Polnische Firmen investieren in Deutschland - und retten Arbeitsplätze
Während Deutschlands Wirtschaft trotz positiver Signale zuletzt schwächelt, treten Unternehmen aus dem boomenden Polen hierzulande zunehmend als Investoren auf – und sichern so Arbeitsplätze. Verschiebt sich das wirtschaftliche Kräfteverhältnis zwischen den Nachbarn? Wirtschaftsvertreter sehen hier Chancen.
Eine Analyse
von Dominik Bardow
Dieser Text enthält eine Einordnung aktueller Ereignisse, in die neben Daten und Fakten auch die Einschätzungen von Dominik Bardow sowie ggf. von Expertinnen oder Experten einfließen. Informiere dich über die verschiedenen journalistischen Textarten.
Ende Oktober reist Wirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) nach Warschau. Zusammen mit ihrem Amtskollegen Andrzej Domański eröffnet sie das Deutsch-Polnische Wirtschaftsforum zum Thema: "Polen und Deutschland. Schlüsselpartner für den Wirtschafts- und Industriestandort Europa." Dass der Gastgeber erstgenannt ist, passt zur Trendumkehr in der Beziehung der Nachbarstaaten.
Polnische Firmen treten vermehrt als Investoren in Deutschland auf, was lange eher umgekehrt war. So betreibt etwa der polnische Großkonzern Orlen längst über 600 Tankstellen im Nachbarland, die Wirtualna Polska Holding übernahm den Reiseportalriesen Invia (ab-in-den-Urlaub.de, fluege.de), in Brandenburg, Sachsen oder Bayern retteten polnische Firmenübernahmen deutsche Arbeitsplätze.
Polen ist keine "Werkbank" an der "Einbahnstraße"
Sind das Einzelfälle der letzten Jahre oder ein Trend, der etwas aussagt über die Entwicklung der Standorte Deutschland, wo die Wirtschaft schwächelt, und der Polens, wo sie seit Jahren boomt? Vertreter zweier Wirtschaftsverbände ordnen Chancen und Risiken für beide Seiten ein, wer profitiert, wo Abhängigkeiten und Vorteile entstehen, welche Rolle die Politik spielt.
"Polen ist längst mehr als die Werkbank Deutschlands", sagt etwa Joanna Stolarek von der Deutsch-Polnischen Industrie- und Handelskammer (AHK Polen). Die Wirtschaftsbeziehungen seien längst "keine Einbahnstraße", sagt Adrian Stadnicki vom Ost-Ausschuss der Deutschen Wirtschaft (OA). Deutsch-polnische Wirtschaftsbeziehungen werden zunehmend zur Partnerschaft auf Augenhöhe.
1.000 polnische Unternehmen in Deutschland
Laut OA seien rund 1.000 polnische Unternehmen in Deutschland aktiv und hätten gut eine Milliarde Euro investiert, ihre Ausgaben schüfen 24.250 Arbeitsplätze. Umgekehrt ist es noch ein Vielfaches: 9.500 deutsche Firmen hätten mit über 36 Milliarden Euro in Polen investiert, sicherten dort laut AHK 430.000 Arbeitsplätze. Aber der Gegentrend verstärkt sich.
"Wir kriegen immer öfter Anfragen auch von polnischen Firmen, die hier aktiv sein wollen", sagt Stadnicki. Dabei unterstützt der OA sonst eher deutsche Unternehmen bei Geschäften in Osteuropa. Polens wirtschaftlicher Aufholprozess ermöglicht heute Investitionen über Landesgrenzen hinaus. Seit dem EU-Beitritt 2004 gab es dort im Schnitt ein Wirtschaftswachstum von 3,8 Prozent pro Jahr.
Deutscher Markt "für polnische Firmen die Champions League"
Viele polnische Firmen sind mitgewachsen und kapitalstark genug, um nach Westen zu schauen. "Deutschland ist, auch wenn die Lage gerade nicht so gut ist, als Markt innerhalb Europas für polnische Unternehmen die Champions League", sagt Stadnicki. Wenn sie es dort schaffen, bei anspruchsvollen Kunden und Standards, "dann schaffen sie es auf der ganzen Welt", so die Vorstellung.
