Pinkeln war ihm unmöglich: Der heikle Fall des Leichtathleten Owen Ansah
Die Bühne für einen der spannendsten Leichtathleten Deutschlands war bereitet. An diesem Wochenende, so die Hoffnung, sollte der deutsche Sprinter Owen Ansah bei den deutschen Meisterschaften einen neuen nationalen Rekord auf die blaue Bahn des für mehr als 50 Millionen Euro modernisierten Lohrheidestadions in Wattenscheid zaubern. Schon zweimal war der 25-Jährige als erster Deutscher unter zehn Sekunden über die 100 Meter geblieben, sein Rekord steht bei 9,98 Sekunden. Nun ist es nicht ausgeschlossen, dass Ansah bei seinem mutmaßlichen Finallauf am Samstag seine eigene Bestzeit erneut steigern wird. Der Hamburger wird am Start sein. Die Sache ist nur, er wird mit einem gewaltigen Rucksack ins Rennen gehen. Es war in der vergangenen Woche, als Ansah – sagen wir mal – unerwarteten Besuch bekommen hatte: von einem Doping-Kontrolleur. Ansah sagt, dass er just, als der Kontrolleur geklingelt habe, zum Flughafen aufbrechen wollte und „spät dran“ gewesen sei. Außerdem habe er unmittelbar vor der Abreise die Toilette besucht. Abgabe einer Urinprobe? Schwierig. „Es wurde nicht angeboten, dass der Kontrolleur mit zum Flughafen fährt, damit ich dort die Probe abgeben kann“, sagt Ansah. Auch seien ihm von dem Kontrolleur keinerlei Konsequenzen aufgezeigt worden, sollte er – wie geschehen – die Probe einfach nicht abgeben. Apropos Konsequenzen: Wenn es dumm läuft für Ansah, wird er wegen des verpassten Tests für vier Jahre gesperrt. Offenbar war ihm nicht klar, dass es sich nicht um einen „Missed Test“ handelte, bei denen erst der dritte Konsequenzen hat, sondern um eine Verweigerung der Dopingkontrolle. Die Nationale Anti-Doping-Agentur (Nada) ermittelt gegen ihn. Zum Glück für Ansah hat sie von einer vorläufigen Suspendierung abgesehen. So kann er nicht nur bei den deutschen Meisterschaften, sondern bei den in wenigen Wochen stattfindenden Europameisterschaften in Birmingham starten. Doch die Vorwürfe dürften ihn belasten. Der Fall ist heikel. Auf der einen Seite hätte das Timing des Dopingkontrolleurs kaum ungünstiger sein können. Andererseits gibt es offenbar unterschiedliche Erzählweisen, wie Sportler und Kontrolleur den Vorgang besprochen hatten. War es wirklich so, dass Ansah vom Kontrolleur nicht über die möglichen Konsequenzen unterrichtet worden war? Die Nada teilte auf Anfrage der „Süddeutschen Zeitung“ mit, „dass die Benachrichtigung und Aufforderung zur Dopingkontrolle sowie die Aufklärung des Athleten über die Konsequenzen einer Verweigerung nach den Vorgaben des Anti-Doping-Regelwerks erfolgten.“ Bei einem Formfehler des Kontrolleurs wäre Ansah einigermaßen entlastet. Sollte es diesen aber nicht gegeben haben, sähe die Sache schon anders aus. In einer Stellungnahme teilte sein Anwalt Rainer Tarek Cherkeh zuletzt mit, dass sich der Sprinter der Nada gegenüber „umfassend“ äußern werde. Die Nada steckt in einem Dilemma Der Sportrechtler Paul Lambertz kennt sich mit solch schwierigen Fragen aus. Im Gespräch mit dem Tagesspiegel möchte er sich nicht auf eine Seite schlagen. „Es ist aber schon so, dass es sachliche Gründe für eine Verweigerung einer Dopingabgabe geben kann“, sagt er. Wenn etwa eine Person mit dem Krankenwagen transportiert werde, sei es schwer, eine Dopingprobe zu nehmen, schildert er ein eindeutiges Beispiel. So klar ist die Causa Ansah nicht, aber Lambertz ist überzeugt, „dass sich Ansah nun sicher nicht vor dem Doping-Kontrolleur versteckt hat“. Zudem gebe es schon sogenannte Mitwirkungspflichten des Kontrolleurs, findet Lambertz. Soll heißen: Im konkreten Fall wäre es für alle Beteiligten tatsächlich am besten gewesen, der Kontrolleur hätte Ansah zum Flughafen begleitet und eben dort eine Doping-Probe abgenommen. Die Nada steckt in einem grundsätzlichen Dilemma. Sie will in ihrem Kampf gegen Doping ernstgenommen werden. Tut sie das nicht, tanzen ihr die Athletinnen und Athleten auf der Nase herum. Andererseits möchte sie die teilweise krassen Eingriffe in die Intimsphäre der Sportler nicht auf die Spitze treiben. Jede Entscheidung der Nada ist immer vor diesem Hintergrund zu betrachten. Im speziellen Fall Ansah kommt hinzu, dass es sich bei ihm um eine Ausnahmeerscheinung im deutschen Sport handelt. Fiele das Urteil im Sinne von Owen Ansah aus, könnte von einem Promi-Bonus die Rede sein; bekäme er eine lange Sperre aufgebrummt, stünden die Dopingbekämpfer als Karriere-Zerstörer da. All diese Gedanken muss die Nada beiseite wischen. Es geht darum, ob hier ein Sportler einen Betrug vertuschen wollte oder nicht. Der Sportrechtler Lambertz glaubt, dass der Fall in den besten Händen ist: „Ich glaube, sie werden eine richtige Entscheidung treffen. In der Nada und den Sportgerichten sitzen vernünftige Leute.“ Ob das jetzt gut oder schlecht ist für Owen Ansah, wird sich zeigen.