Planetare Grenzen: Sieben von neun sind bereits kritisch
Klimaanpassung
Sieben von neun planetaren Grenzen liegen im gelben oder roten Bereich – Situation verschärft sich weiter
von Katrin Tominski
Stand: 22.09.2026 07:56 Uhr
Riesige Feuer in Frankreich und Spanien, Hitze in ganz Europa und Wassermangel, eine gewaltige Sturzflut in Nepal, die ein ganzes Tal unter Schlamm begraben hat – die Auswirkungen der Zerstörungen unseres Lebensraums sind längst für alle sichtbar. Mehr als 60 Forschende haben sich an der Studie "Planetary Health Check 2026" beteiligt. Sie zeigt: Die planetaren Grenzen rutschen immer stärker in den gelben und roten Bereich.
Die planetaren Grenzen beschreiben mit großen Worten die Kleinigkeiten unseres Lebens. Wo bekomme ich wie viel frisches Wasser her? Laufen die Flüsse aus den Alpen wirklich leer? Kommt jemals wieder genug Wasser in die Elbe oder in den Rhein, damit die Binnenschifffahrt überlebt und beispielsweise die Chipwerke in Dresden versorgt werden? Wie viel Feuerwehr muss im Sommer allein für Waldbrände gesichert werden? Das sind nur einige von tausenden neuen Fragen, die mit der Verschiebung der planetaren Grenzen einhergehen.
Sieben der neun planetaren Grenzen liegen mittlerweile längst nicht mehr im grünen Bereich. Im Gegenteil: Sie bewegen sich stark im gelben und im roten Bereich. Der Klimawandel, die Integrität der Biosphäre, die Veränderung der Landnutzung und des Süßwasserkreislaufs, biogeochemische Kreisläufe, der Eintrag menschengemachter Substanzen und Ozeanversauerung – sie sind mittlerweile so stark überschritten wie nie zuvor. Das ist das Ergebnis des "Planetary Health Check 2026", der vom Planetary Boundaries Science Lab am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung (PIK) erstellt wird.
"Die Diagnose ist eindeutig: Der Druck auf alle planetaren Grenzen, die bereits außerhalb des sicheren Handlungsraums liegen, nimmt weiter zu. Damit steigt das Risiko großräumiger, langfristiger und potenziell unumkehrbarer Veränderungen. Gleichzeitig wird unser Spielraum, diesen Problemen wirksam zu begegnen, immer kleiner", erklärt Dr. Boris Sakschewski, Leitautor des Berichts vom PIK.
Worum handelt sich bei diesen planetaren Grenzen genau?
Die planetaren Grenzen beschreiben miteinander verbundene Erdsystem-Prozesse, die sich innerhalb sicherer Grenzen bewegen müssen, um die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Planeten zu erhalten. Eigentlich verfügt das Erdsystem über eine intrinsische Fähigkeit zur Selbstregulierung, die historisch gesehen dazu beigetragen hat, holozänähnliche Bedingungen aufrechtzuerhalten, die für die Zivilisation günstig sind. Diese Widerstandsfähigkeit beruht laut der Studie auf eng gekoppelten Wechselwirkungen und Rückkopplungsprozessen zwischen der Biosphäre, dem Klima und anderen planetaren Prozessen, was sich in der langfristigen Stabilität des Holozäns und früherer Zwischeneiszeiten zeigt.
Menschen haben die Erde aus ihrem sicheren Handlungsraum getrieben
Menschliche Aktivitäten haben die Erde den Forschenden zufolge über ihren "sicheren Handlungsraum" hinausgetrieben, verursacht durch miteinander verknüpfte Stressfaktoren wie der Verbrennung fossiler Brennstoffe, Landnutzungsänderungen und Umweltverschmutzung. Diese Wechselwirkungen verstärken negative Folgen über mehrere Grenzen hinweg, wie zum Beispiel den durch den Klimawandel verschärften Verlust an biologischer Vielfalt oder die durch Landdegradation ausgelösten schweren Dürren und Hitzewellen. Entscheidend ist, so die Studie, dass diese Belastungen das Risiko erhöhen, kritische Kipppunkte zu überschreiten – Schwellenwerte, an denen Komponenten des Erdsystems irreversibel in destabilisierte Zustände übergehen können, wie zum Beispiel der Zusammenbruch großer Eisschilde, die Störung von Meeresströmungen oder die Degradation lebenswichtiger Ökosysteme wie des Amazonas-Regenwalds.
