Premiere für "Thyestes" in Schwerin
In den 1980er-Jahren waren es unter anderem die „Antike-Entdeckungen“ des damaligen Schauspieldirektors Christoph Schroth, die Theaterfreunde aus nah und fern nach Schwerin pilgern ließen und die Bühne zu einer der interessantesten in der DDR machte. Von Schroth stammt der Satz „Wo ich bin, ist keine Provinz.“
Spartenübergreifende Inszenierung als Debüt
Joanna Lewicka, Schwerins neue, mehrfach preisgekrönte Schauspieldirektorin, knüpft an beides an. Mit ihrem Debüt, der spartenübergreifenden Inszenierung von Senecas „Thyestes“, greift auch sie eine antike Tragödie auf: König Tantalos, ein Sohn des Zeus, beleidigt die Götter, er bestiehlt sie und setzt ihnen schließlich sogar seinen eigenen Sohn als Mahl vor, um ihre Allwissenheit zu testen. Die Götter retten den Jungen, verbannen Tantalos aber in die Unterwelt und peinigten ihn dort mit ewigen Qualen. Außerdem verhängen sie über seine Sippe einen Fluch: Solange es Nachkommen gibt, soll es in jeder Generation einen Mörder geben, der ein Familienmitglied tötet.
Auch Tantalos' Enkel Thyestes und Atreus werden in diese Spirale der Gewalt verwickelt. Nachdem beide ihren Halbbruder ermordet haben - aus Angst, er könne in der Thronfolge an ihnen vorbeiziehen -, verstößt sie der Vater. Der König von Mykene nimmt sie auf, und als er auf dem Schlachtfeld stirbt, entbrennt zwischen den Brüdern ein erbitterter Machtkampf. Thyestes demütigt seinen Zwilling, indem er mit dessen Frau ein Verhältnis beginnt. Und er stiehlt das goldene Vlies, das seinem Besitzer Macht und Unsterblichkeit bringen soll. Doch schließlich ist es Atreus, der die Regierungsgeschäfte übernimmt, Thyestes schickt er in die Verbannung. Als der nach Jahre eine Einladung seines Bruders erhält, glaubt er an Versöhnung. Doch Atreus ist immer noch von dem Gedanken an Rache besessen. Das, womit Tantalus einst die Götter erzürnte, will er noch weiter auf die Spitze treiben. Was er schließlich dem Bruder antut, ist so grausam, dass sich die Sonne abwendet und der Tag in Finsternis mündet.
Bildgewaltige Videoinstallationen und neue Musik
Lewicka fährt für diese Aufführung beinahe alles auf, was das Schweriner Theater zu bieten hat. Das Ballettensemble schlüpft in die Rolle von Furien. Die Singakademie, unterstützt von Ensemblemitgliedern und Statisten, gibt den (Sprech-)Chor, der, wie im griechischen Theater üblich, als Erzähler und als Stimme der Vernunft fungiert.
Sechs Instrumentalisten der Mecklenburgischen Staatskapelle untermalen das Geschehen mit Musik, die die neue Schauspieldirektorin eigens für ihre erste Schweriner Inszenierung bei der Komponistin und Dirigentin Yudania Gómez Heredia in Auftrag gegebenen hat, die bei der Premiere selbst am Pult steht. Bildgewaltige Videoinstallationen von Aleksander Janas untermalen das Geschehen auf der Bühne.
Norbert Bellen hat sie im Stil eines Abrisshauses gestaltet, die Tapete blättert von den Wänden, aus den Hähnen kommt kein Wasser mehr. Der Geist des Tantalos (Frank Büttner), der von den Furien aus der Hölle gezerrt wird, erkennt darin sein einstiges Heim wieder. Megaera (Svetlana Belesova), die Wortführerin der Furien, konfrontiert ihn mit seiner eigenen Vergangenheit und treibt ihn und die Seinen zu neuen Gräueltaten an. Büttners Tantalos barmt und windet sich, will am liebsten freiwillig in die Hölle zurückkehren. Doch die Furie lässt ihn nicht aus ihren Fängen.
Astrid Meyerfeldt spielt sich die Seele aus dem Leib
So wird der Ahnherr Zeuge des weiteren Geschehens, das vor allem von Atreus vorangetrieben wird. Astrid Meyerfeldt spielt ihn im steten Taumel zwischen Wut und Wahnsinn, zwischen Depression und Raserei. Sie springt auf Stühle und Tische, hechtet auf die Bühne und wieder herunter, balanciert auf übereinandergestellten Möbeln, als wäre das ein Kinderspiel. Ihr Körper steht permanent unter Spannung, großartig, wie sie auch mit den Augen, Händen und selbst den Füßen spricht.
Ihren Zwillingsbruder Thyestes gestaltet Norbert Stöß als gebrochenen Mann. Nur von seinen Kindern (Eva Habernicht und Edward Ruben Auerbach) getrieben, lässt er sich überhaupt auf das Treffen im Palast ein. Er windet sich im wahrsten Wortsinne, bevor er das vergiftete Angebot des geteilten Throns annimmt, und krümmt sich vor Schmerz, als ihm der unerbittliche Bruder klarmacht, was ihm zuvor als Festmahl serviert worden war.
Gut, dass er sich mit heruntergezogener Hose aufs Waschbecken hockt, um sich zu erleichtern, hätte man sich vielleicht ebenso sparen können wie eine ähnliche Szene, in der Artreus in den Wein uriniert, den er später dem Bruder kredenzt. Aber Schweriner Theaterbesucher, die Florentina Holzingers „Sancta“ erlebt haben, kann das ebenso wenig schrecken wie die detaillierte Schilderung von Artreus' Bluttat durch einen noch immer um Fassung ringenden Augenzeugen (Max Koch).
Senecas „Thyestes“ gilt als eine der radikalsten Schilderungen menschlicher Abgründe. Böses wird mit Bösem vergolten, aus einem Rachefeldzug erwächst ein nächster, Krieg gebiert neuen Krieg. Das galt nicht nur für Tyrannen in der Antike, Gewaltherrscher unserer Zeit folgen diesem Muster noch immer. Auch deshalb ist Joanna Lewickas Schweriner Inszenierung alles andere als Provinztheater. Es ist eine Entdeckung, die das Premierenpublikum mit reichlich Applaus bedachte.