrer eigenen Sendung.
Klamroth steht unterdessen mit verschränkten Beinen am Rand und verfolgt das Hin und Her zwischen seinen Gästen. Irgendwann wirft er Miosga einen Blick zu und übernimmt wieder das Ruder. Es ist nun mal seine Sendung – deren Konzept an diesem Abend aufgegangen ist.