Pistorius bei Hegseth: Warum Deutschland US-Waffen im großen Stil kauft
Pistorius in den USA
Deutschland ist ganz vorn dabei
Aktualisiert am 18.09.2026 - 09:28 UhrLesedauer: 7 Min.
Boris Pistorius demonstriert in den USA Einigkeit mit Pete Hegseth. Er kauft amerikanische Kampfjets, will Tomahawks und baut die Rüstungskooperation aus. Doch hinter der neuen Harmonie steckt auch ein europäisches Dilemma.
Bastian Brauns, David Schafbuch und Daniel Mützel berichten aus Washington, New York und Berlin.
Der amerikanische Kriegsminister lächelt, als er Boris Pistorius empfängt. Der deutsche Verteidigungsminister steigt aus dem dunklen BMW, ein freundlicher Händedruck, dann schreiten er und Pete Hegseth die Stufen des Pentagons hinauf. Als die Militärkapelle die deutsche Nationalhymne spielt, singt Pistorius neben seinem amerikanischen Amtskollegen stehend jede Zeile mit. Der salutiert zur US-Hymne "The Star-Spangled Banner".
Feierlich und freundschaftlich wirkte schon der Beginn dieser wichtigen Ministerreise in die Vereinigten Staaten. An diesem Freitag erreicht sie ihren Höhepunkt im texanischen Fort Worth. Hier nimmt Pistorius den ersten von insgesamt 35 bestellten F-35A-Kampfjets für die deutsche Luftwaffe in Empfang. Die ersten sechs Maschinen sollen bis Ende 2026 ausgeliefert werden, die restlichen bis 2029. Die F-35 sollen die alternden Tornadojets ersetzen und Deutschlands Beitrag zur nuklearen Teilhabe der Nato sichern.
Der Grund dieses ausführlichen Besuchs ist aber nicht nur ein Milliardengeschäft, sondern auch die künftige Sicherheit Deutschlands und Europas auf der anderen Seite des Atlantiks. Pistorius' Besuch steht beispielhaft für eine neue Arbeitsteilung im Nato-Bündnis: Europa soll militärisch deutlich mehr leisten und – so die Erwartung der USA – bitte schön in US-Waffensysteme investieren.
Deutschland ist ganz vorn dabei. Aber hinter dem Milliardendeal stecken auch größere Fragen: Was bedeutet die Großanschaffung für das angeknackste deutsch-amerikanische Verhältnis und die transatlantische Sicherheitsordnung? Und geht der Pistorius-Deal nicht zulasten der europäischen Partner?
Pistorius und der "sehr, sehr freundliche" Pete
Klar ist: Das Treffen zwischen Hegseth und Pistorius verlief harmonisch. Hegseth lobte Deutschland als europäischen Musterschüler und sprach von "großen Fortschritten", die vor der zweiten Amtszeit von US-Präsident Donald Trump "wohl niemand für möglich gehalten hätte". Sogar ein eigenes Video mit den Bildern des Treffens produzierte die Presseabteilung des Pentagons. Der Tenor: Die USA und Deutschland vertiefen ihre militärisch-industrielle Partnerschaft.
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Auch Pistorius hatte über den Trump-Mann nur Positives zu berichten: Er habe sich mit Hegseth "sehr, sehr gut ausgetauscht" und ein "sehr, sehr freundliches Gespräch" geführt, sagte Pistorius bei einem Pressestatement am Dienstag. Und was die Gefahr durch Russland angehe, habe der US-Kollege die gleiche Perspektive. "Auch Pete Hegseth sieht die Bedrohung, die von Russland ausgeht", so Pistorius.
Irritationen, wenn es um Europa geht
Das klang schon mal anders. Hegseth hat die Europäer in der Vergangenheit immer wieder für ihre Migrations- und Verteidigungspolitik scharf angegriffen. Im Juni anlässlich des D-Day-Gedenkens sprach Hegseth von einer "Invasion" durch Migranten und warf den Europäern eine "hohle globalistische Rhetorik über eine regelbasierte internationale Ordnung" vor.
Auch im Streit um mehr Rüstungsausgaben für die Nato äußerte sich Hegseth immer wieder abfällig über Europa und drohte den Verbündeten mit dem Abzug von US-Truppen. Europäische Beratungen über einen Marineeinsatz zur Absicherung der Straße von Hormus, die als Unterstützung der USA gedacht waren, bezeichnete Hegseth im Frühjahr als "dumm". Als der deutsche Verteidigungsminister schon im Frühjahr zu Besuch kommen wollte, musste das Treffen ausfallen, Hegseth hatte keine Zeit. Er reiste zum Shangri-La-Dialog nach Singapur.
