Pockenausbruch in Australien: Rätsel um tödliche Krankheit von 1789 gelöst
Der verheerende Pockenausbruch des Jahres 1789 unter den australischen Ureinwohnern, bei dem mehr als 220.000 Menschen ums Leben kamen, gibt der Wissenschaft seit langer Zeit Rätsel auf. Mithilfe einer mathematischen Modellierung des Infektionsgeschehens konnten Forscher nun den wahrscheinlichen Ursprung der Epidemie rekonstruieren und Hinweise auf die Verantwortlichen finden. Mysteriöse Krankheit: 220.000 Ureinwohner Australiens sterben Der verheerende Pockenausbruch unter den australischen Ureinwohnern kostete Ende des 18. Jahrhunderts mehr als 220.000 Menschen das Leben. Lange blieb unklar, wie das Virus auf den Kontinent gelangte. Die verbreitete Annahme, dass die Krankheit mit der britischen „First Fleet“ eingeschleppt wurde, galt lange als unwahrscheinlich. Auf den Schiffen waren keine Pockenfälle dokumentiert und zudem wurde angenommen, dass das Virus die rund achtmonatige Seereise nicht überlebt hätte. Auch interessant Stattdessen vermuteten einige Wissenschaftler, dass das Virus durch Kontakte mit Seefahrern aus Makassar auf der heutigen indonesischen Insel Sulawesi nach Nordaustralien gelangte. Von dort soll sich die Krankheit über den Kontinent ausgebreitet haben. Eine neue mathematische Modellierung des Infektionsgeschehens kommt jedoch zu einem anderen Ergebnis. Den Berechnungen zufolge wäre eine Ausbreitung von der Nordküste Australiens in den Südosten aufgrund der großen unbewohnten Wüstengebiete kaum möglich gewesen. Die Simulationen sprechen vielmehr dafür, dass der Ausbruch seinen Ursprung in indigenen Gemeinschaften nahe Port Jackson hatte. Damit rückt die „First Fleet“ erneut als wahrscheinlichste Quelle der Pockenepidemie in den Fokus der Forschung. Wie konnten die Pocken mit den Briten nach Australien gelangen? Mit der neuen Einschätzung, dass die britische „First Fleet“ die Pocken nach Australien brachte, rückt eine zentrale Frage in den Fokus der Forschung. Wie konnte das Virus die monatelange Seereise überstehen? Alan Williams, Archäologe bei EMM Consulting und Mitautor der Studie, hält laut „Live Science“ getrocknete Pockenkrusten für die wahrscheinlichste Quelle. Britische Mediziner bewahrten diese in kleinen Fläschchen auf, um sie für Schutzimpfungen zu verwenden. Nach bisherigem Kenntnisstand hätte das Virus die lange Überfahrt nicht überleben dürfen. Die Forscher vermuten jedoch, dass die Fläschchen während eines Zwischenstopps in Kapstadt oder Rio de Janeiro mit frischem infektiösem Material aufgefüllt worden sein könnten. Dadurch wäre das Virus bis zur Ankunft in Australien lebensfähig geblieben. Spannende Achäologie-Artikel – für Sie recherchiert Die britische „First Fleet“ bestand aus insgesamt elf Schiffen, darunter zwei Kriegsschiffe, sechs Sträflingstransporter und drei Versorgungsschiffe. Nach Einschätzung der Wissenschaftler befand sich auf mindestens einem dieser Schiffe das infektiöse Virus, das schließlich den verheerenden Pockenausbruch unter den australischen Ureinwohnern auslöste. Historische Zahl der australischen Ureinwohner deutlich höher als angenommen Eine weitere Studie desselben Forschungsteams legt nahe, dass die Zahl der australischen Ureinwohner vor der Ankunft der Briten deutlich höher gewesen sein könnte als lange angenommen. Die häufig zitierte Schätzung von rund 300.000 Menschen geht auf eine Untersuchung aus dem Jahr 1930 zurück. Nach aktuellen Analysen verfügte Australien jedoch über das Potenzial, eine Bevölkerung von bis zu fünf Millionen Menschen zu ernähren, insbesondere in den ressourcenreichen Regionen des Nordens und Südostens. Auch interessant Die Forscher argumentieren, dass frühere Schätzungen die tatsächliche Bevölkerungsgröße erheblich unterschätzt haben könnten. Alan Williams weist in der Fachzeitschrift „Nature Human Behaviour“ darauf hin, dass die ersten systematischen Erhebungen erst lange nach der britischen Besiedlung erfolgten. Zu diesem Zeitpunkt hatten Krankheiten, gewaltsame Konflikte an den Grenzgebieten und weitere Folgen der Kolonisierung die indigene Bevölkerung bereits über viele Jahrzehnte hinweg stark dezimiert. Dadurch dürfte das ursprüngliche Ausmaß der Bevölkerung nur noch schwer rekonstruierbar sein.