Polnische Firmen und Produkte sind hierzulande längst präsenter, als viele Deutsche es wahrhaben wollen. Elektro-Busse des Herstellers Solaris etwa fahren in Berlin, Köln oder München. "Made in Poland ist heute ein Qualitätssiegel", sagt Stadnicki. Polnische Firmen konkurrieren dabei nicht nur über Produktivität und Preise, sondern auch mit Qualität und High-Tech, bei IT-Lösungen oder Drohnen.
Polnisches Kapital für den geplagten ostdeutschen Mittelstand
Für Aufsehen sorgen aber Übernahmen deutscher Firmen. Ende 2025 etwa erwarb der polnische Möbelhersteller MDD den hessischen Hersteller CEKA, erhielt dort 80 Prozent der Arbeitsplätze. "Es ist aber nicht so, dass die Polen die großen potenziellen Retter sind", sagt Stadnicki, es hänge vom Einzelfall ab. Die USA oder Großbritannien investieren weiterhin größere Summen hierzulande.
Polnische Investoren gewinnen vor allem im räumlich nahen Ostdeutschland an Bedeutung, wo den Mittelstand oft fehlendes Kapital, Krisen und fehlende Firmennachfolger plagen. Die polnischen Investoren folgen dabei vor allem wirtschaftlichen Motiven. "Beide Seiten profitieren davon", sagt Stadnicki. Die Stärke der Beziehungen sei, dass sie fast unabhängig von der Politik funktionierten.
Selbst PiS und Grenzkontrollen bremsen die Beziehungen kaum
Selbst unter der deutschlandkritischen PiS-Regierung nahm der gegenseitige Warenhandel stark zu. Die seit 2025 verstärkten Grenzkontrollen erschweren zwar den Handel, aber bremsen ihn nicht aus. "Das beschäftigt viele Firmen, aber ist kein Gamechanger", sagt Stadnicki, der eher einen Ausbau der Verbindungen fordert, wie eine Hochgeschwindigkeitsverbindung nach Warschau oder Breslau.
Der rbb berichtete, dass 19 polnische Firmen ihr Geschäft nach Brandenburg ausgeweitet und dort 1.000 Arbeitsplätze geschaffen hätten, in Branchen wie Bau, Chemie, Reinigung, Logistik und IT. Einzelbeispiele zeigen, dass große Teile des Umsatzes und der Arbeit in der Region blieben. Wie viel vor Ort erwirtschaftet wird und wohin Gewinne fließen, kann variieren – wie bei jeder Firma.
Weiter Unterschiede in Mentalität und Wohlstand
Dennoch kann es gelegentlich zum Kulturschock kommen, auch angesichts deutscher Bürokratie. In Polen seien Behörden oft pragmatischer und schneller, sagt Stadnicki, "die melden sich schnell zurück. Von diesem Can-do-Spirit, also diesem pragmatischen Anpacken, können wir uns manche Inspiration auch von Polen holen." Er selbst erhalte nachts oft noch E-Mails von Kollegen dort.
Während in Deutschland über kürzere Arbeitszeiten diskutiert wird, gelten Überstunden in Polen häufig als selbstverständlich – allerdings auch wegen niedrigerer Löhne und erhofften Aufstiegs. Das nominale Durchschnittsgehalt in Polen ist immer noch etwa halb so groß wie in Deutschland. Die Unterschiede bei Wohlstand und Wirtschaftsleistung sind weiter groß, obwohl Polen aufholt.
Zusammenarbeit bietet Chancen für beide Seiten
Werden die Nachbarn irgendwann wirklich Partner auf Augenhöhe – oder gar zur Konkurrenz? Die Zusammenarbeit biete Chancen für beide Länder, betont Stolarek von der AHK Polen. Gemeinsame Wertschöpfungsketten zu verbinden, "kann beitragen, technologische Kompetenzen und industrielle Kapazitäten in Europa auszubauen". Auch durch deutsche Exporte nach Polen und Standorte dort.
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Das "Nearshoring" genannte Phänomen verlegt deutsche Produktion lieber ins grenznahe Ausland. Auch Verluste im Welthandel werden so teils in der Nähe kompensiert. "Deutschland exportiert nun mehr Waren nach Polen als nach China", sagt Stadnicki. Und polnische Investoren bringen Kapital, Aufträge und Fachkräfte in strukturschwache Regionen – auch wenn die Namen oft ungewohnt sind.