„Pilzstürme“ ziehen über die USA - und bringen eine Krankheit mit, die viele Ärzte nicht kennen
Es beginnt wie in einem Katastrophenfilm: Eine braune Wand aus Staub schiebt sich über den Horizont, verschluckt eine ganze Stadt, taucht alles in ockerfarbenes Dämmerlicht. In Phoenix, Arizona, ist dieser Anblick fast schon Alltag. Nur steckt in diesem Staub manchmal mehr als bloß Sand. Er kann krank machen. Die USA erleben gerade eine Zunahme von Stürmen, die Fachleute „Pilzstürme“ nennen. Sie bringen eine Krankheit mit, von der viele Ärzte noch nie gehört haben. Was ist Valley Fever? Der offizielle Name ist ein Zungenbrecher: Coccidioidomycosis. Umgangssprachlich heißt die Krankheit Valley Fever, auf Deutsch Wüstenfieber. Auslöser ist der Pilz Coccidioides. Seine Sporen leben im trockenen Boden des amerikanischen Südwestens, vor allem in Arizona und Kalifornien. Solange die Sporen unter der Erde bleiben, sind sie harmlos. Gefährlich wird es erst, wenn der Wind sie nach oben holt. Warum die Fälle in die Höhe schießen Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache. 2008 wurden in den USA rund 7.500 Fälle gemeldet, 2023 waren es über 21.000. Fachleute vermuten, dass die wahre Zahl bei bis zu 360.000 Infektionen pro Jahr liegt – viele bleiben schlicht unerkannt. Allein Kalifornien verzeichnete 2024 mit fast 12.500 gemeldeten Fällen einen Rekord. Der Hauptgrund trägt einen bekannten Namen: den Klimawandel. Dürre, Hitze und ausgetrocknete Böden schaffen ideale Bedingungen für den Pilz. In Utah ist der Große Salzsee auf ein Viertel seines normalen Volumens geschrumpft. Der freigelegte Seeboden zerfällt zu Staub – und der zieht in die umliegenden Städte. Ein Pilz auf Wanderschaft Noch vor wenigen Jahrzehnten kannte man Coccidioides fast nur aus dem Südwesten. Inzwischen wurde er bis nach Oregon und Washington nachgewiesen. Manche Prognosen gehen weiter: Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte sich der Pilz bis nach North Dakota und Minnesota ausbreiten, womöglich sogar bis nach Kanada. „Pilze sind unglaubliche Anpassungskünstler“, sagt Tom Chiller, früher Leiter der Abteilung für Pilzerkrankungen bei der US-Gesundheitsbehörde CDC. Durch die Umweltveränderungen entstünden immer mehr Regionen, in denen die Sporen prächtig gedeihen. Wie gefährlich ist das wirklich? Die meisten Menschen, die Sporen einatmen, merken davon nichts. Etwa drei von fünf bestätigten Fällen verlaufen ohne oder nur mit milden, grippeähnlichen Symptomen. Für eine Minderheit wird es allerdings unangenehm: Fieber, Erschöpfung, Hautausschläge, Gelenkschmerzen, Husten, Brustschmerzen. „Bei vielen Patienten ist es zermürbender als eine Grippe“, sagt John Galgiani, der die Krankheit an der University of Arizona seit den 1980er-Jahren erforscht. Betroffene lägen oft wochenlang flach. In schweren Fällen kann Valley Fever eine Lungenentzündung auslösen. Der Pilz kann sich bis auf Gehirn und Rückenmark ausbreiten und eine Hirnhautentzündung verursachen. Für ein paar hundert Menschen pro Jahr endet die Krankheit tödlich. Behandelbar – aber oft nicht erkannt Die gute Nachricht: Valley Fever lässt sich mit Antimykotika wie Fluconazol behandeln. Die schlechte: Diese Medikamente haben teils heftige Nebenwirkungen, und in schweren Fällen müssen Betroffene sie ein Leben lang nehmen. Das eigentliche Problem ist die Diagnose. Weil viele Ärzte die Krankheit nicht auf dem Schirm haben, durchlaufen Patienten häufig mehrere erfolglose Antibiotika-Kuren, bevor jemand an den Pilz denkt. 400.000 Jahre alte Höhle in Israel: Forscher entdecken die Anfänge unserer Kultur Wer besonders aufpassen muss Treffen kann es grundsätzlich jeden. „Es ist ein Erreger der Chancengleichheit“, so Galgiani – wer den Sporen ausgesetzt ist, hat dasselbe Infektionsrisiko wie alle anderen. Am stärksten betroffen sind Menschen, die viel im Staub arbeiten: Landarbeiter, Bauarbeiter, Feuerwehrleute, Archäologen, Soldaten. Laut einer Studie von 2020 haben Farmarbeiter ein dreifach erhöhtes Risiko. Auffällig ist zudem, dass schwere Verläufe Menschen mit schwarzer und philippinischer Herkunft offenbar häufiger treffen. Warum, ist bislang ungeklärt. Was tatsächlich schützt Vermeiden lässt sich das Wüstenfieber vor allem, indem man den Staub meidet. Bei Staubstürmen also drinnen bleiben, Fenster und Türen schließen. Luftreiniger können helfen, die feinen Partikel aus der Raumluft zu holen. Ein Impfstoff existiert bisher nicht. Forscher arbeiten daran – bis dahin bleibt vor allem eines: das Wissen, dass da überhaupt eine unsichtbare Gefahr im Staub liegt. Lesen Sie mehr zum Thema