Prosopagnosie: Knapp zwei Prozent aller Menschen sind betroffen
Etwa ein bis zweieinhalb Prozent aller Menschen können Gesichter anderer Personen nicht wiedererkennen. Sie leben mit Prosopagnosie, auch Gesichtsblindheit genannt. Die Künstlerin Carlotta ist eine von ihnen. Wir haben mit ihr gesprochen.
Ein Interview
von Lisa-Marie Yilmaz
Als Kind dachte Carlotta, sie werde sicher bald lernen, Gesichter anderer Menschen wiederzuerkennen. Was sie damals noch nicht wusste: Sie ist gesichtsblind. Der Begriff sei dabei sehr irreführend, erklärt sie im Gespräch, denn bei einer Prosopagnosie gehe es nicht um eine Blindheit, sondern darum, dass Betroffene sich Gesichter nicht merken könnten: "Ich kann jedes Gesicht sehen, nur kann ich es mir nicht einprägen." Auch an ihr eigenes Gesicht habe sie keine Erinnerung. Im Interview mit unserer Redaktion spricht Carlotta über die Herausforderungen des Lebens mit Prosopagnosie.
Carlotta, Sie leben mit Prosopagnosie, oft Gesichtsblindheit genannt. Wann und in welcher Form hat sich gezeigt, dass Sie von dieser neurologischen Wahrnehmungsstörung betroffen sind?
Carlotta: Als Kind habe ich keine Kita besucht. Als ich dann in die Schule gekommen bin, bin ich schnell auf Herausforderungen gestoßen. Wenn nach der großen Pause etwa der Gong geläutet hat, mussten wir uns klassenweise versammeln, ehe wir dann von den Lehrpersonen in unsere Klassen gebracht wurden. Ich habe meine Mitschülerinnen und Mitschüler aber nie gefunden und wusste schlichtweg nie, zu welchem Haufen ich gehöre. Somit bin ich das eine oder andere Mal mit der falschen Gruppe mitgegangen. Erst als ich nicht in meinem, sondern einem anderen Klassenzimmer stand, habe ich gemerkt, falsch zu sein, und bin dann schnell in mein Klassenzimmer gelaufen. Trotzdem gab es häufig Ärger von meinem Lehrer, weil ich viel zu früh oder zu spät ankam.
Was ist Prosopagnosie?
Prosopagnosie ist keine Krankheit, sondern eine Wahrnehmungsstörung, die in unterschiedlichen Formen und Ausprägungen auftritt.
Manche Betroffene erkennen Gesichter durchaus, haben damit aber Schwierigkeiten, wenn sie Bekannten in einem ungewohnten Kontext begegnen. Sie gehen beispielsweise an einer vertrauten Arbeitskollegin vorbei, wenn sie diese im Supermarkt treffen. Diese verhältnismäßig harmlose Form der Gesichtsblindheit lässt sich oftmals gut kompensieren.
Andere Menschen mit Prosopagnosie nehmen die Unterschiede in Gesichtern schlecht wahr und verwechseln diese daher leicht. Sie sind aber durchaus in der Lage, beispielsweise das Alter und das Geschlecht ihres Gegenübers zu bestimmen.
Eine dritte Gruppe sieht jedes Gesicht klar und mit allen unterschiedlichen Merkmalen vor sich – vergisst diesen Eindruck jedoch innerhalb weniger Minuten wieder. Diese Ausprägung führt ebenfalls dazu, dass ein Wiedererkennen nicht möglich ist.
Bei besonders ausgeprägten Formen der Gesichtsblindheit können die Betroffenen die dreidimensionalen Strukturen eines Gesichtes gar nicht voneinander unterscheiden. Für sie wirken verschiedene Gesichter mehr oder weniger identisch.
Wussten Menschen in Ihrem Umfeld von dieser Wahrnehmungsstörung?
Nein, weder meine Mutter noch eine andere Person in meinem Leben hat davon gewusst. Ich habe zu einer Zeit die Schule besucht, in der Linkshänder noch systematisch umerzogen wurden und Menschen mit Legasthenie als faul oder dumm beschimpft wurden. Demnach war die Prosopagnosie in meiner Kindheit und Jugend nie ein Thema, weil niemand wusste, dass sie existiert.
