Psychologie: Die Gedanken entscheiden über das Glück. Welcher Denker
Audioplayer wird geladen Anzeige Woran haben Sie zuletzt gedacht? Einer neuen Studie zufolge war es wahrscheinlich die nächste Tasse Kaffee, die Arbeit oder der Wunsch, doch wieder ins Bett zurückzukehren. In einem Vorabdruck ihrer Arbeit identifizierten die Forscher vier Grundtypen von Denkern. Den Grübler, die Häuslichen, den Körperbetonten sowie jene, für die Karriere und Genuss an erster Stelle stehen. Eine der Gruppen war besonders glücklich. Anzeige Die Forscher betonen, dass diese Kategorien nicht in Stein gemeißelt seien und Menschen im Laufe ihres Lebens möglicherweise zwischen ihnen wechseln könnten. Eine klare Typologie ließe sich aus den begrenzten Datenmengen, die für die Arbeit gesammelt wurden, schlicht nicht ablesen. Den Forschern sei es darum gegangen, zu zeigen, dass sich im alltäglichen Wirbel persönlicher Gedanken dennoch differenzierte Grundtypen erkennen lassen. Lesen Sie auch „Bewusste Gedanken sind fundamental für die menschliche Erfahrung – dennoch sind sie erstaunlich wenig erforscht“, schreiben die Forscher aus den USA und China. Bislang ist die Studie noch nicht in einem Fachjournal mit Peer-Review-Prozess erschienen. „Genau wie bei Fingerabdrücken gibt es keine zwei Menschen mit den exakt gleichen Gedankenmustern – aber möglicherweise erkennbare Ähnlichkeiten.“ Anzeige Die 258 Studienteilnehmer aus den USA im Alter zwischen 19 und 71 Jahren wurden gebeten, zwei Wochen lang ihre Gedanken in einer App festzuhalten. Von dieser erhielten sie achtmal täglich in zufälligen Zeitabständen einen Signalton. Daraufhin dokumentierten sie in Textform, was sie in diesem Moment gedacht hatten, was sie gerade taten und wie glücklich sie momentan waren. Lesen Sie auch Die Forscher erhielten auf diese Weise mehr als 23.000 verschriftlichte Gedanken, die deren Veränderung über den Tagesverlauf zeigten. Während morgens und tagsüber bewusste Gedanken über die Arbeit dominierten, zeigte sich in den Abendstunden eine deutliche Bewegung hin zu sozialen und Freizeitaktivitäten. Die jeweilige Aktivität bestimmte also die bewussten Gedanken. Hatten die Stoiker Recht? Ein Teil der Studie testete einen berühmten Ausspruch des römischen Kaisers und Stoikers Marcus Aurelius, den die Forscher frei übersetzten mit: „Das Glück des Lebens hängt von der Qualität deiner Gedanken ab.“ Sie fanden heraus, dass das Denken der Menschen besser vorhersagte, ob sie glücklich waren, als alle anderen Faktoren, die sie betrachteten. „Vielleicht war Marcus Aurelius da einer Sache auf der Spur“, schrieb die Gruppe. Spannend war, dass die verschiedenen Lebensbereiche sich mental zu den unpassendsten Zeiten aufdrängten. So tauchten Job-Gedanken trotz des täglichen Rhythmus auch nach Feierabend im Kopf der meisten Teilnehmer auf – etwa beim Sozialisieren oder Essen. Die Menschen wurden also wortwörtlich von ihrer Arbeit nach Hause verfolgt. Insgesamt war nur etwa die Hälfte der Dinge, die Menschen dachten, bewusst. Die andere Hälfte war aufdringlicher Natur oder stammte aus Tagträumen – mit Folgen für das Wohlbefinden. Lesen Sie auch So war auffällig, dass die Art der Gedanken einen größeren Einfluss auf das Glücksempfinden hatte, als die momentane Aktivität, die Demografie und der sozioökonomische Status zusammen. Die Autoren rechneten vor, dass eine Halbierung intrusiver Gedanken eine ähnliche Glückssteigerung bewirkt, wie ein Einkommensplus von etwa 23 Prozent. Die Fähigkeit, bewusst zu denken, könnte demnach maßgeblich über das persönliche Glück entscheiden. Nahezu ein Fünftel aller schriftlich registrierten Gedanken drehte sich um körperliche Empfindungen und Sinneswahrnehmungen, wobei Müdigkeit und das Bedürfnis zu schlafen die Gedankenwelt dominierten. Diese Gedanken waren anderthalbmal so stark bei dem körperbetonten Denker-Typ ausgeprägt wie bei den anderen drei Typen. Der körperbetonte Typ hatte zudem eine klare Kerngruppe. 64 Prozent der Teilnehmer in diesem Cluster waren weiblich und mit 32 Jahren im Durchschnitt am jüngsten. Der gleiche Typus hatte mit 28 Prozent auch die meisten ungewollten und aufdringlichen Gedanken, mit einem geringeren allgemeinen Glücksempfinden. Wie oft denken Menschen an Sex? Nach den körperbezogenen Gedanken ging es insgesamt in 17 Prozent der Antworten um die Arbeit. Kollegen waren dabei selten Gegenstand der Überlegungen, sondern primär Aufgabenlisten und Terminfristen. 