Plan: „Zeit kaufen, um den Krieg zu gewinnen“
„Wir haben vereinbart, dass wir bereit sind, unsere dreiseitigen Kontakte wieder aufzunehmen“, sagte der russische Machthaber Wladimir Putin am Donnerstag. Vorausgegangen waren ein Gespräch mit dem amerikanischen Unterhändler Steve Witkoff sowie die Lockerung von Sanktionen durch US-Präsident Donald Trump, der wegen hoher Energiepreise vor den US-Zwischenwahlen unter Druck steht. Putin, der die Ukraine seit mehr als viereinhalb Jahren ohne längere Waffenpause angreifen lässt, erklärt nun also seine Bereitschaft zu neuen Verhandlungen zwischen Moskau, Kyjiw und Washington. Warum tut er das?
1 Trump ausnutzen
Für die Experten des US-Instituts für Kriegsstudien (ISW), die den Krieg und die russische Propaganda seit Jahren täglich analysieren, steht fest: „Das scheinbare Interesse des Kremls an Verhandlungen zielt nicht darauf ab, den Krieg in der Ukraine zu beenden.“ Stattdessen gehe es darum, weitere wirtschaftliche Zugeständnisse von den USA zu sichern.
Diese Einschätzung deckt sich mit einem Bericht des unabhängigen russischen Mediums „Verstka“. Demzufolge rechnen russische Quellen aus dem Kreml-Umfeld nicht damit, dass der neue Verhandlungsversuch zu einem baldigen Ende des Krieges führen wird. Doch eine Quelle deutete eben an, dass Moskau an der Lösung einer Reihe wirtschaftlicher Fragen interessiert ist.
Nach allem, was bekannt ist, setzt die Verhandlungsstrategie der Amerikaner genau auf diese wirtschaftlichen Anreize für Russland. Nur dass Trump, seinen öffentlichen Äußerungen nach zu urteilen, damit ein Kriegsende erreichen will.
2 Zeit kaufen
Russland hat es mit Verhandlungen schon lange nicht eilig. Der Kreml reagierte auch zuvor eher, als dass er eine eigene Initiative gezeigt hätte. Er verweist beständig darauf, dass der Konflikt mit der Ukraine grundsätzlich gelöst werden müsse, bevor es einen Waffenstillstand geben könne. Doch ein sogenannter Friedensvertrag nach Moskauer Vorstellung bedeutet laut westlichen Militär- und Osteuropa-Experten nichts anderes, als die vollständige Kontrolle der Ukraine. Diese solle entweder durch Eroberung oder durch die Einsetzung einer Marionettenregierung erreicht werden.
Das ISW sieht auch jetzt wieder keine Bereitschaft zu ernsthaften Zugeständnissen aufseiten des Kremls. So stellte Moskau nach dem Witkoff-Treffen klar, dass den USA keine Dokumente mit russischen Vorschlägen für eine Beilegung des Konflikts übermittelt worden seien. Auch habe Putin noch nicht entschieden, wer Teil einer russischen Delegation für ein etwaiges Dreiertreffen im November wird.
„Dem Kreml geht es im Grunde genommen nur darum, Zeit zu gewinnen, um den Krieg auf dem Schlachtfeld zu entscheiden“, schreibt das ISW.
Doch Zeit allein reiche dabei nicht. Es geht offenbar auch ums Geld.
3 Den Krieg mithilfe der USA gewinnen
Unstrittig ist, dass Russland zur Kriegsfinanzierung auf fossile Exporte angewiesen ist. Ukrainische Attacken auf die russische Ölindustrie und internationale Sanktionen aber erschweren die Verkäufe. Sie sind eine Belastung für Putins Kriegskasse. „Der Kreml drängt die USA daher zu unterschiedlichen Formen ökonomischer Erleichterung, damit Russland seinen Krieg gegen die Ukraine weiterhin finanzieren kann“, schlussfolgert das ISW.
Dieser Krieg läuft für Russland derzeit eher schlecht. Zwar behauptete Präsidentenberater Juri Uschakow nach dem Witkoff-Meeting, dass die Russen an allen wichtigen Fronten einen „ununterbrochenen Vorstoß“ durchführen würden. Es ist eine Behauptung, die offensichtlich den Eindruck eines bevorstehenden Sieges erwecken soll. Doch das ISW hält dagegen: „Die russischen Streitkräfte gewinnen nicht“.
Fakt ist, dass Russland nach wie vor nur gut 19 Prozent des ukrainischen Staatsgebiets kontrolliert. Lediglich zwölf Prozentpunkte davon kamen nach der Invasion ab 2022 dazu; der Rest wurde bereits zuvor durch russisch unterstützte Separatisten im ukrainischen Osten sowie durch die Annexion der Krim besetzt. Auch dieses Jahr läuft die von hohen russischen Verlusten geprägte Invasion für die Aggressoren schleppend. Dem ISW zufolge hat Russland seit dem 1. September im Ergebnis sogar 241 Quadratkilometer wieder an die Ukraine verloren.
Am Freitag kündigte der Kreml Verhandlungen zwischen russischen und ukrainischen Unterhändlern unter US-Vermittlung an. Sie sollen in der ersten Novemberhälfte in den Vereinigten Arabischen Emiraten stattfinden. Zudem teilte das Weiße Haus mit, dass Melania Trump eine lokale Waffenruhe zwischen Russland und der Ukraine für die Stadt Oleschky vermittelt habe. Sie solle am 29. Oktober beginnen und die Evakuierung von Zivilisten ermöglichen. (mit dpa/AFP/Reuters)
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