Keine Zeit verlieren
"Wir haben keine Zeit zu verlieren. Wir wissen, was zu tun ist, und haben die Möglichkeiten und Lösungen, um gegenzusteuern. Es ist wichtig, schnell zu handeln, um bei allen planetaren Grenzen in den sicheren Handlungsraum zurückzukehren. Nur so können wir unser Leben und unsere Lebensgrundlagen schützen und Wohlstand für alle auch in Zukunft sichern", sagt Johan Rockström, PIK-Direktor und Co-Autor des Berichts.
Ozonschicht ist eine Erfolgsgeschichte
Dass die Welt sich gemeinsam erfolgreich gegen Zerstörungen wehren kann, hat nicht zuletzt die Geschichte um die Ozonschicht gezeigt. Die britische konservative Regierungschefin Margret Thatcher macht den Schutz der Ozonschicht zu einem international politischen Thema. In deren Folge wurde 1987 das Montreal-Protokoll verabschiedet. Es verpflichtete die Staaten, die Produktion und Verwendung ozonschädlicher Stoffe wie FCKW/CFCs schrittweise zu reduzieren. Thatcher unterstützte das Abkommen ausdrücklich und drängte darauf, über die ursprünglich vereinbarten Maßnahmen hinauszugehen. Das Montrealer Protokoll trat 1989 in Kraft und führte zum erfolgreichen Verbot von 99 Prozent aller ozonabbauenden Substanzen.
Ozonschicht und Aerosolbelastung im grünen Bereich
Diese internationale Zusammenarbeit macht sich bis heute bemerkbar, die Ozonschicht hat sich durch das Verbot der ozonschädigenden Chemikalien maßgeblich erholt. Sie ist heute sogar eine von zwei planetaren Grenzen, die sich noch im grünen Bereich bewegen. Zusammen mit der globalen Aerosolbelastung sind diese zwei planetaren Grenzen noch im sicheren Korridor und zeigen, was international zusammen erreicht werden kann.
Sieben von neun planetaren Grenzen sind überschritten, und kein Land kann sie allein wieder in den sicheren Bereich zurückführen. Das ist ein Prozess, zu dem sich die ganze Welt gemeinsam bekennen muss – und zwar jetzt. Juan Manuel Santos, ehemaliger Präsident Kolumbiens und Ko-Vizevorsitzender der Planetary Guardians.
Ein Jahr der Extremereignisse verdeutlicht wachsende Risiken
2026 erlebte Westeuropa den heißesten Juni und Juli seit Beginn der Aufzeichnungen. Gleichzeitig herrschte in Frankreich, Spanien, Deutschland und dem Vereinigten Königreich schwere Dürre, begleitet von heftigen Waldbränden in Europa und Kanada. Auch in Japan, Südkorea und Teilen des Nahen Ostens wurden Rekordtemperaturen gemessen.
In Pakistan waren 2025 mehr als 6,9 Millionen Menschen von Monsunüberschwemmungen betroffen. Der Wärmegehalt der Ozeane erreichte 2025 einen neuen Höchststand. Hurrikan Melissa verstärkte sich über außergewöhnlich warmem Meerwasser rasch zu einem Hurrikan der höchsten Kategorie 5 und traf anschließend auf Jamaika. Von Januar 2023 bis September 2025 waren rund 84,4 Prozent der weltweiten Korallenriff-Fläche Hitzestress ausgesetzt, der Korallenbleiche auslösen kann – das bislang größte weltweit beobachtete Ereignis dieser Art.
"Unser Weg zu Netto-Null-Emissionen ist auf funktionierende Kohlenstoffsenken angewiesen. Aktuelle Beobachtungen sind ein Warnsignal dafür, dass unser Planet möglicherweise einen Teil seiner Fähigkeit verliert, die zunehmenden, von uns verursachten Belastungen abzupuffern“, sagt Leitautor Sakschewski.
Weblink zum Report: www.planetaryhealthcheck.org/
Originalpublikation:
Planetary Boundaries Science (PBScience), 2026: Planetary Health Check 2026. Potsdam Institute for Climate Impact Research, Potsdam, Germany
PIK/IDW/Katrin Tominski