Meine Mutter lebt nicht mehr, insofern weiß ich nicht, inwiefern ihr das Ausmaß meiner Probleme bewusst war. Dennoch hat sie mich immer unterstützt und stand hinter mir. Ich erinnere mich an eine Situation in der Schule, in der ich meinen eigenen Klassenlehrer nicht erkannt habe, obwohl er direkt vor mir stand. In der Folge erhielt ich einen "blauen Brief", weil das Lehrpersonal mich für dumm hielt – immerhin hatte ich meinen eigenen Klassenlehrer nicht erkannt. Trotzdem wurde nie der Versuch gestartet, genauer hinzusehen, um herauszufinden, wo möglicherweise die Ursache für meine Schwierigkeiten liegen könnte.
Haben Sie sich Strategien angeeignet, um Menschen in Ihrem Alltag anhand verschiedener Merkmale wiedererkennen zu können?
Ja, das habe ich. Ich bin ein großer Freund von Listen und Tabellen und habe mir irgendwann eine Tabelle angelegt, in der ich, anhand ihrer äußeren Merkmale, meine Lehrpersonen eingetragen habe. Für meinen damaligen Klassenlehrer etwa habe ich hinter Attributen wie "Bart" oder "Brille" ein entsprechendes Kästchen angekreuzt. Mithilfe dieser Liste konnte ich meine Lehrkräfte also größtenteils korrekt zuordnen. Leider habe ich den Fehler gemacht, jeder Lehrperson in der Tabelle ein kurzes Psychogramm zuzuordnen. Es gab also eine Extraspalte, in der ich Fragen wie "Gibt er viele Hausaufgaben auf?", "Schreit er viel herum?" oder "Wirft er mit Gegenständen?" mit "ja" oder "nein" eingeordnet habe. Dummerweise hat mir ein Lehrer eines Tages die Liste abgenommen und gesehen, dass er laut meines Psychogramms streng war, häufig herumgebrüllt und mit Gegenständen geworfen hat. In der Folge wurde also meine Mutter in die Schule bestellt und es gab jede Menge Ärger für mich.
Ist Prosopagnosie für Sie eine Art Makel?
Ich habe durchaus festgestellt, dass die Prosopagnosie mein soziales Leben und Umfeld belastet, weil ich früher sehr oft nicht genau wusste, wen ich gerade vor mir habe. Mit der Zeit habe ich aber gelernt, Menschen anhand ihrer Stimme, ihrer Körperform oder ihres Gangs zu erkennen. Steht eine Person aber einfach nur still und ohne Bewegung vor mir, habe ich schlechte Chancen, sie zu erkennen oder zuzuordnen.
Lange gab es keine Erklärung für Ihre Schwierigkeiten, Menschen wiederzuerkennen …
So ist es. Ich bin erst sehr spät auf die Begrifflichkeit der Prosopagnosie gestoßen. Zuvor konnte ich mich nie wirklich erklären. Habe ich also neue Menschen kennengelernt, habe ich versucht, mir ihre Stimme, die Bewegung oder ihre Frisur einzuprägen. Vor allem bei Frauen ist jedoch die Frisur kein sicherer Indikator, weil sie oder die Haarfarbe sich häufig verändert. Somit war es sehr herausfordernd, den Menschen zu erklären, dass ich sie schlichtweg nicht wiedererkenne, obwohl wir uns doch erst kürzlich begegnet waren. Dabei steckt meinerseits keinerlei böse Absicht dahinter, dass ich die Menschen nicht erkenne. Als ich irgendwann mit dem Begriff Prosopagnosie in Berührung gekommen bin, hatte ich endlich eine Erklärung. Endlich konnte ich mich erklären und einen Fachbegriff benennen, der sich im Internet oder in medizinischer Fachlektüre nachlesen lässt.
