Psychologin sieht frühe Kitabetreuung als Irrweg
Zusammengefasst Erika Butzmann kritisiert frühe Krippenbetreuung und plädiert für mehr Bindung statt früher Förderung; sie sieht darin negative Folgen für die kindliche Entwicklung. Sie betont, dass gesunde Kinder in den ersten zwei Jahren keine Bildung von außen brauchen und bindungssichere Eltern wichtiger sind als programmierte Förderung. Ihre Thesen stellen moderne Erziehungskonzepte infrage und betonen die Anpassung der Gesellschaft an kindliche Bedürfnisse; mehr konservatives Denken in der Pädagogik wird gefordert. Unser Artikel wurde mit KI für Sie zusammengefasst. → Mehr Infos Mehr anzeigen Weniger anzeigen Frau Butzmann, Sie betrachten unsere Gesellschaft als von "Modernisierungsdruck" geprägt. Das klingt abstrakt. Wie spürt eine ganz normale Familie im Alltag diesen unterstellten Druck? Erika Butzmann: Den erzeugt die gesellschaftliche Annahme, dass Kinder von Geburt an gefördert werden müssten. Tatsächlich hat jedes Kind von Beginn an ein natürliches Programm zur Selbstbildung als Starthilfe. Das funktioniert ohne Vorgaben von außen. Voraussetzung ist lediglich eine sichere Bindung an die Eltern. Die animiert das Kind, seine Umwelt zu erkunden. Das setzt die Gehirnentwicklung in Gang. Früher fördern, früher betreuen, früher bilden: Haben Kinder ihren natürlichen Rhythmus verloren? Die Kindheit wird beschleunigt durch die zu hohen Erwartungen der Erwachsenen an die Kinder, die schon in der frühen Kindheit mit Bildungsprogrammen in Kitas konfrontiert werden. Die natürlichen Entwicklungsbedürfnisse werden durch diese Beschleunigung missachtet. Die Kinder sind diesen gesellschaftlichen Bestrebungen hilflos ausgesetzt. Das klingt nach einer Kritik an der Krippenbetreuung. Nun erleben viele Eltern die Realität aber anders: Sie müssen arbeiten, Mieten zahlen, Beruf und Familie organisieren. Haben Sie Verständnis dafür, dass manche Eltern Ihre Thesen als schwer vereinbar mit dem echten Leben empfinden könnten? Natürlich habe ich Verständnis für die Eltern, die keine Wahl haben aufgrund ihrer Lebensbedingungen. Aber die Sache mit der zu frühen Krippenbetreuung ist gesellschaftlich so gewollt, damit Frauen berechtigterweise die gleichen beruflichen Chancen haben wie die Männer. Es müsste also mehr darüber nachgedacht werden, wie eine für die Kinder verträgliche Lösung unter diesen Bedingungen aussehen könnte. Bei den kleinen Kindern geht es um existenzielle emotionale Bedürfnisse, die Erwachsene bei ihren Plänen berücksichtigen sollten. Die finanzielle Seite müsste für diejenigen, die sich nicht frei entscheiden können, ausgeglichen werden durch ein länger zu zahlendes Erziehungsgeld nur für diese Gruppe. Das echte Leben wäre dann verträglicher für alle Beteiligten. Sie sagten, Kinder bräuchten in den ersten Lebensjahren vor allem Bindungssicherheit. Nun werben Politik und Kitas seit Jahren mit früher Förderung. Ist die Gesellschaft aus Ihrer Sicht einem Irrtum aufgesessen? Den meinungsbildenden Experten, die unablässig von der frühen Förderung reden, fehlen entwicklungspsychologische Grundkenntnisse. Sonst wüssten sie, dass gesunde, normal entwickelte Kinder in den ersten zwei Jahren keine Bildung von außen brauchen. So führt der Irrtum dieser Experten dazu, dass die Politik etwas durchsetzt, was den Kleinsten nicht guttut. Im Übrigen gibt es unter den