Prostatavergrößerung: Welche Rolle die Darmflora spielen könnte - Studie
Häufige Männerkrankheit Was die Darmflora mit einer Prostatavergrößerung zu tun hat Von Ann-Kathrin Landzettel 05.08.2026 - 07:19 UhrLesedauer: 4 Min. Aktuelle Zeit:0:00Gesamtdauer:0:00 Jetzt neu bei t-online: Schriftgröße anpassen! Das Mikrobiom könnte für die Prostata wichtiger sein als bislang gedacht. Forschende finden immer mehr Hinweise. Was ist bislang bekannt? Häufiger Harndrang, nächtliche Gänge zur Toilette und das Gefühl einer unvollständig entleerten Blase – das sind typische Beschwerden bei einer gutartig vergrößerten Prostata. Sie tritt meist nach dem 50. Lebensjahr auf und wird mit zunehmendem Alter immer häufiger. Es mehren sich Hinweise darauf, dass Veränderungen der Darmbakterien mit einer vergrößerten Prostata zusammenhängen. Gutartige Prostatavergrößerung trifft fast jeden Mann Symptome einer gutartigen Prostatavergrößerung zeigen sich bei Männern meist ab dem 50. Lebensjahr. Laut dem Bundesministerium für Gesundheit sind in einem Alter von 50 bis 59 Jahren etwa 20 von 100 Männern betroffen. Mit zunehmendem Alter tritt eine vergrößerte Prostata immer öfter auf. Bis zu 70 von 100 Männern über 70 Jahre bekommen Beschwerden. Eine gutartig vergrößerte Prostata ist meist harmlos, kann für die betroffenen Männer allerdings sehr belastend sein. Viele leiden unter häufigem, starkem Harndrang, Nachtröpfeln, dem Gefühl einer unvollständig entleerten Blase und ständigen nächtlichen Toilettengängen. Je stärker die Prostata auf Blase, Harnröhre und die Blasenmuskulatur drückt, desto intensiver sind die Beschwerden. Ursachen einer gutartig vergrößerten Prostata Die gutartig vergrößerte Prostata, medizinisch benignes Prostatasyndrom (BPS) oder benigne Prostatahyperplasie (BPH) genannt, ist die häufigste urologische Erkrankung des Mannes. Dass die Vorsteherdrüse mit dem Alter wächst, ist normal. Warum sie sich bei einigen Männern allerdings übermäßig vergrößert, ist nicht abschließend geklärt. Experten gehen von einem Zusammenspiel verschiedener Faktoren aus: Wirkung von Androgenen: Eine zentrale Rolle spielen Androgene. Das Hormon Testosteron wird in Dihydrotestosteron (DHT) umgewandelt, was einen Wachstumsreiz in der Prostata auslöst. Hemmung des Zelltods: Gleichzeitig kommt es zu einer vermehrten Ausschüttung von Wachstumsfaktoren in der Prostata und einer Hemmung des programmierten Zelltods (Apoptose). Fehlende Ausdifferenzierung des Prostatagewebes: Normalerweise durchlaufen Zellen während ihrer Entwicklung einen Prozess, in dem sie sich spezialisieren und ihre endgültige Form und Funktion annehmen. Bei der gutartigen Prostatavergrößerung funktioniert dies offenbar nicht richtig. Die Zellen hören nicht auf zu wachsen. Das Risiko für ein Prostatawachstum erhöht sich mit fortgeschrittenem Alter, bei familiärer Disposition, Adipositas und Metabolischem Syndrom – besonders bei erhöhtem Bauchfett, erhöhtem Blutzucker und niedrigem HDL-Cholesterin. Auch chronisch erhöhte Testosteronspiegel und eine chronische Prostataentzündung (Prostatitis) können ein verstärktes Wachstum begünstigen. Mikrobiomforschung rückt in den Fokus Recht jung ist der Blick der Prostataforschung auf einen möglichen Einfluss des Darmmikrobioms auf das Prostatawachstum. Die Mikrobiomforschung steht zwar noch am Anfang. Doch das Mikrobiom könnte für die Prostata