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Pilotenfehler oder Attentat? „Es gab ein helles Feuer. Dann stürzte das große Flugzeug ab“

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Im Jahr 1974 wurde in die Regularien des Nobelpreises eine wichtige Änderung eingefügt. Tote dürfen nicht mehr mit ihm ausgezeichnet werden, es sei denn, sie wurden noch zu Lebzeiten bekanntgegeben. Schließlich gehe es darum, aktive Vorbilder mit dieser berühmten Auszeichnung zu ehren und den Kreis der Kandidaten nicht durch die Aufnahme verstorbener Genies auszuweiten, hieß es in der Begründung. Einen weiteren Grund lieferte das Schicksal des schwedischen Friedensnobelpreisträgers von 1961, Dag Hammarskjöld. Der Tod des damaligen UN-Generalsekretärs in Sambia sorgt noch heute für Debatten, Gerüchte und Verschwörungstheorien, die der ursprünglichen Intention der Ehrung zuwiderlaufen.

Am 18. September 1961 kurz nach Mitternacht begann eine Douglas DC-6 der schwedischen Luftgesellschaft „Transair“ ihren Landeanflug auf den Flughafen von Ndola in der Zentralafrikanischen Föderation, zu der das nördliche Rhodesien, heute Sambia, damals gehörte. Plötzlich brach der Funkverkehr ab. Rund 15 Kilometer von der Landebahn entfernt fanden Suchmannschaften später die zerschellte Maschine. Nur einer der 16 Passagiere hatte schwer verletzt überlebt. Die übrigen waren tot, unter ihnen der Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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Es war kein Freundschaftsbesuch, sondern eine höchst brisante Mission, die Hammarskjöld ins Herz von Afrika trieb. 1960 hatte der Kongo seine Unabhängigkeit von Belgien erlangt. Aber der junge Staat drohte, sich im Strudel von Sezessionsbewegungen aufzulösen. Vor allem die rohstoffreiche Südprovinz Katanga strebte nach Selbstständigkeit. Selbst mit dem Einsatz von UN-Truppen hatte Hammarskjöld die bürgerkriegsähnlichen Zustände nicht beenden können. Im September 1961 wollte sich der UN-Generalsekretär mit Moïse Tschombé treffen, dem Führer der Sezessionisten. Der Absturz verhinderte das.

Wie die ehemalige Kolonialmacht Belgien verfolgten auch die USA seinerzeit höchst eigene Interessen im Kongo. Mit Hilfe belgischer Beamter und Unternehmen wie der „Union Minière“ suchte Tschombé den Reichtum seiner Provinz gegen die Zentralregierung unter Ministerpräsident Patrice Lumumba auszuspielen. Weiße Söldner halfen ihm dabei. Das Interesse Belgiens oder der USA am ungestörten Zugriff auf die Ressourcen Katangas war deutlich größer als am Erhalt des afrikanischen Vielvölkerstaates.

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Hammarskjöld hielt dagegen. Der Sohn eines Ministers, der in verschiedenen schwedischen Regierungen gedient und 1914 bis 1917 als Ministerpräsident amtiert hatte, war 1953 erstmals zum UN-Generalsekretär gewählt worden. Der vermeintlich farblose Technokrat entpuppte sich bald als versierter Machttaktiker mit Visionen, der die Weltorganisation als eigenständigen Akteur auf der politischen Bühne etablieren wollte. 1956 hatte er während der Suez-Krise die UN-Truppen gegründet. Als engagierter Fürsprecher der Dekolonialisierung begleitete er die Befreiungsbewegungen in Afrika.

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Entsprechend schnell reagierte Hammarskjöld auf die Bitten Lumumbas, der nach der Landung belgischer Truppen in Katanga die Vereinten Nationen angerufen hatte. Aber die Blauhelme, die er in Marsch setzte, waren im chaotischen Macht- und Interessensgeflecht des Kongo hoffnungslos überfordert.

Während Tschombé und seine belgischen Hintermänner dem UN-Generalsekretär Parteinahme für Lumumba vorwarfen, rief dieser nach sowjetischer Waffenhilfe, weil er sich von der Weltorganisation nicht ausreichend unterstützt sah. Als sich daraufhin der Stabschef der kongolesischen Armee, Mobutu Sese Seko, mit belgischer und amerikanischer Unterstützung an die Macht putschte und Lumumba in Tschombés Gewahrsam bestialisch ermordet wurde, drohte der Kongo, sich in einem Krieg aller gegen alle aufzulösen.

