Präsident Trump will Chinas Dominanz bei Polysilizium brechen
Ohne diesen Rohstoff gibt es keine Hochleistungscomputer und keinen Solarstrom: Polysilizium. Das Material steckt in Halbleitern und Solarzellen, es ist ein Baustein für zukunftsweisende Branchen – und damit von geostrategischer Bedeutung. So wichtig, dass die US-Regierung ihn jetzt zu einer nationalen Angelegenheit erklärt hat. US-Präsident Donald Trump unterzeichnete am Donnerstag ein Dekret, das einen pauschalen Zoll von 15 Prozent auf Zwischenprodukte und Güter vorsieht, die Polysilizium enthalten. Zudem sollen künftig Mindestimportpreise gelten: Ein Kilogramm rohes Polysilizium soll 21 Dollar kosten – ein Vielfaches davon, was der Rohstoff auf den Spotmärkten kostet. Die neuen Bestimmungen sollen in 120 Tagen in Kraft treten. Bis dahin hätten ausländische Hersteller Zeit, ihre Produktion in die USA zu verlagern. Die Massnahmen seien «unerlässlich», argumentierte die amerikanische Regierung, die Importe seien für das Land ein Sicherheitsrisiko. Denn auch wenn die US-Regierung das nicht explizit so sagt, ist die Massnahme gegen den geopolitischen Rivalen China gerichtet. Chinas strategische Dominanz So finden gemäss dem Forschungsinstitut Bernreuter Research knapp 94 Prozent der weltweiten Produktion von Polysilizium in China statt. Neun von zehn der weltweit grössten Hersteller sind chinesisch. Es ist eine Dominanz, die sich in letzter Zeit deutlich verstärkt hat. Denn der Markt für Polysilizium hat sich in den letzten Jahrzehnten stark verändert. Noch in den frühen 2000er Jahren kamen die weltweit wichtigsten Hersteller aus den USA, Europa oder Japan. Oft war das Angebot knapp. Dann startete die chinesische Regierung mehrere Förderprogramme, die dem Land eine strategische Kontrolle über die Gewinnung kritischer Rohstoffe sowie die Herstellung von Solarzellen sichern sollten. Die Folge davon ist ein Überangebot, das sich in erheblichen Preisunterschieden zwischen den verschiedenen Produktionsstandorten zeigt. Laut den Daten von Bernreuter Research liegt der Preis pro Kilogramm für in China produziertes Polysilizium bei knapp 5 Dollar. Ausserhalb Chinas gefördert, kostet die gleiche Menge 19 Dollar. Die chinesische Regierung reagierte scharf auf die Pläne der US-Regierung. So sagte der Aussenamtssprecher Lin Jian, die Amerikaner überdehnten den Begriff der nationalen Sicherheit böswillig, um chinesischen Unternehmen zu schaden. Protektionismus mache die USA nicht wettbewerbsfähiger, sondern schade den amerikanischen Unternehmen und Verbrauchern. Peking werde die Rechte und Interessen seiner Unternehmen weiter schützen. Die US-Regierung hingegen scheint in Kauf zu nehmen, dass sich Halbleiter und Solarzellen durch Importzölle und Mindestpreise für Polysilizium verteuern könnten. Sie will den Markt so korrigieren, dass das Angebot der Hersteller von Polysilizium in den USA wieder konkurrenzfähig ist. Unmittelbar davon profitieren dürften vor allem zwei Firmen: die amerikanische Hemlock Semiconductor und die deutsche Wacker Chemie. Sie sind die beiden grössten verbliebenen westlichen Hersteller von Polysilizium. Ob sie die amerikanische Nachfrage vollständig bedienen können, ist ungewiss. Insbesondere bei den weiterverarbeiteten Produkten, etwa Wafern für die Chipherstellung, haben sich die chinesischen Hersteller in den letzten Jahren viel Fachwissen angeeignet. Wacker Chemie produziert in den USA Das Unternehmen Wacker Chemie stellt verschiedene hochspezialisierte chemische Produkte her, etwa Silikone oder Polymere. Und eben: Polysilizium. Dieses produziert die Münchner Firma an drei Standorten: in den deutschen Werken in Burghausen und Nünchritz sowie in Charleston im Gliedstaat Tennessee. Die dort produzierten Mengen würden beim Verkauf an amerikanische Kunden also von einem Marktvorteil gegenüber den ausländischen Importmengen profitieren. Auf Anfrage teilte Wacker Chemie am Freitag mit, die Auswirkungen der von der US-Regierung beschlossenen Massnahmen auf die eigene Produktion noch zu prüfen. Mehr Informationen könne das Unternehmen zum jetzigen Zeitpunkt nicht mitteilen. An der Börse reagierte die Aktie von Wacker Chemie bereits auf die neuen Bedingungen. Als Anfang dieser Woche die Nachrichtenagentur Reuters berichtete, dass die US-Regierung Schutzmassnahmen für die heimische Industrie plane, legte der Titel innert eines Tages um knapp sieben Prozent zu. Und doch gibt es ein Szenario, das Wacker Chemie mittelfristig Probleme bereiten könnte. So besteht unter Analysten die Sorge, dass die chinesischen Hersteller als Reaktion auf die US-Zölle ihre Mengen in andere Weltregionen umlenken und so das Angebot dort nochmals massiv erhöhen. Der Preisdruck auf die Hersteller in Europa würde damit weiter steigen. Es ist ein weiteres Argument für jene, die von der Europäischen Union bei den kritischen Rohstoffen Schutzmassnahmen nach amerikanischem Beispiel fordern.