In der Vergangenheit ist schon ein Dokumentarfilm über Sie erschienen, kürzlich wurde das Buch "Carlottas Welt" veröffentlicht. Fällt es Ihnen leicht, sich im Rahmen der Entstehungsgeschichte dieser Projekte auf die dafür verantwortlichen Menschen einzulassen?
Als der Neurowissenschaftler Valentin Riedl damals mit seiner Filmidee auf mich zukam, war ich zunächst nicht wirklich angetan (lacht). Meine beste Freundin bestärkte mich jedoch in dem Vorhaben und so nahm das Filmprojekt seinen Lauf. Valentin Riedl und die Kamerafrau waren wirklich rührend, feinfühlig und sensibel im Umgang mit mir und haben mich zu nichts gedrängt. Der filmische Prozess hat einige Jahre gedauert und konnte damit in genau dem Tempo stattfinden, das ich gebraucht hatte. Im Rahmen nachfolgender Filmvorstellungen habe ich das empathische Interesse des Publikums erkannt. Diese Form der positiven Aufmerksamkeit kannte ich bis dahin noch nicht, sodass sie einen regelrechten therapeutischen Effekt auf mich hatte.
Als Lorenz Wagner mit der Buchidee auf mich zukam, war ich längst nicht mehr so verschlossen wie noch einige Jahre zuvor. Er hat sich meinem Tempo angepasst und mir ausreichend lange Abstände zwischen den einzelnen Gesprächen gelassen. Wir haben uns an tollen Orten getroffen und ich habe mich stets wohlgefühlt. Insofern blicke ich auf eine wertvolle Zusammenarbeit mit ihm zurück, weil er mir stets sensibel begegnet ist.
Sie sind als Künstlerin tätig. Was hier spannend ist: Ausgerechnet die Frau, die keine Gesichter erkennt, hat in ihrem Leben Tausende Selbstporträts gezeichnet. Wie läuft dieser Schaffensprozess ab?
Eigentlich ist es ganz einfach. Beim Malen schalte ich meinen Sehsinn vollkommen aus, dunkle das Zimmer ab und taste mit der einen Hand mein Gesicht ab, während ich mit der anderen Hand das, was ich ertaste, zeichne.
Sehen Sie Ihren Selbstporträts ähnlich?
Ich denke, dass die Bilder an sich unterschiedlich aussehen. Denn ich betrachte sie aus einem anderen Blickwinkel. Das bedeutet, dass ich sie nicht als Porträt, sondern aus einem künstlerischen Aspekt heraus sehe. Somit sind es verschiedene Fragen, die sich in diesem Zusammenhang ergeben: Sitzt der Kopf an der richtigen Stelle? Stimmen die Farben? Hat das Objekt irgendwo ein Ungleichgewicht? Hierbei löse ich mich bewusst von dem Begriff des Gesichts und spreche von einem Objekt. Hat es also zwei Nasen, ein Auge oder gar keinen Mund, ist das nicht schlimm. Dadurch entstehen immer andere Kompositionen, die sich teilweise sehr stark voneinander unterscheiden. Trotzdem gibt es aber auch Reaktionen von Menschen, die eine ihnen bekannte Person in den Bildern erkennen. Es gab auch schon die Situation, in denen Personen Ähnlichkeit mit mir in den Porträts erkannt haben, was mich natürlich sehr freut (lacht).
Was macht es mit Ihnen, als Mensch mit Prosopagnosie in einer Gesellschaft zu leben, in der Schönheitsideale eine immense Rolle spielen?
Gute Frage. Ich sehe Menschen anders und muss sie kennenlernen. Natürlich sind Äußerlichkeiten, wie Größe oder Körperbau, für mich wichtige Wiedererkennungs- und Unterscheidungsmerkmale. Trotzdem kann ich nicht einordnen, ob die Person, die mir gegenübersteht, besonders hübsch oder gutaussehend ist. Da äußere Merkmale für mich keine übergeordnete Rolle beim Kennenlernen einer Person spielen, versuche ich, sie direkt auf einer persönlichen Ebene kennenzulernen. So kann ich erkennen, ob ich sie meinem Freundeskreis hinzufügen möchte oder nicht.