Boris Pistorius zeigte sich nach dem diesjährigen Juli-Treffen der Nato-Verteidigungsminister in Brüssel zudem irritiert, nachdem Hegseth den europäischen Partnern eine öffentliche "Standpauke" gehalten hatte. Pistorius bezeichnete dessen Vorgehen damals in einem Interview mit dem "Spiegel" als "nicht sonderlich glücklich". Er fügte hinzu: "Pete Hegseth versteht seine Rolle so, dass er Europa ermahnen müsste". Dennoch betonte er, dass das Verhältnis zu den USA trotz der harschen Töne "wahrlich keine Ehekrise" sei.
Deals, Deals, Deals
Die persönliche Chemie zwischen Pistorius und Hegseth jedenfalls scheint zu stimmen. Schon der erste Besuch nach dem Start der Trump-Regierung im vergangenen Jahr verlief atmosphärisch ausgesprochen freundlich. Grund dafür dürfte auch das schon länger gestiegene Interesse an einer Vertiefung der Rüstungszusammenarbeit sein. Der Deal über die F-35-Tarnkappenjets stammt zwar noch aus der Zeit der Biden-Regierung. Aber Hegseth und Pistorius verkündeten an diesem Dienstag eine zusätzliche Absichtserklärung.
Dabei handelt es sich um eine Rüstungsvereinbarung, die den enormen Bedarf an Waffen und Munition im Nato-Bündnis verstärkt auch aus deutscher Produktion decken soll. Es geht um die gemeinsame Entwicklung, Produktion und Lizenzfertigung von Rüstungsgütern. Ausgebaut werden sollen auch Wartungs- und Instandhaltungskapazitäten.
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Das deutsche Interesse an einer verstärkten Zusammenarbeit mit den USA betrifft vorwiegend die Produktion von Luftverteidigungssystemen und Lenkflugkörpern. Bei den Raketen für die Flugabwehrbatterie Patriot arbeiten amerikanische und deutsche Hersteller bereits eng zusammen: Der Lenkflugkörper GEM-T etwa wird von einem deutsch-amerikanischen Joint Venture produziert. Beteiligt ist die Rüstungsfirma MBDA Deutschland im bayerischen Schrobenhausen. Und auch bei einem weiteren Raketentyp für das Patriot-System, der PAC-3 MSE, soll mit Diehl Defence ein weiteres deutsches Unternehmen in die Lieferkette eingebunden werden.
Lenkflugkörper für Patriot-Batterien sind auch im Zuge des Ukraine-Kriegs weltweit zu einem knappen Gut geworden. Die Ukraine wehrt sich seit Jahren unter anderem mit diesen Raketen gegen russische Luftangriffe, doch erhält sie mittlerweile kaum mehr Nachschub, weil auch die Bestände der Verbündeten ausgedünnt sind. Der deutsche Verteidigungsminister setzt hier an: "Wir bieten Know-how und Kapazitäten für die gemeinsame Produktion an", sagte er.
Für die deutschen Unternehmen bieten solche Kooperationen Zugriff auf Technologien und Waffensysteme, die auf dem europäischen Markt bisher nicht vorhanden sind. Insbesondere bei der Flugabwehr und weitreichenden Waffensystemen wie Marschflugkörpern gibt es kaum europäische Produkte. Deutsche Hersteller versprechen sich zudem einen besseren Zugang zum amerikanischen Markt. So bewirbt sich Rheinmetall mit dem Schützenpanzer Lynx um einen milliardenschweren Auftrag der US-Armee, die einen Nachfolger für die veralteten M2-Bradley-Modelle sucht.
Deutsches Interesse an weitreichenden Waffen
Auch den geplanten Kauf von US-Marschflugkörpern vom Typ Tomahawk will Pistorius bei seinem Besuch vorantreiben. Mit den rund 2.500 Kilometer weit fliegenden Lenkwaffen will er eine zentrale Verteidigungslücke schließen. Die neue deutsche Militärstrategie hatte weitreichende Präzisionswaffen ("Deep Precision Strikes") als zentrale militärische Fähigkeit definiert – doch bislang verfügt die Bundeswehr nur über eine geringe Anzahl vergleichbarer Systeme.
Die Bundesregierung hatte eine entsprechende Vereinbarung mit den USA über einen Tomahawk-Kauf am Rande des Nato-Gipfels in der Türkei Anfang Juli bekannt gegeben. Doch bei seinem jetzigen US-Besuch gab es offenbar noch keine Fortschritte zu vermelden. Das Verfahren sei aufwendig, so Pistorius am Dienstag, "aber die Weichen sind gestellt. Das wurde uns heute noch einmal versichert."
US-Rüstungskonzern lobt Deutschland
Der Hauptanlass für den Pistorius-Besuch aber bleiben die F-35. Der Tarnkappenjet der fünften Generation gilt als modernstes Kampfflugzeug der Welt. Wenn an diesem Freitag in Texas die erste Maschine an Pistorius übergeben wird, ist das ein Riesenerfolg für den US-Rüstungs- und Technologiekonzern Lockheed Martin.