Experten eine große Gruppe, die unablässig versucht, die Bedürfnisse der Kleinsten den Familienpolitikerinnen zu vermitteln. Bisher ohne Erfolg, da kein einziges offenes familienpolitisches Ohr zu finden ist. Sie formulieren im Buch, dass es keine "Unbedenklichkeit" früher Krippenbetreuung gebe. Das ist eine steile These in einem Land, das massiv auf den Ausbau von Betreuung gesetzt hat. Die Politik führt diese Debatte von Anfang an zu einseitig. Es wird wohl davon ausgegangen, dass es nicht falsch sein kann, wenn alle anderen es auch so machen. Ein kritischer Blick auf die anderen dürfte jedoch eine solche Annahme nicht stützen. Wir könnten da rauskommen, wenn bei der ganzen Debatte die Unterschiedlichkeit der Kinder eine Rolle spielen würde sowie die Tatsache, dass für eine kleine Gruppe der Kinder die frühe Krippenbetreuung Förderung bedeutet. Für die Mehrheit der unter Zweijährigen trifft das nicht zu, wie Studien zeigen. Es gibt jedoch viele Studien, die Verhaltensauffälligkeiten bei zu früher und zeitlich langer Krippenbetreuung feststellen. Die werden aber nicht zur Kenntnis genommen. Gleichzeitig kennen viele Eltern auch die andere Seite: Kinder lernen in der Kita soziale Kontakte, Sprache, Gemeinschaft. Wie vermeiden Sie, dass Ihre Kritik an früher Fremdbetreuung wie eine pauschale Abwertung von Kitas oder berufstätigen Eltern wirkt? Was ich über die Bedürfnisse der unter Zweijährigen äußere, ist keine pauschale Kritik an Kitas oder berufstätigen Eltern. Soziale Kontakte können die Kinder frühestens ab zwei Jahren nutzen. Vorher sind sie auf sich selbst bezogen, da sie noch kein Ich-Bewusstsein haben. Sie erleben deshalb bei jeder kleinen Störung in der Gruppe Trennungs- und Verlassenheitsängste. Das kennen alle Krippenerzieherinnen und Tagesmütter: dass die Einjährigen über Wochen nur auf dem Schoß sitzen und häufig nicht zu trösten sind, wenn sie unablässig weinen. Dann können sie auch nicht spielen. In diesen Fällen wirken die frühen Lerngelegenheiten nicht. Das kann ich als Entwicklungspsychologin nicht ausblenden. Natürlich gibt es Kinder, die sich auch mit einem Jahr fröhlich ins Getümmel stürzen, da sie ein außenorientiertes Temperament haben und die Eltern nicht so sehr vermissen wie die anderen. Meine Ausführungen zu diesem Thema sind keine pauschale Abwertung der Krippen, weil ich differenziere. Ein besonders kontroverses Kapitel Ihres Buches beschäftigt sich mit sexueller Vielfalt und Geschlechtsidentität in Kitas. Sie warnen davor, dass Kinder dadurch in ihrer Entwicklung irritiert werden könnten. Kritiker würden Ihnen vermutlich vorwerfen, gesellschaftliche Vielfalt problematisieren zu wollen. Was entgegnen Sie? Es geht um die Kita-Kinder, die noch mitten in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität stecken und mit den theoretischen Erörterungen einer sexuellen Vielfalt in der Kita noch nichts anfangen können. Wenn sie mit dem Thema konfrontiert werden, kann es zu Störungen in der Entwicklung ihrer Geschlechtsidentität kommen. Sie betrachten digitale Medien als enorme Belastung für Kinder und sogar für die Bindung zwischen Eltern und Kindern. Viele Mütter und Väter kennen diese Situation: Das Smartphone liegt ständig daneben. Haben wir unterschätzt, wie stark Bildschirme Familien verändern? Dieses Thema wird in der Öffentlichkeit zunehmend wahrgenommen und in Fachkreisen schon