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Psychologe Mark (42) verbrachte 6 Stunden täglich am Handy: „Nicht einmal meine Kinder bekamen Aufmerksamkeit.“

Technologie

Mark Tigchelaar weiß eigentlich genau, wie Aufmerksamkeit funktioniert. Der 42-jährige Kognitionspsychologe aus den Niederlanden gibt sogar Trainings zu Konzentration und Fokus. Trotzdem stieg seine eigene Bildschirmzeit zeitweise auf über sechs Stunden am Tag, wie er dem niederländischen Elternmagazin „J/M Ouders“ erzählt.

„Ich war schockiert. Ich weiß, wie Algorithmen funktionieren und was sie mit dem Gehirn anstellen. Trotzdem war ich selbst nicht immun dagegen.“

Seine Tochter ertappt ihn in der Handysucht

Das ständige Scrollen schleicht sich in einer Phase ein, in der es Tigchelaar nicht gut geht. „Ich merkte, dass ich immer öfter zum Handy griff, wenn ich gestresst oder ängstlich war“, berichtet er rückblickend. „Das Scrollen schien Entspannung zu bieten, aber letztendlich fühlte ich mich dadurch nur noch leerer und niedergeschlagener.“ Er sei schließlich unaufmerksamer und gereizter geworden, auch gegenüber seinen Kindern Lea (9) und Dex (6).

Einmal bittet ihn seine Tochter um Aufmerksamkeit, als er wieder am Handy ist. Er wendet sich ihr kurz zu, kehrt danach aber gleich wieder zum Bildschirm zurück. Sein eigenes Verhalten schockiert ihn. „Ich dachte: Wie dumm ist das denn? Ich weiß, wie wichtig Aufmerksamkeit ist, besonders für ein Kind, und trotzdem konnte ich mein Handy nicht weglegen“, sagt er dem Magazin.

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Apps zu löschen verlagerte Probleme nur

Für ihn ist eine persönliche Grenze überschritten. „Ich wollte auf keinen Fall so ein Vater sein“, erinnert sich Tigchelaar. Er schaltet Benachrichtigungen ab und löscht Apps, doch hat nur wenig Erfolg damit. Statt in den sozialen Medien verbringt er nun jeden Tag Stunden auf einem niederländischen Immobilienportal. „Ich hatte das Problem also nicht gelöst, sondern es nur verlagert.“

Seine Erkenntnis: Nicht das Smartphone selbst ist das Problem, sondern der Drang, danach zu greifen. Denn es bietet viele Vorteile im Alltag, etwa die Bezahl- oder Fotofunktion. Problematisch werde es aber, wenn man das Handy nutze, um ein unangenehmes Gefühl zu vermeiden. Scrollen wirke dann wie eine Art Betäubung bei Stress, Überreizung oder Langeweile, deren Effekt aber nicht lange anhalte.

Warum Eltern so leicht in die Scroll-Falle geraten

Dass solche Muster kein persönliches Versagen sind, betont auch Florian Buschmann, Gründer der Mediensucht-Präventionsinitiative „Offline Helden“, in einem Beitrag bei FOCUS online. Digitale Plattformen und Online-Spiele seien gezielt so gestaltet, dass sie Nutzer anziehen und dauerhaft binden, schreibt er. Algorithmische Empfehlungen sorgten dafür, dass man immer tiefer in ein Thema hineingezogen werde, der sogenannte Rabbit-Hole-Effekt.

Exzessive Mediennutzung sei deshalb kein reines Jugendproblem, so Buschmann. Er verweist auf Studien aus der Medien- und Suchtforschung, nach denen intensiver Konsum von Kurzvideos mit verringerter Aufmerksamkeit, erhöhter Impulsivität und suchtähnlichen Mustern verbunden ist, und zwar über alle Altersgruppen hinweg.

Was Kinder über das Handy ihrer Eltern sagen

Auf die Frage, wie es zu Hause mit dem Smartphone aussieht, bekomme Mediensuchtexperte Buschmann von Schülerinnen und Schülern fast immer dieselbe Antwort: Die Eltern seien selbst intensiv am Handy. Sätze wie „Warte kurz“ seien für sie Alltag, Aufmerksamkeit werde zum knappen Gut, um das Kinder konkurrieren müssten. Viele ärgere zudem, dass ihnen gleichzeitig Chatten oder Spielen verboten werde.

Auch Tigchelaar beobachtet, dass Eltern ihren Einfluss unterschätzen. „Kinder spiegeln wider, was sie sehen“, sagte er dem niederländischen Elternmagazin. Buschmann formuliert es grundsätzlich: Wenn Eltern etwas verbieten, es aber selbst tun, verlieren Regeln an Wirkung. Die Vorbildfunktion sei „die Grundlage jeder erfolgreichen Medienerziehung“.

So durchbrechen Eltern das Scroll-Muster: Tipps der Experten

1. Den Auslöser finden. Tigchelaar rät, zuerst zu klären, warum man zum Handy greift: aus Stress, Langeweile oder Unbehagen? Und in welchen Momenten passiert es automatisch, etwa auf der Toilette, im Aufzug oder auf der Couch?

2. Mit einer einzigen Gewohnheit anfangen. Radikal von sechs Stunden auf wenige Minuten zu gehen, hält der Psychologe für unrealistisch. Besser: eine Woche lang das Handy nicht mit auf die Toilette nehmen. Klappt das, folgt die nächste Gewohnheit. So ändere sich das Verhalten in kleinen, machbaren Schritten.

3. Das eigene Verhalten ehrlich prüfen. Buschmann empfiehlt Fragen wie: Wie oft unterbricht das Smartphone ein Gespräch? Wie präsent bin ich gerade? Kinder orientierten sich stärker an gelebtem Verhalten als an Regeln.

5. Bildschirmzeit unterscheiden. „Bildschirmzeit ist nicht gleich Bildschirmzeit“, sagt Tigchelaar. Eine Sendung mit längeren Szenen fordere die Aufmerksamkeit anders als Kurzvideos auf TikTok oder YouTube Shorts. In seiner Familie gilt: morgens vor der Schule keine Bildschirme.

6. Interesse statt Verbote. Beide Experten raten, Kindern nicht nur Dinge zu untersagen. Tigchelaar empfiehlt, Interesse an ihrer digitalen Welt zu zeigen. Auch Buschmann plädiert für gemeinsame Verantwortung statt Schuldzuweisung und empfiehlt Eltern, gemeinsam mit ihren Kindern über Algorithmen, Dopamin-Ausschüttung und Verstärkungseffekte zu lernen.

Mehr Brettspiele, weniger Bildschirm

Heute liegt Tigchelaars Bildschirmzeit bei etwa 90 Minuten täglich. Er fühle sich ruhiger und klarer und spiele mit seinen Kindern öfter Brettspiele. „Aufmerksamkeit ist das Schönste, was man jemandem schenken kann, aber man muss sich bewusst Zeit dafür nehmen.“ Sein wichtigster Rat an andere Eltern: „Fangen Sie bei sich selbst an. Erst dann sollten Sie die Regeln für Ihre Kinder überdenken.“

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