Die deutsche Großbestellung ist nicht nur finanziell (Verkaufswert rund 10 Milliarden Dollar) ein lukratives Geschäft. Der Konzern sichert sich damit auch eine herausragende Stellung auf dem europäischen Markt. Bis in die 2030er-Jahre sollen mehr als 700 F-35-Jets in ganz Europa stationiert sein. Entsprechend überschwänglich präsentiert das Unternehmen die Übergabe des ersten deutschen F-35 auch in sozialen Medien: "Deutschland, das ist dein Moment", heißt es in einem Instagram-Post.
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Die Abhängigkeit von den Amerikanern wächst
Für die europäische Verteidigung ist das zugleich aber ein Problem. Denn die Europäer hatten sich eigentlich vorgenommen, in Rüstungs- und Sicherheitsfragen unabhängiger zu werden. Man wollte eine gemeinsame Beschaffung organisieren, die heimische Rüstungsindustrie stärken und so die strategische Abhängigkeit von unfreundlichen Großmächten verringern.
Das galt vor allem beim Thema Kampfjet. Doch das Scheitern des großen europäischen Flugzeugprojekts FCAS machte nicht nur jahrelange Planungen und Milliardeninvestitionen zunichte. Sondern zerschlug vorerst auch die Hoffnung auf ein eigenes europäisches Flugzeug. Insbesondere Frankreich sieht die enge Verzahnung mit den USA kritisch.
Zwar waren die F-35-Kampfjets, die Atombomben tragen können, schon lange als Ersatz für die deutschen Tornados geplant und sollen die nukleare Teilhabe durch die in Büchel in Rheinland-Pfalz gelagerten amerikanischen Atomwaffen sichern. Aber der Deal mitsamt der vertieften Rüstungskooperation könnte nun genau das Gegenteil bewirken und die Abhängigkeit der Europäer verstärken. Das betrifft nicht nur benötigte Ersatzteile, Wartungsarbeiten und Software-Updates für die F-35, bei denen man auf die USA (und deren Wohlwollen) angewiesen bleibt.
"Keine Tendenz"
Es verringert auch die Kapazitäten der europäischen Rüstungsindustrie, ein eigenes Kampfflugzeug zu entwickeln. Der Luftfahrtexperte Michael Santo warnt etwa im "Handelsblatt" davor, dass Deutschland weitere Flugzeuge bestellen könnte. Die Frage sei nicht, ob die F-35 ein geeignetes Flugzeug sei, sondern "vielmehr, wie viele F-35 Deutschland beschaffen kann, ohne dadurch die wirtschaftliche und technologische Grundlage für ein künftig souverän entwickeltes europäisches Kampfflugzeugsystem zu gefährden", so Santo.
Derlei Zweifel waren von dem Minister auf seiner US-Reise nicht zu hören. "Essenziell" seien die neuen Kampfflugzeuge, sagte der Minister am Donnerstag vor dem UN-Gebäude in New York. Die F-35 sei momentan nicht nur das modernste Kampfflugzeug der Welt, sondern auch das einzige, das entsprechende Fähigkeiten für die nukleare Teilhabe besitze, machte Pistorius noch einmal deutlich. Schon nach seinem Treffen mit Hegseth in Washington betonte er, dass der Waffenkauf Deutschland nicht zu abhängig von den Vereinigten Staaten mache, sondern vielmehr dazu beitrage, ein besseres Gleichgewicht zwischen den beiden Verbündeten zu erreichen.
Klar ist: Die aktuelle amerikanische Regierung ließ nie einen Zweifel daran, dass sie beim sogenannten Burden Shifting (Lastenverteilung) innerhalb der Nato erwartet, dass die Europäer dabei Waffensysteme der USA kaufen. Die Erwartung der Amerikaner, dass die Europäer eher heute als morgen in einer "Nato 3.0" deutlich mehr Verantwortung für ihre eigene Verteidigung übernehmen, ist also zugleich verknüpft mit einer engen Bindung an die US-Rüstungsindustrie.
Ob nach den 35 neuen Kampfjets noch weitere F-35 gekauft werden oder ob man doch noch auf andere Hersteller zugehen will, ließ der Minister während der Reise offen. Es gebe entsprechende Gespräche, die sich in den kommenden Monaten "auf die Zielgerade" bewegen könnten. Aber aktuell wolle Pistorius noch "keine Tendenz" abgeben. Eine Hintertür ließ sich der Minister damit offen.
Verwendete Quellen
Eigene Recherchen und Gespräche vor Ort
spiegel.de: "Wie Pete Hegseth die Hoffnung auf einen harmonischen Nato-Gipfel zertrümmert" (kostenpflichtig)
janes.com: "Lockheed Martin flies first F-35A for Germany ahead of official rollout ceremony" (Englisch)
handelsblatt.com: "F-35 – dieses Flugzeug spaltet die deutsche Rüstungsindustrie"
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