Psychologin rät von Vorwürfen ab
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Erwachsene Kinder brechen den Kontakt ab – Psychologin nennt den häufigsten Fehler der Eltern
Von: Christiane Laudage
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Wenn die Beziehung zu den Eltern zerbricht, sind meist jahrelang Konflikte und Verletzungen passiert. Psychologin Julia Zwank erklärt die Gründe.
Bonn/Riedlingen – Eltern und Kinder – kaum eine Beziehung ist enger, kaum eine kann zugleich so konfliktreich sein. Wenn erwachsene Kinder den Kontakt zu ihren Eltern abbrechen, steckt dahinter meist eine lange Geschichte.
Und solche Entfremdungen sind offenbar verbreiteter, als viele denken, sagt Julia Zwank, Professorin für Entwicklungs- und Wirtschaftspsychologie an der SRH Mobile University, einer Fernhochschule im baden-württembergischen Riedlingen.
Artikel der KNA
Dieser Beitrag stammt von der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA).
Zwank verweist auf eine große deutsche Langzeitstudie mit mehr als 10.000 Befragten. Demnach waren rund 20 Prozent der erwachsenen Kinder innerhalb eines Zeitraums von zehn Jahren zumindest phasenweise vom Vater entfremdet, bei der Mutter waren es neun Prozent.
Mit Entfremdung sei dabei wenig Kontakt bei gleichzeitig geringer emotionaler Nähe gemeint, erklärt die Psychologin. Ein vollständiger und dauerhafter Kontaktabbruch sei dagegen seltener. Und auch dann müsse das nicht zwangsläufig das Ende der Beziehung bedeuten. „Viele dieser Beziehungen pendeln über die Jahre hinweg zwischen Annäherung und Rückzug“, sagt Zwank.
Der Bruch kommt selten plötzlich
Warum aber fällt es vielen Menschen so schwer, den Kontakt zu den eigenen Eltern abzubrechen – selbst dann, wenn sie unter der Beziehung schwer leiden? „Die Bindung an die eigenen Eltern ist das erste und tiefste Band, das ein Mensch überhaupt knüpft“, erklärt Zwank. Biologisch seien Menschen darauf angelegt, bei ihren Eltern Schutz zu suchen.
Das lasse sich nicht einfach abschalten. Hinzu komme häufig die Hoffnung, doch noch die Zuwendung zu bekommen, die in der Kindheit gefehlt habe. Auch gesellschaftliche Erwartungen spielen nach Zwanks Erkenntnissen eine Rolle. Sätze wie „Man hat doch nur die eine Mutter“ könnten den Druck zusätzlich verstärken.
„Wer geht, verabschiedet sich deshalb von mehr als von ein paar Menschen – auch von einem Wunsch, den man oft ein Leben lang mit sich getragen hat“, stellt die Psychologin fest.
In der Regel eine lange Vorgeschichte
Nach ihrer Erfahrung steht am Anfang eines Kontaktabbruchs nur selten ein einzelnes dramatisches Ereignis. „Es ist eher wie Erosion: Über Jahre summieren sich Abwertung, Beschämung, Sarkasmus oder verbale Gewalt, bis die Beziehung das Gewicht irgendwann nicht mehr trägt.“
Die meisten Menschen brächen den Kontakt nicht spontan ab, sondern erst nach zahlreichen Versuchen, ihre Situation zu verändern – „wenn sie über Jahre erlebt haben, dass sich nichts bewegt und sie aus jeder Begegnung ein Stück kleiner herauskommen.“
Belastende Beziehungen hinterlassen Spuren
Zwank beschäftigt sich auch mit den körperlichen Folgen belastender Eltern-Kind-Beziehungen. Die Psychologie-Professorin beschreibt die Folgen so: „Belastende Beziehungen bleiben nicht im Kopf, sie gehen in den Körper.“
Bei dauerhaftem Stress werde unter anderem vermehrt Cortisol ausgeschüttet. Auch Veränderungen in Hirnstrukturen seien bei anhaltender verbaler Gewalt in Studien beschrieben worden. Langfristig könne sich die Belastung als eine Art körperlicher „Verschleiß“ bemerkbar machen.
Was Eltern tun können
Was können Eltern tun, wenn ihr erwachsenes Kind den Kontakt abbricht? Für Zwank ist zunächst entscheidend, was sie nicht tun sollten. Rechtfertigungen, das Herunterspielen des Erlebten oder Vorwürfe wie „Du bist undankbar“ seien ebenso wenig hilfreich wie der Versuch, über andere Familienmitglieder Druck auszuüben.
Stattdessen sollten Eltern versuchen, zuzuhören, ohne sich unmittelbar zu verteidigen. „Die Sicht des Kindes aushalten, auch wenn sie wehtut. Und den eigenen Anteil anerkennen“, empfiehlt die Psychologin. Ein ehrliches „Es tut mir leid, ich verstehe das erst jetzt“ könne mehr bewirken als eine noch so ausführliche Erklärung.
Bereit sein, aufeinander zuzugehen
Ob ein Kontakt wieder aufgenommen werden sollte, lasse sich allerdings nicht pauschal beantworten. Zwischen den Extremen „alles wie früher“ und „nie wieder“ gebe es viele Möglichkeiten: weniger Kontakt, klare Grenzen oder zunächst eine Pause. Ein neuer Versuch könne sich dort lohnen, wo beide Seiten bereit seien, aufeinander zuzugehen.
Wenn das über Jahre nicht gelinge, könne es sehr befreiend sein, die Eltern zu betrauern, die man sich immer gewünscht, aber nie bekommen hat, empfiehlt Zwank. „Für viele ist genau das der Moment, in dem ein langer innerer Kampf endlich zur Ruhe kommt.“
Eine Versöhnung braucht zwei
Ist denn eine so schwierige Beziehung zwischen Kindern und Eltern überhaupt noch zu retten? „Ja, manchmal schon – aber immer nur, wenn beide es wollen“, sagt Zwank. Eine Versöhnung gelinge dort, wo die verletzende Seite Verantwortung übernehmen könne und die andere bereit sei, sich noch einmal zu öffnen.
Von einer Seite allein lasse sich eine Beziehung nicht dauerhaft aufrechterhalten. Wenn eine Annäherung gelinge, müsse sie zudem nicht bedeuten, dass alles wieder so werde wie früher. „Wenn es gelingt, sieht die Beziehung meist anders aus als früher: reifer, erwachsener – und mit klaren Grenzen.“