heftig diskutiert, besonders die Smartphone-Nutzung von Eltern in Gegenwart von Babys und Kleinkindern. Ja, wir haben unterschätzt, was digitale Medien mit den Kindern und den Familien machen. In jedem Fall müssen die kleinen Kinder davon ferngehalten werden, und in den Kitas sollten diese Medien als Lernmittel für die Kinder nicht eingesetzt werden. Kita-Kinder sind in ihrer Persönlichkeitsentwicklung noch nicht so weit, dass sie sich Medienkompetenz aneignen könnten. Nicht weniger kritisch gehen Sie mit KI-Systemen wie Chat-GPT ins Gericht. Die könnten Menschen das Nachdenken abgewöhnen. Das klingt fast kulturpessimistisch. Sind wir gerade dabei, Bequemlichkeit mit Fortschritt zu verwechseln? Ja, eine solche Verwechslung ist zu befürchten, zumindest für den allgemeinen Bereich von KI und Chat-GPT. Die Vorteile stelle ich nicht in Abrede. Aber es wird ein Kunststück werden, auf Dauer die Balance zwischen digitaler und analoger Welt zu halten. Das Abgewöhnen des Nachdenkens durch die häufige Nutzung von Chat-GPT liegt in der Natur der Sache. Denn nur ein Gehirn, das ständig aktiv ist, um Probleme zu lösen, entwickelt sich weiter. Rund um Väter argumentieren Sie, dass gesellschaftliche Erwartungen an Männer teilweise biologische Unterschiede ignorieren. Das ist in heutigen Debatten ein heikles Terrain. Warum war es Ihnen wichtig, dieses Thema so offensiv anzusprechen? Das Wissen über die biologischen Unterschiede zwischen Männern und Frauen ist in den vergangenen Jahrzehnten der Gleichheitsphilosophie zum Opfer gefallen. Deshalb haben Eltern heute zusätzlichen Stress, weil der Umgang mit den gegenseitigen Erwartungen unter dem Gleichheitsaspekt hoch anstrengend ist. Bei meiner Bildungsarbeit mit Familien habe ich das immer wieder erlebt und Wege gesucht, dieses Thema unter dem geschlechtsspezifischen Ansatz neu zu sortieren. Mit welchem Ergebnis? Es hat sich herausgestellt, dass mit dem Wissen über die Unterschiede das Zusammenleben in der Familie einfacher wird. Da könnte man allerdings den Eindruck gewinnen, Sie wollten zurück zu einem ganz traditionellen Familienbild. Ist dieser Eindruck falsch? Oder steckt darin zumindest ein wahrer Kern? So einfach ist die Sache nicht. Es geht nicht um das traditionelle Familienbild. Männer und Frauen müssten zusammen festlegen, wie ihr Familienleben bei Beachtung der finanziellen Möglichkeiten und der unverhandelbaren Bedürfnisse eines jeden aussehen könnte. Da dürfen keine Machtstrukturen eine Rolle spielen, da die Gleichberechtigung der Bezugspunkt ist. Nichtsdestotrotz stellen Ihre Thesen einige moderne pädagogische Leitbilder infrage und betonen stärker Bindung, Familie, natürliche Entwicklungsverläufe und Grenzen früher Förderung. Würden Sie Ihren eigenen Ansatz als konservativ bezeichnen – und braucht Pädagogik heute wieder ein Stück mehr konservatives Denken? Kinder sind von ihrer Entwicklung her bis zur Pubertät konservative Wesen. Denn sie orientieren sich an ihren Eltern und anderen Erwachsenen. Sie müssen die Regeln ihrer Gemeinschaft lernen und denken konkret-logisch, also auf die konkrete Umwelt bezogen. Also muss die Umwelt auch konservativ reagieren. Es geht mir nicht um einen konservativen Ansatz, sondern ich argumentiere ganz eng an den Entwicklungsbedürfnissen der Kinder entlang. Insofern braucht die Pädagogik der frühen Kindheit mehr konservatives