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Psychologe zweifelt an seiner Branche - und will mit fünf Vorträgen Menschen „erschüttern“

Wissenschaft

Der Neustrelitzer Psychologe Stefan Hilscher hat für „Ärzte ohne Grenzen“ unter anderem in Indien und im Sudan gearbeitet. Sein Engagement hat ihn zur Philosophie geführt und zum Nachdenken über seine „Branche“. Chefreporter Tobias Lemke wollte mehr wissen über seinen Weg zur Philosophie.

Unter fünf verschiedenen Schlagwörtern kommen Sie für fünf Vorträge über Philosophie in den Kulturstall Userin. Wie viel Kultur steckt in der Philosophie?

Enorm viel. Philosophie ist eine Geisteswissenschaft, keine Naturwissenschaft. Sie gehört für mich im weiteren Sinne zur Kunst. Sie ist sozusagen die Kunst des Intellekts. Also ja, die Philosophie ist im Kulturstall gut aufgehoben.

Was möchten Sie mit ihrer Veranstaltungsreihe erreichen?

Das Ziel ist, Bewusstsein für die eigene Identität zu schaffen – für meine Beziehung zur Welt, wie ich sie erlebe und auch, wie ich die Welt gestalte. Da kann die Philosophie des 20. Jahrhunderts einfach ungemein hilfreich sein und Dinge in ein klareres Licht rücken.

Was können die Zuhörer am Ende für sich mitnehmen?

Wer sich auf die Vorträge einlässt und sich hinterfragt, wird möglicherweise ein wenig erschüttert sein. Es wird deutlich, wie unfassbar verwurzelt ich bin, wie sehr ich ein Produkt des jeweiligen Zeitgeistes und der jeweiligen Epoche bin – und das in einem Ausmaß wie es mir gar nicht lieb ist. Das ist erst mal schockierend, führt aber im zweiten Schritt zu einer ziemlichen Befreiung. Das ist vielleicht das Stärkste, was die Philosophie leisten kann.

Das klingt nach Anleitung zum Ausbrechen?

Ja, in gewisser Weise. Also man könnte es auch als Wachstum oder Veränderung bezeichnen, aber „Ausbrechen“ wäre auch kein falsches Wort.

Bauen die Vorträge aufeinander auf oder können Sie bestimmten Gästen ein bestimmtes Thema empfehlen?

Nein, gar nicht. Die Philosophie, wenn man sie ernst nimmt als eine Methode zur Schulung von Denken und Wahrnehmung, funktioniert nicht als bloßes Zuhören. Ich vergleiche das immer mit einem Training für einen Marathon. Sie kommen dem Ziel nicht näher, wenn sie jeden Tag nur zwei Kilometer laufen, sondern sie erreichen eine neue Leistung nur, wenn sie immer wieder an die Grenze gehen. Mit dem Denken und der Philosophie ist es genauso. Also, es wird keine einfachen Antworten geben, sondern es werden Themen behandelt, Perspektiven, Sichtweisen, Denkmodelle, die einen völlig an die Grenze des eigenen Denkens bringen. Das kann einen im ersten Moment ratlos, zweifelnd oder sogar mit Ablehnung zurücklassen. Aber das ist eben genau die Grenzerfahrung, auf die es ankommt.

Sie sind von Haus aus Psychologe. Wie sind Sie zur Philosophie gekommen?

Mein Herz schlägt schon seit vielen Jahren für die Philosophie. Interessiert hat mich das Feld schon immer. Es wurde dann relevant, als ich zum ersten Mal für „Ärzte ohne Grenzen“ in Indien gearbeitet habe. Dort sind die kulturellen Unterschiede unübersehbar, nicht nur was Essen und Kleidung betrifft, sondern auch, wie unterschiedlich Menschen fühlen und denken, welche Wertesysteme sie haben, wie sie die Welt wahrnehmen. Spätestens da muss man die Ebene der Psychologie verlassen und sich mindestens mit Soziologie, Anthropologie und Kulturwissenschaften beschäftigen – idealerweise auch mit Philosophie, weil Philosophie hilft, die Welt zu verstehen. Oder anders gesagt: zu verstehen, wie Menschen ihre Realität bauen.

Sie sagen, dass Philosophie manchmal hilfreicher sein kann als ein Besuch beim Psychologen. Was meinen Sie damit?

Ich bin mit meinem Berufszweig und meiner ganzen Branche nicht mehr rundum einverstanden. Da gibt es einfach auch viele Nebenwirkungen und Versprechen, die nicht erfüllt werden. Die Psychologie, die Psychotherapie und die Psychiatrie existieren nicht im luftleeren Raum, sondern sind ebenfalls Produkte von Kulturgeschichte, Zeitgeist und dem jeweils bestimmenden Weltbild. Und da denke ich, dass vielen Menschen die Begegnung mit der Philosophie besser weiterhelfen kann.

Sie meinen also, dass die vermeintliche Zunahme von psychischen Belastungen und Krankheitsbildern heutzutage nur Ausdruck eines Zeitgeistes ist?

Schon vor 20 Jahren wurde von einer Psychologisierung der Welt gesprochen, also dass wir eben immer mehr Ausdrucksformen des Menschseins in Psychopathologien drücken. Wir benennen das dann als Krankheit oder als Störung, obwohl es noch in den Bereich des Normalen gehört. Diese Psychologisierung der Welt hat eine große Schattenseite. Menschen identifizieren sich mit ihren Diagnosen. Es führt zu einer Hilflosigkeit durch die Diagnose und einer gewissen Abhängigkeit dem Therapeuten gegenüber, weil man glaubt, erst durch die Therapie weiterzukommen. Dann führt es nicht selten zu verhängnisvollen Kreisläufen, weil man über das Internet und über Social Media mit scheinbar Gleichbetroffenen in einer Stagnation und Unzufriedenheit verharrt.

Um zum Schluss auf den Kulturstall und ihre Vorträge zurückzukommen: Was wünschen Sie sich von ihrem Publikum in Userin?

Verdutzte, ratlose und fragende Blicke (lacht). Die Erfahrung bei der vorigen Vortragsreihe in der Kachelofenfabrik in Neustrelitz war, dass es einen Teil gab, der es für sich abgelehnt hat. Es gab aber auch einen Teil, der es toll fand und einige Besucher, die so dazwischenlagen. Die Mehrzahl der Besucher hat dann aber doch klar geäußert, dass es sie bewegt habe – dass sie etwas mit nach Hause nehmen, das sie beschäftigt. Also, was ich mir wünsche, ist ein irritiertes Interesse und eine Neugier auf den jeweils nächsten Termin.

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