Prozess zu mutmaßlichen Vergewaltigungen lässt in Abgrund blicken
Ein mutmaßlicher Serienvergewaltiger muss sich seit Donnerstag vor dem Berliner Landgericht verantworten. Der Angeklagte soll in sieben Jahren insgesamt 14 Frauen in seiner Lichtenberger Wohnung sediert und dann zum Teil mehrfach vergewaltigt haben, dabei Videos gefertigt und diese teilweise in Chatgruppen geteilt haben. Seine Opfer soll der 68-Jährige im Tatzeitraum von 2016 bis 2022 über Internetplattformen kennengelernt haben. Als die Frauen Frank S. in seiner Lichtenberger Wohnung besuchten, soll er ihnen alkoholische Drinks angeboten haben, die er laut Staatsanwaltschaft mit sedierenden Medikamenten versetzt hatte. Als die Wirkung der Substanzen kurz darauf einsetzte, soll F. die Frauen, die sich laut Anklage in "mindestens in einem nahezu bewusstlosen Zustand befunden haben" und widerstandsunfähig gewesen seien, zum Teil mehrfach in seinem Schlafzimmer vergewaltigt und die mutmaßliche Tat gefilmt haben. Wegen der Medikamentengabe hatten sich die Frauen nach den Taten selbst nicht erinnern können, so die Angaben von Ermittlern und medizinischen Sachverständigen. Über den Chat mit einem anderen mutmaßlichen Täter in Niedersachsen war der Berliner Polizei von den Kollegen dort ein Tipp gegeben worden. Die Aufnahmen des Angeklagten - von den Ermittlern als Vergewaltigungsvideos qualifiziert - gehören zu den wichtigsten Beweismitteln im Prozess. Beim Verlesen der Vergewaltigungsvorwürfe durch die beiden Staatsanwälte wird am Donnerstag detailliert geschildert, wie Frank S. nach der Sedierung seiner Opfer sich in 22 Fällen an ihnen vergangen haben soll. Die meisten Frauen waren demnach "nahezu bewusstlos". Einige Frauen versuchten, trotz der zugeführten Medikamente, völlig hilflos Widerstand gegen ihre Vergewaltigung zu leisten. Eines der Opfer soll im von S. aufgenommenen Video den Angeklagten angefleht haben mit den Worten: "Bitte, bitte nicht." Eine andere konnte nur "Nee! Nee!" artikulieren. Darauf soll der Angeklagte mit den Worten reagiert haben: "Einmal ganz kurz, ich bin geil!" Dann habe der Angeklagte laut Staatsanwaltschaft sein Opfer weiter vergewaltigt. In Deutschland erlangte vor allem durch den Prozess um die immer wieder von ihrem Ehemann sedierte und anschließend vergewaltigte Gisèle Pelicot in Frankreich die "soumission chimique" (auf Deutsch: "chemische Unterwerfung") erhöhte Aufmerksamkeit. Pelicots Ehemann war Ende 2024 nach einem Jahrzehnt der Vergewaltigung seiner sedierten Frau zu 20 Jahren Haft verurteilt worden. Ebenfalls die von ihm via Chats organisierten teilnehmenden 50 Männer waren bis zu zweistelligen Gefängnisstrafen verurteilt worden. Auch in Deutschland wurden wegen der Vergewaltigung von Frauen durch chemische Unterwerfung seit dem französischen Urteil schon mehrere Männer zu hohen Strafen verurteilt. So verurteilte erst im April das Landgericht München einen 28-jährigen Studenten zu elf Jahren und drei Monaten Gefängnis, weil er seiner Freundin mehrmals stark sedierende Mittel verabreicht haben soll, um sie bewusstlos zu vergewaltigen. Im Juli verurteilte das Berliner Landgericht einen promovierten Mediziner zu fünf Jahren Haft, weil er eine sedierte Freundin schwer sexuell genötigt und in einer achtköpfigen Chatgruppe Tipps gegeben haben soll, wie man Frauen zur Vergewaltigung von ihnen unbemerkt sedieren könne: Durch die Tipps hatte ein Chatmitglied im Januar 2024 eine Frau mit Medikamenten betäubt und vergewaltigt. Der 44-jährige war Anfang Februar zu 14 Jahren Haft und anschließender Sicherungsverwahrung verurteilt worden. Über mehrere Jahre soll er Frauen sediert und vergewaltigt haben. Der Angeklagte war auch wegen versuchten Mordes verurteilt worden. Inzwischen wird bei der Polizei von regelrechten Netzwerken ausgegangen, die in Chatgruppen über Landesgrenzen hinweg weltweit in Verbindung stehen könnten und sich austauschen, wie man Opfer betäubt und danach vergewaltigt. Auch der Angeklagte soll über die Partnersuche in sozialen Medien seine mutmaßlichen Opfer aufgespürt und sie dann sediert und nahezu bewusstlos zum Teil mehrfach vergewaltigt haben. Die Berliner Ermittler hatten einen Tipp von der niedersächsischen Polizei bereits im März 2025 erhalten. Doch die externe Auswertung der bei Frank S. gefundenen mutmaßlichen Tatvideos durch einen Spezialisten hatte nahezu ein Jahr in Anspruch genommen, sodass der Angeklagte erst im März 2026 verhaftet wurde und seitdem in Untersuchungshaft sitzt. Zum Prozessauftakt ließ er seinen Verteidiger in wenigen Sätzen dem Gericht mitteilen, dass er die Vergewaltigungsvorwürfe einräume, zur Gabe von sedierenden Substanzen wolle er sich später äußern. Vier der mutmaßlichen Opfer im Alter zwischen 50 und 60 Jahren treten im Prozess als Nebenklägerinnen auf, nahmen aber am Prozessbeginn nicht teil. Der Prozess ist bis Anfang Oktober terminiert.