14 Prozent der bewussten und unbewussten Gedanken drehten sich ums Essen. Nur zehn Prozent der Gedanken beschäftigten sich mit Hobbys, Spielen, Kunst und Vergnügen. Die Auswertung zeigte auch, dass die Wünsche der meisten Menschen recht genügsamer Natur sein könnten. In der Hälfte der Fälle ging es um Nahrung oder Getränke, insbesondere Kaffee. Der Wunsch, sich zu entspannen, ein Nickerchen zu machen oder gar zu schlafen, machte weitere 29 Prozent der Gelüste aus. Sex und verwandte Begriffe kamen in den Gedanken der meisten Menschen kaum bis gar nicht vor, genau genommen nur 25 Mal. Lesen Sie auch Weltplus ArtikelMikrobiom und Psyche Die untergeordnete Rolle von Sex in alltäglichen Gedanken überraschte die Forscher. Sie vermuteten eine hohe Dunkelziffer, da Teilnehmer aufgrund sozialer Normen und Schamgefühle an dieser Stelle wahrscheinlich nicht ganz ehrlich gewesen seien. Etwa ein Viertel aller Notifikationen aus der App blieb unbeantwortet. Die Forscher schränken ein, ihre Ergebnisse könnten nicht ohne Weiteres verallgemeinert werden. Die Studienteilnehmer waren alle westlich, gebildet und vergleichsweise wohlhabend. Damit repräsentieren sie nur einen kleinen Teil der Weltbevölkerung. Aus ihren Daten konnten die Forscher vier Denkertypen ausmachen. Diese zeichneten sich dadurch aus, dass ihre Gedanken häufig um ähnliche Themenkomplexe kreisten. Die identifizierten Kategorien seien „illustrativer“ Natur und nicht dogmatisch zu verstehen. Die Grübler Beim Denktyp der Grübler kreisen die Gedanken auffällig oft um das Weltgeschehen: Politische und gesellschaftliche Themen nehmen bei ihnen rund 60 Prozent mehr Raum ein als beim Durchschnitt der Teilnehmer – von Kriegen bis zur damals grassierenden Corona-Pandemie. Auch die eigene Gesundheit und Sicherheit beschäftigt sie überdurchschnittlich stark, nämlich etwa anderthalbmal so häufig wie andere. Zu den Begriffen, die für diese Gruppe besonders charakteristisch sind, zählen unter anderem „Covid“, „wach“, „einsam“, „Schmerz“, „Hunger“ und „Erschöpfung“. Ein bemerkenswertes Detail: Kaum eine andere Gruppe denkt so viel an Musik – fast doppelt so oft wie der Durchschnitt. Die Forscher vermuten dahinter eine Art Selbstregulation, mit der die Betroffenen die Belastung durch ihre übrigen Gedanken abfedern. Die Häuslichen Der zweite Denktyp – die „Häuslichen“ – ist ganz aufs Praktische ausgerichtet: Bei dieser Gruppe drehen sich die Gedanken deutlich häufiger als beim Durchschnitt um den Alltag daheim – Hausarbeit, das eigene Zuhause und die Finanzen kommen jeweils rund anderthalbmal so oft vor. Daneben haben Geschichten einen festen Platz in ihren Köpfen, sei es in Form von Filmen, Büchern oder Serien. Auffällig ist allerdings, wie wenig einheitlich die charakteristischen Begriffe dieser Gruppe ausfallen, darunter „lösen“, „verarbeiten“, „debattieren“ und „dokumentieren“. Die Körperbetonten Der dritte Denktyp ist ganz beim Körper: Keine andere Gruppe richtet ihre Aufmerksamkeit so stark nach innen – auf Sinneseindrücke, Empfindungen und das eigene Erleben von sich und der Umgebung. Demografisch sticht dieser Typ gleich mehrfach heraus: Mit durchschnittlich 32 Jahren ist er der jüngste der vier, und Frauen stellen fast zwei Drittel der Gruppe. Zugleich leiden diese Denker am stärksten unter Gedanken, die sich ungebeten aufdrängen – gut jeder vierte Gedanke (28 Prozent) wird als intrusiv erlebt. Typische Begriffe, die in ihren Gedanken auftauchen, sind etwa „Therapeut“, „Schmerz“ und „überfordert“. Die genussvollen Karrieristen Der vierte Typ – im Original „Work-Hard Play-Hard“ – lebt mental in zwei Welten: Sein Kopf pendelt zwischen Beruf und Freizeit. An die Arbeit denkt diese Gruppe rund anderthalbmal so oft wie der Durchschnitt, und trotzdem bleibt noch reichlich Raum für Hobbys, Spiele und Kreatives. Denn auch diese Themen liegen etwa ein Viertel über dem Schnitt. Bemerkenswert ist die Bilanz: Von allen vier Typen verdienen diese Denker am besten und sind zugleich am glücklichsten. Männer sind in der Gruppe leicht in der Überzahl. Zu den Begriffen, die ihre Gedankenwelt kennzeichnen, gehören etwa „Entspannung“, „Präsentation“, „Flug“, „Projekt“ und „Fitnessstudio“.