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Prora auf Rügen: Zwischen Ferienparadies und leeren Versprechen

Nation

Stand: 18.10.2026 12:51 Uhr

Ein Ferienort mit schwerem historischen Erbe: Prora auf Rügen ist zu einem gefragten Ferienort geworden. Doch von dem versprochenen neuen Ortsleben findet man nur wenig - besonders außerhalb der Saison.

von Matthias Vogler

Im Innenpool von Prora Solitaire beginnt am Morgen die Aquagymnastik. Urlauber bewegen sich im Takt, bevor es zum Frühstück geht auf die zahlreichen Terrassen und Balkone mit Meerblick. Ein Ferientag bricht an in den sanierten Blöcken des früheren "KdF-Seebades" Prora. In der Lobby bespricht Manfred Hartwig mit seinen inzwischen 20 Mitarbeitern, wer sich heute um was zu kümmern hat: Anreisen, Abreisen, Reparaturen. Der Geschäftsführer führte schon 2017 durch die damals noch unfertige Anlage. Damals noch als Verkäufer. Heute sind die Apartments eingerichtet, die Balkone angebaut und die Außenflächen gestaltet. Im Sommer seien 80 bis 95 Prozent der Wohnungen belegt, sagt Hartwig. Prora ist zu einem gefragten Ferienort geworden. Doch wer die Gebäude verlässt, findet von dem damals versprochenen neuen Ortsleben nur wenig.

Viele Geschäfte wieder geschlossen

Beim ersten Dreh des NDR vor neun Jahren hieß es, mit Feriengästen und neuen Bewohnern werde auch die notwendige Infrastruktur entstehen. "Die Infrastruktur folgt den Menschen", sagt Manfred Hartwig noch heute. Bislang ist sie ihnen jedoch nur in Ansätzen gefolgt. In der Ladenzeile von Prora Solitaire haben Geschäfte geöffnet und wieder aufgegeben. Ein Fahrradhändler ist geblieben, arbeitet aber nur während der Saison. Von der Gastronomie existieren noch drei Pizzerien, ein Bäcker und ein Eiscafé.

Geschichte von Prora: "Historische Last"

Der mehr als vier Kilometer lange Komplex wurde während der NS-Zeit als "Kraft-durch-Freude-Seebad Rügen" errichtet. Rund 20.000 Menschen sollten dort gleichzeitig Urlaub machen. Die Anlage war Teil der nationalsozialistischen Freizeit- und Propagandapolitik. Mit Beginn des Zweiten Weltkriegs wurden die Bauarbeiten eingestellt. Später nutzten die sowjetische Armee und die Nationale Volksarmee der DDR große Teile des Komplexes. "Diese Geschichte ist keine Vorstufe der heutigen Ferienanlage, sondern die historische Last des Ortes", sagt Katja Lucke vom Dokumentationszentrum Prora. Hier zeigt sie wie Freizeit, politische Beeinflussung und Kriegsvorbereitung miteinander verbunden waren. Auch an die spätere militärische Nutzung und die Bausoldaten der DDR wird erinnert.

Thomas Helm fährt mit dem Fahrrad an der langen Häuserfront entlang. Der Architekt hat die nördlichen Blöcke von Prora mitgestaltet. Er betreibt dort das Hotel Mariandl. Und er hat dort viele Wohnungen für Dauermieter geschaffen, betreutes und altersgerechtes Wohnen. Vom Dach zeigt er auf Balkone, Terrassen und die Ostsee. Aus dem einstigen Grau sei etwas Buntes geworden, sagt er. Die strenge Gleichförmigkeit der Gebäude habe er durch unterschiedliche Formen und Materialien aufbrechen wollen.

Alltägliche Dienstleistungen fehlen

Noch immer sind nicht alle Arbeiten abgeschlossen. In den Häusern ist viel investiert worden: In hochwertige Wohnungen, Pools und Wellnessbereiche. Unten an der Straße bleiben dagegen Schaufenster dunkel. Zu den wenigen Anziehungspunkten gehören hier eine Sandskulpturenausstellung, ein Fastfood-Restaurant nach niederländischem Vorbild und ein Supermarkt. Alltägliche Dienstleistungen, Ärzte oder Apotheken, eine gewachsene Ortsmitte so wie es Thomas Helm vor neun Jahren geplant und versprochen hat, fehlen nach wie vor. Es gibt noch nicht mal einen Geldautomaten.

Theatersaal blieb im Rohbau

Katja Lucke führt durch den früheren Theaterbau. Der Saal blieb im Rohbau, wurde zu DDR-Zeiten als Kulturhalle genutzt und später zur Diskothek umgebaut. Verkleidungen, Parkett und nackter Beton erzählen von unterschiedlichen Epochen. Die Leiterin des Dokumentationszentrums befürchtet, dass mit jeder weiteren Luxussanierung solche Spuren verschwinden. Wenn nur noch Fassaden, Ferienwohnungen und Meerblick übrig blieben, werde die Geschichte des Ortes immer schwerer lesbar.

Prora noch immer kein lebendiger Ort

Auf den Dächern von Block 5 steht Thomas Helm und zeigt, was er in den vergangenen neun Jahren geschafft hat und was er in den kommenden drei Jahren noch sanieren möchte. Er nennt diese Ruinen "die letzten Zeitzeugen, die aber verschwinden werden." Menschen sollen hier dauerhaft wohnen können, nicht nur Urlaub machen. Aber: Prora ist bislang nur ein Ferienparadies im Sommer. Ein lebendiger Ort ist es nach wie vor nicht. Und wie viel Erinnerung darin noch Platz finden wird, ist weiterhin offen.

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