wichtiger sein als bislang gedacht. Japanische Studie zeigt möglichen Zusammenhang Im Jahr 2022 beispielsweise untersuchte eine Forschergruppe aus Japan einen möglichen Zusammenhang zwischen einer Prostatahypertrophie (eine Vergrößerung durch das Wachstum einzelner Zellen, während ihre Anzahl gleich bleibt) und dem Mikrobiom. Das Team um Kentaro Takezawa analysierte die Daten von 128 Patienten, bei denen der Verdacht einer Prostatahypertrophie bestand. Die Autoren untersuchten das Darmmikrobiom der Probanden mithilfe eines Rektalabstrichs. Bei der Hälfte der Patienten bestätigte sich die Prostatahypertrophie. Die Patienten ohne Hypertrophienachweis dienten als Kontrollgruppe. Auffallend war die Zusammensetzung des Mikrobioms: In der Hypertrophiegruppe dominierten Firmicutes und Actinobacteria. In der Kontrollgruppe dagegen wurden überwiegend Bacteroidetes gefunden. Auch wenn die Autoren bei der Interpretation der Befunde zur Vorsicht raten, geben die Ergebnisse doch erste Hinweise auf einen möglichen Zusammenhang zwischen der Zusammensetzung des Mikrobioms und einer gutartigen Prostatavergrößerung. Veränderte Darmmikrobiome und Prostataentzündungen Eine systematische Übersichtsarbeit von 2024 fasst bisherige Untersuchungen zusammen und kommt ebenfalls zu dem Schluss, dass Veränderungen der Darmflora nicht nur eine bedeutende Rolle bei der Entstehung einer gutartigen Prostatavergrößerung spielen könnten, sondern auch von Prostataentzündungen. Die Forschenden um Jie Chen werteten 15 Publikationen bis April 2023 aus. Dabei fiel unter anderem ein Mechanismus auf. Die Darmflora produziert kurzkettige Fettsäuren (Short-Chain Fatty Acids, SCFAs), die normalerweise die Darmbarriere schützen und Entzündungen hemmen. Bei einer Dysbiose – etwa durch hochfettreiche Ernährung – sinkt die SCFA-Produktion. Die angegriffene Darmbarriere wird durchlässig ("Leaky Gut") und Bakterienbestandteile wie Lipopolysaccharide können ins Blut gelangen. Dort können sie systemische Entzündungen auslösen und die Prostatagesundheit beeinträchtigen. Wie wirkt das Darmmikrobiom auf die Prostata? Die Mechanismen werden weiter erforscht. Derzeit gibt es verschiedene Hinweise, wie Darmmikrobiom und Prostata möglicherweise zusammenhängen könnten: Chronische Entzündungsprozesse: Ein Ungleichgewicht der Darmflora kann zu einer Durchlässigkeit der Darmbarriere ("Leaky Gut") und zu systemischen Entzündungsreaktionen im Körper führen, welche möglicherweise die Prostatavergrößerung begünstigen. Einfluss auf Hormone: Das Darmmikrobiom ist an der Regulierung männlicher und weiblicher Geschlechtshormone beteiligt. Ist die Darmflora aus dem Gleichgewicht geraten (Dysbiose), kann das den Hormonhaushalt stören. Da das Prostatawachstum durch Hormonveränderungen ausgelöst wird, könnte ein gestörtes Mikrobiom diesen Prozess begünstigen. Mikrobiom der Harnwege: Ebenso wird das Mikrobiom der Blase als mögliche Einflussgröße diskutiert. Studien deuten darauf hin, dass die Blase ein eigenes Mikrobiom besitzt, das mit der Darmflora in Austausch steht. Es wird vermutet, dass dieses urogenitale Mikrobiom das Entzündungsrisiko der Prostata mit beeinflussen könnte. Mikrobiomunterschiede bei Prostatakrebs: Ebenso gibt es Untersuchungen, die bei Männern mit Prostatakrebs eine Vermehrung bestimmter Darmbakterien zeigen, etwa von Bakterien der Gattungen Ruminococcus und