Nachdem auch noch US-Präsident John F. Kennedy mit dem Austritt aus den Vereinten Nationen gedroht hatte, löste Hammarskjöld im September 1961 die „Operation Morthor“ aus. Ausgestattet mit Haftbefehlen der Zentralregierung sollten die Führer der Katanga-Sezessionisten festgenommen werden. Als es dabei zu Toten kam, begann sich die Weltmeinung gegen die UN-Aktion zu wenden. Bei dem Versuch, auf diplomatischen Wegen die Abspaltung Katangas zu verhindern, stürzte Hammarskjöld ab. Wenig später wurde ihm, als einzigem Menschen posthum, der Friedensnobelpreis verliehen.

Seitdem zählt Hammarskjölds Tod zu den großen Rätseln des 20. Jahrhunderts. Und wie im Falle des Absturzes des polnischen Präsidenten Lech Kaczyński 2010 bei Smolensk hält sich hartnäckig der Verdacht, dass der UN-Generalsekretär keinem Unfall, sondern einem gezielten Angriff oder Attentat zum Opfer gefallen ist.

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Erste Untersuchungen kamen zu dem Schluss, dass für den Absturz eine technische Störung oder ein Fehler des Piloten verantwortlich war. Für den Anflug auf Ndola sei eine Mindestflughöhe von 2000 Metern vorgeschrieben. Die sei nicht eingehalten worden, sodass die Maschine mehrere Baumwipfel streifte und abstürzte. Einschusslöcher in den Trümmern der Douglas DC-6 seien nicht gefunden worden, hieß es.

Kritiker dieser Version führen das Schicksal des einzigen Überlebenden des Absturzes an. US-Sergeant Harold Julian blieb in einem schlecht ausgerüsteten Krankenhaus in Ndola unterversorgt und starb nach kurzer Zeit. Kronzeuge der Verschwörungstheoretiker ist deshalb ein Kohlenarbeiter, der 2009 von dem Schweden Göran Björkdahl aufgestöbert wurde und zu Protokoll gab: „Plötzlich sahen wir ein zweites, kleineres Flugzeug, und es gab ein helles Feuer. Dann stürzte das große Flugzeug ab.“

Ähnlich äußerten sich auch weitere Zeugen in Gutachten, die der Hammarskjöld Inquiry Trust 2013 und 2015 vorlegte. Dies und die Aussage eines belgischen Piloten, der seinerzeit in der kleinen Luftwaffe der Katanga-Rebellen diente und erklärt hätte, auf die DC-6 gefeuert zu haben, würden eine Wiederaufnahme der Untersuchungen nötig machen, so die Autoren.

Unter den UN-Generalsekretären Ban Ki-moon und António Guterres wurden die Recherchen fortgesetzt. Der Bericht eines Sonderermittlers kam 2019 zu dem Schluss, dass die Annahme, Hammarskjölds Flugzeug sei abgeschossen worden, „plausibel“ sei. Allerdings würden zuständige Stellen in Großbritannien, Russland, Südafrika und den USA die nötige Transparenz vermissen lassen, um ein abschließendes Urteil zu fällen.

Im selben Jahr präsentierte der investigative Dokumentarfilm „Cold Case Hammarskjöld“, in dem der dänische Regisseur Mads Brügger zusammen mit Göran Björkdahl den Fall erneut untersuchte, einen Täter: Danach soll der Belgier Jan van Risseghem vor seinem Tod den Abschuss der DC-6 gestanden haben. Dabei sei ihm unbekannt gewesen, wer sich an Bord der Maschine befunden habe. Risseghem, bekannt als „Lone Ranger“, diente im Zweiten Weltkrieg in der Royal Air Force und war seinerzeit Söldnerpilot der Luftwaffe Katangas. In einer mit MGs ausgerüsteten „Fouga Magister“, einem zweistrahligen Schulflugzeug, habe er seine Einsätze geflogen, heißt es.

Brügger und Björkdahl vermuteten eine Operation amerikanischer und britischer Geheimdienste, ohne allerdings stichhaltige Beweise für deren Drahtzieherschaft vorlegen zu können. Daraus hat der Politikwissenschaftler Manuel Fröhlich eine interessante Schlussfolgerung gezogen: „Die Tatsache, dass nahezu alle großen Geheimdienste der Welt zumindest verdächtigt wurden, Hammarskjöld ausschalten zu wollen, wird in der Retrospektive zu einem ganz eigenen Ausweis der Unabhängigkeit des Generalsekretärs.“

Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte die Archäologie zu seinem Arbeitsgebiet.

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