Psychiater warnt vor verbreitetem Erziehungsirrtum mit „lebenslangen Folgen“
Startseite Panorama Psychiater warnt vor verbreitetem Erziehungsirrtum mit „lebenslangen Folgen“ Von: Pia Seitler Uns auf Google folgen Studienergebnisse zeigen, dass fast ein Drittel der Eltern eine Erziehung für angemessen hält, die sich negativ auf die Psyche und die kognitive Leistung der Kinder auswirken kann. Hamburg – „Ein Klaps auf den Hintern hat noch keinem Kind geschadet.“ Ein Gedanke, der in den Köpfen von Boomer-Eltern weitverbreitet war, während sie ihre Millennial-Kinder erzogen haben. Doch auch 2026 hält sich der Erziehungsirrtum hartnäckig, wenn er auch weniger verbreitet ist. Amerikanische Forschende fanden in einer Studie heraus, dass 1993 50 Prozent der Eltern, ihre Kinder im Alter von zwei bis zwölf Jahren mit einem „Klaps auf den Po“ bestraften. 2017 waren es noch 35 Prozent. Wie sich Einstellungen zu Körperstrafen in der Erziehung seit 2000 in Deutschland verändert haben, zeigen weitere Studienergebnisse. Die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie am Universitätsklinikum Ulm (UKU) hat gemeinsam mit Unicef Deutschland zwischen Oktober 2024 und Februar 2025 2.530 repräsentativ ausgewählte Personen befragt. 2005 gaben rund drei Viertel der Befragten an, einen „Klaps auf den Hintern“ als Erziehungsmethode angewendet zu haben. Als angemessen betrachteten diese Methode 2016 noch 44,7 Prozent – 2025 waren es noch 30,9 Prozent, also immerhin fast ein Drittel. Was körperliche Bestrafung mit Kindern macht, erläutert Jörg Fegert. Er ist Psychiater, Psychotherapeut und ärztlicher Direktor am UKU. „Abhängig von den Vulnerabilitäten und der Resilienz, können Kinder unterschiedlich reagieren“, sagt Fegert gegenüber der Frankfurter Rundschau von Ippen.Media. Bei den Auswirkungen von körperlichen Strafen komme es auch auf die Intensität der verwendeten Formen und deren Häufigkeit an. Die Folgen eines „Klaps auf den Hintern“ könnten eine schlechtere psychische Gesundheit und Verhaltensprobleme umfassen – etwa Problemlösung durch Aggression, Depressionen, Angst und Substanzmissbrauch. Zudem könne es zu einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit kommen. „Demütigende Geste“: Worum es bei dem Erziehungsirrtum wirklich geht Fegert betont dabei einen zentralen Punkt: „Vielmehr geht es aber darum, dass es sich bei einem ‚Klaps auf den Po‘ um eine demütigende Geste handelt.“ Es brauche einen Einstellungswandel – weg vom Abwägen möglicher Folgen, hin zu dem Grundsatz, Kinder gewaltfrei zu erziehen und ihnen die bestmöglichen Entwicklungsbedingungen zu geben. Körperliche Gewalt und massive Körperstrafen in der Erziehung könnten „lebenslange physische und psychische Folgen haben, den Betroffenen schwer in ihrem Selbstwert schaden und das Risiko für Ausübung von Gewalt in der Erziehung eigener Kinder erhöhen“, erklärt Fegert. Dabei sei eine wichtige Unterscheidung zu treffen: Es gehe nicht um den „Alltagsausrutscher“, sondern um sich wiederholende Methoden zur vermeintlichen Kindererziehung als Reaktion auf wahrgenommenes Fehlverhalten.