Polarisierung: Ist unsere Gesellschaft wirklich so gespalten?
Stand: 02.09.2026 18:07 Uhr
Mehr als 81 Prozent der Deutschen halten ihr Land für gespalten. Die Forschung zeigt ein komplexeres Bild. Wie schnell der Eindruck einer Lagerbildung entstehen kann, zeigt das Drama um den Buckelwal vor Poel.
von Leonie Hartge
Klimakleber, Heizungsgesetz, Migration und zuletzt ein Buckelwal: Bei kaum einem Thema scheint zurzeit noch eine ruhige Debatte möglich zu sein. Viele Menschen in Deutschland haben das Gefühl, dass ein Riss durch die Gesellschaft geht und sich zwei Lager unversöhnlich gegenüberstehen. Mehr als 81 Prozent der Deutschen halten ihr Land für gespalten, sagt das Polarisierungsbarometer 2025 des Mercator-Forums der TU Dresden. Doch stimmt dieser Eindruck überhaupt?
Streit um einen Wal
Wie schnell sich vermeintliche Lager bilden können, ließ sich in diesem Frühjahr an der Ostseeküste beobachten. Ein Buckelwal hatte sich vor der Insel Poel verirrt und war dort gestrandet. Über den Umgang mit dem Tier wurde in einem geradezu absurden Ausmaß gestritten. Retten? Sterben lassen? Oder gleich sprengen?
Während eine private Initiative aus selbsternannten Walrettern das Tier um jeden Preis retten wollte und schließlich zurück in die Nordsee brachte, machten sich andere im Netz mit Memes und KI-Songs über den Wal lustig. Kurz nach der Freilassung kam dann die Nachricht, die mehrere Fachgutachten ohnehin vorausgesagt hatten: Der Wal war tot.
"Leider ist viel Spaltung, viel Hate, viel Diskussion", sagt Tina, eine der Aktivistinnen für den Buckelwal rückblickend. Die andere Seite seien "empathielose Menschen" fügt ein zweiter Aktivist hinzu.
Gefühlte und tatsächliche Spaltung
Und doch ist die Sache komplizierter, sagt Hans Vorländer, Politikwissenschaftler an der TU Dresden. Er unterscheidet zwei Formen von Polarisierung: eine ideologische, also echte inhaltliche Gegensätze und eine affektive, wie sehr Menschen Andersdenkende emotional abwerten, nur weil diese eine andere Meinung haben.
Die breite Mitte der Gesellschaft ist weniger stark ideologisch und auch affektiv polarisiert, als wir das hier und da wahrnehmen. Hans Vorländer
Die breite Mitte der Gesellschaft sei weniger stark ideologisch und affektiv polarisiert, als es oft wahrgenommen werde, so Vorländer. Bei vielen Themen sind sich die Deutschen tatsächlich auch inhaltlich einiger als gedacht: Vermögensungleichheit und Populismus etwa empfinden nach Umfragen rund 80 Prozent der Deutschen als Problem.
Warum die Ränder so laut sind
Woher kommt dann der Eindruck der tiefen Spaltung? "Die Ränder, die sind eben besonders laut", sagt Vorländer. Sie machten Lärm und vermittelten, die Gesellschaft sei gespalten. Auch weil Medien diesen Eindruck noch einmal verstärkten.
Soziale Medien, deren Geschäftsmodell auf Aufmerksamkeit beruht, tragen zusätzlich zu dieser Wahrnehmung bei: Emotionale, zugespitzte Inhalte halten Nutzerinnen und Nutzer länger auf den Plattformen und werden deshalb häufiger ausgespielt. Aber auch die große Medienhäuser tragen ihren Teil bei, sagt Vorländer. Deutschsprachige Zeitungen verwenden Begriffe rund um "Polarisierung" heute etwa viermal so häufig wie in den 1980er-Jahren.
Wenn aus gefühlter Spaltung eine echte wird
Ganz harmlos ist die gefühlte Spaltung trotzdem nicht. Denn wer sich als tief zerstritten erlebt, hört womöglich irgendwann auf, miteinander zu reden. Besonders beim Thema Migration gingen die Emotionen schnell hoch, so Vorländer. Wenn Menschen einander nur noch mit Verachtung statt mit Respekt begegneten, werde es auch für die Politik schwer, pragmatische Lösungen zu finden. Aus der gefühlten Spaltung kann so mit der Zeit eine tatsächliche werden.
Der Ausweg: zurück an einen Tisch
Wie es anders gehen kann, zeigt eine Region in Niedersachsen: Der Landkreis Cloppenburg-Vechta ist, gemessen daran, wie viele Menschen dort bei der letzten Bundestagswahl Parteien der Mitte gewählt haben, der am wenigsten polarisierte Wahlkreis Norddeutschlands.
"Hier ist die Welt noch in Ordnung", sagt ein Bewohner. Man sei offen und spreche mit allen, begründet eine Passantin, warum es hier besser laufe als in anderen Regionen. Eine Rolle spiele auch das wirtschaftliche Umfeld, sagt ein Dritter: ein gesunder Mittelstand, niedrige Arbeitslosigkeit.
Auseinandersetzungen gehören zur Demokratie
Vorländers Rat: Sich an einen Tisch setzen und inhaltlich streiten, statt sich in Kommentarspalten zu beleidigen. Solange man sich dabei nicht "ins Gesicht spuckt", seien das ganz normale Auseinandersetzungen, die zu einer Demokratie gehörten. Oder anders gesagt: Nicht jeder Konflikt, auch wenn es einmal emotional wird, bedeutet gleich die Spaltung der ganzen Gesellschaft.
Bei Studio16 gibt es alle vier Wochen Reportagen aus den NDR-Regionalstudios - zu Themen, die junge Menschen in Norddeutschland bewegen. Die Folgen werden auf dem NDR Info YouTube-Channel und in der ARD Mediathek veröffentlicht.