Denken. Das muss sich natürlich bei den älteren Kindern ändern, wenn die Weiterentwicklung zum abstrakten Denken führt und die Jugendlichen den Konservatismus hinter sich lassen. Da schwingt letztlich ja die Kritik mit, dass Erwachsene Kinder zu früh in gesellschaftliche Erwartungen, Bildungsziele und politische Debatten hineinziehen. Haben wir in den vergangenen Jahren zu oft versucht, Kinder an die moderne Welt anzupassen, statt die Welt stärker an den Bedürfnissen von Kindern auszurichten? Ja, in den vergangenen Jahrzehnten hat die Gesellschaft versucht, Kinder zu früh an die sogenannte moderne Welt anzupassen. In der frühen Kindheit sollte sich die Gesellschaft eher an den Bedürfnissen der Kinder ausrichten, damit diese dann als Schülerinnen und Schüler den gesellschaftlichen Erwartungen entsprechen, Bildungsziele verfolgen und sich an politischen Debatten beteiligen können. Besteht bei all dieser oder gerade durch diese Kritik nicht auch die Gefahr, Eltern zusätzlich zu verunsichern, wenn man ihnen sagt, vieles laufe heutzutage grundsätzlich falsch? Durchaus. Aber schlimmer ist es, alle Trends hinzunehmen und gegen offensichtliche Fehlverläufe nichts zu unternehmen. Nur durch Verunsicherungen lernt der Mensch dazu. Wenn Eltern nach der Beschäftigung mit Ihren Thesen nur eine einzige praktische Erkenntnis mitnehmen würden, welche wäre das? Gelassener mit dem Verhalten ihrer Kinder umgehen zu können, weil sie dann wissen, wie die Kinder in welchem Alter ticken. Das Gespräch führte Benjamin Piel. Welche Vorteile kann die Krippenbetreuung für Kinder aus sozial schwierigen Familien haben? Studien zufolge ist die Krippenbetreuung für Kinder aus sozial schwierigen Familien nur dann fördernd, wenn die Bedingungen in den Krippen optimal sind. Das wäre möglich, wenn insgesamt erheblich weniger Kinder in den Krippen betreut würden. Quellen Interview "Genau schauen, ob es dem Kind gut geht" Die Erziehungswissenschaftlerin Erika Butzmann sieht die Krippenbetreuung kritisch. In einem VHS-Vortrag sowie im Interview begründet sie ihre Sichtweise. Welche alternativen Bezugspersonen können außerhalb der Eltern Einfluss auf die Entwicklung von Kindern nehmen? Laut Langzeitstudien und Experten können Beziehungen zu Gleichaltrigen, Nachbarn, Lehrern oder auch Ersatzeltern entscheidend für die Entwicklung von Kindern sein und sind nicht auf biologische Eltern beschränkt. Quellen „Mythos Bindungstheorie“ Ein Kind braucht mehr als nur die Mutter Fürsorglich sein und auf die Bedürfnisse des Kindes eingehen - so hat sich im Westen das Bild einer Mutter durchgesetzt. Anlässlich des Muttertags lohnt ein kritischer Blick auf die Bindungstheorie. Was kann für Kinder entstehen, wenn Förderangebote nicht mehr entlastend wirken, sondern von Leistungsdruck geprägt sind? Anhaltender Stress durch fremdbestimmte Förderangebote kann bei Kindern zu Versagensängsten, erhöhter Aggressivität oder depressiven Entwicklungen führen. Das wurde in einer Stress-Studie festgestellt. Quellen WK | Familie Wenn Förderung zu viel wird: Wo elterlicher Ehrgeiz Kindern schadet Förderung, Leistungserwartungen, Zukunftsängste: Kinder geraten zunehmend unter Druck. Die Familienberaterin Katia Saalfrank warnt davor, dass Entwicklung zur Optimierung wird. Diese Fragen und Antworten wurden mit KI basierend auf unseren Artikeln erstellt. → Mehr Infos Zur Startseite