Bacteroides. Besaßen Patienten dieses mikrobielle Bild, wurde ein schlechteres Überleben beobachtet als bei Patienten, bei denen diese Bakterien nicht vorhanden waren. Gesunder Darm, gesunde Prostata? Weitere Studien sind notwendig. Die vorhandenen Ergebnisse deuten darauf hin, dass eine darmgesunde Lebensweise – insbesondere die Reduktion hochfettreicher Ernährung – auch auf die Prostata beziehungsweise Prostatabeschwerden günstig wirken könnte. Es gibt verschiedene Wege, günstige Darmbakterien zu unterstützen. Ein gesundes Mikrobiom braucht Vielfalt: Eine ballaststoffreiche Ernährung mit Vollkornprodukten, Hülsenfrüchten, Gemüse und Obst fördert die Vermehrung nützlicher Darmbakterien. Fermentierte Lebensmittel wie Joghurt oder Sauerkraut können zusätzlich helfen, die bakterielle Vielfalt zu bewahren. Regelmäßige Bewegung, eine ausreichende Flüssigkeitszufuhr und erholsamer Schlaf unterstützen die Darmfunktion ebenfalls. Das sind die Top-Fragen des Tages: Was den Darm schwächt Reichlich Fett und Fleisch auf dem Teller hingegen schwächen das Mikrobiom. Das gilt auch für bestimmte Medikamente, beispielsweise Antibiotika und Kortison. Alkohol, Stress und Schlafmangel können sich ebenfalls ungünstig auf das Darmmikrobiom auswirken. Auch wenn die Forschung noch in den Kinderschuhen steckt: Eine gesunde Lebensweise unterstützt die Gesundheit im Allgemeinen und fördert ein gesundes Darmmikrobiom, was sich gegebenenfalls auch auf die Prostata günstig auswirken kann. Mikrobiomforschung könnte neue Therapiemöglichkeiten bringen Ebenso bleibt es spannend, ob es in Zukunft vielleicht sogar möglich ist, als günstig eingestufte Bakterien gezielt zu vermehren oder als pathogen identifizierte Bakterien frühzeitig zu bekämpfen, sodass es gar nicht erst zu Prostataerkrankungen kommt beziehungsweise Therapiemöglichkeiten verbessert werden können. Verwendete Quellen amboss.com: AMBOSS-Bibliothek "Benignes Prostatakarzinom", AMBOSS SE. (Stand: 10. Juli 2026, kostenpflichtig). amboss.com: AMBOSS-Bibliothek "Prostatakarzinom", AMBOSS SE. (Stand: 10. Juli 2026, kostenpflichtig). gesund.bund.de: "Prostatakrebs". Online-Information des Bundesministeriums für Gesundheit. (Stand: 14. Oktober 2025) pmc.ncbi.nlm.nih.gov: "The role of gut microbiota in prostate inflammation and benign prostatic hyperplasia and its therapeutic implications". Online-Information der National Library of Medicine: Heliyon. 2024 Sep 21;10(19): e38302. doi: 10.1016/j.heliyon.2024.e38302. gesund.bund.de: "Gutartige Prostatavergrößerung". Online-Information des Bundesministeriums für Gesundheit. (Stand: 21. Oktober 2022) springermedizin.de: "Mikrobiom und Prostatahypertrophie: Besteht hier ein Zusammenhang?". Online-Information von Springer Medizin. (Stand: 6. September 2022) gesundheitsinformation.de: "Gutartige Prostatavergrößerung". Online-Information des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG). (Stand: 28. Juni 2022) doccheck.com: "Prostata-Ca: So stört das Mikrobiom die Therapie". Online-Information von DocCheck. (Stand: 8. November 2021) prostata-hilfe.deutschland.de: "Prostatakrebs-Behandlung – wie die Darmflora mitspielt". Online-Information der Prostata Hilfe Deutschland e. V. (Stand: 19. Oktober 2020) Transparenzhinweis Die Informationen ersetzen keine ärztliche Beratung und dürfen daher nicht zur Selbsttherapie verwendet werden. Quellen anzeigen