Psychologin Stefanie Stahl hat Theorie, wie unsere Welt eine bessere sein könnte
Warum fühlen wir uns von der Bemerkung des Gegenübers gerade so angegriffen? Warum macht mich meine Kollegin immer so wütend? In ihrem neuen Buch erklärt Psychologin Stefanie Stahl die Mechanismen hinter solchen ganz alltäglichen Situationen mit mangelnder Selbstreflexion. Im Interview erklärt sie zudem, warum das aus ihrer Sicht sogar Gesellschaften spalten kann.
Ein Interview
von Lisa-Marie Yilmaz
Frau Stahl, das Interesse der Menschen an Psychologie hat in den vergangenen Jahren stark zugenommen. Wie erklären Sie sich den Hype?
Stefanie Stahl: Menschen suchen nach Orientierung. Natürlich ist die Frage nach dem Hype absolut legitim, trotzdem frage ich mich vielmehr, warum wir Menschen nicht schon seit Jahrhunderten dieses Interesse hegen und dem vermeintlichen Hype folgen. Die Grundlagenforschung der Psychologie beschäftigt sich mit der Kognition, also unserem Denken, unseren Emotionen, unserer Wahrnehmung – also dem Bewusstsein und unserem Verhalten. All das macht uns Menschen aus. Umso mehr stellt sich mir eigentlich die Frage, warum wir mit Blick auf Psychologie erst jetzt von einem Hype sprechen. Unsere Welt wäre viel besser, wenn jeder Mensch reflektiert wäre. Können Menschen ihre Emotionen reflektieren und regulieren, sind sie automatisch sozial verträglicher.
Können Sie das mit einem Beispiel veranschaulichen?
Fühlt sich eine Person hilflos, beschämt oder ohnmächtig, kann sie das leicht wütend und aggressiv werden lassen. Gelingt es der Person aber, diese Gefühle zu reflektieren, kann sie sie intern regulieren. Reflektierte Menschen haben also viel bessere Chancen, ihre Gefühle einzusortieren und zu regulieren, um nicht zur Belastung anderer zu werden. Hätten wir genau das in den vergangenen Jahrhunderten angewandt, wäre unsere Welt eine bessere. Der Begriff Hype impliziert außerdem, dass etwas übertrieben wird. Dabei sprechen wir bei Psychologie von einer dringenden Notwendigkeit.
In Ihrem neuen Buch "Ich erklär das jetzt mal psychologisch" beschreiben Sie psychologische Mechanismen hinter Alltagssituationen. Sollten wir alltägliche Dinge des Lebens grundsätzlich viel stärker aus psychologischer Perspektive betrachten?
Hinter vielen alltäglichen Konflikten stecken psychologische Mechanismen, die uns häufig nicht bewusst sind. In der Folge werden wir zu Sklavinnen und Sklaven unseres eigenen Gehirns, indem wir alles glauben, was wir denken und fühlen. Bedeutet: Wir glauben, im Recht zu sein, oder dass das Bild, das wir von unserem Gegenüber haben, stimmt. Betrachten wir die Situationen aber aus der psychologischen Perspektive, rückt die wichtige Frage nach dem eigenen Anteil viel mehr in den Vordergrund. Ich denke da beispielsweise an Fragen wie: Warum fühle ich mich von der Bemerkung meines Partners gerade so angegriffen? Warum kann ich so schlecht Nein sagen? Warum macht mich das Verhalten meiner Kollegin immer so wütend?
Wir reagieren nicht auf das, was objektiv passiert, sondern auf das, was eine konkrete Situation innerlich in uns auslöst. Hier zählen persönliche Erfahrungen, die wir in unserem Leben gemacht haben, Glaubenssätze, individuelle Bedürfnisse und Selbstschutzstrategien, die einen Einfluss auf uns haben. Indem wir genau diese Faktoren erkennen, können wir viel besser unterscheiden, was ein Ereignis mit uns selbst zu tun hat und welcher Anteil eines möglichen Konfliktes bei uns liegt. Dieses Vorgehen entlastet zwischenmenschliche Beziehungen – würden also alle Menschen so agieren, wären auch große gesellschaftliche Auswirkungen spürbar.
Kann mangelnde Selbstreflexion aus Ihrer Sicht also sogar Gesellschaften spalten?
Ja, denn im Kleinen wirken oft ähnliche psychologische Mechanismen wie im Großen. Wer sich beispielsweise minderwertig oder nicht anerkannt fühlt, nimmt andere schnell als überlegen, privilegiert oder mächtiger wahr. Das kann Kränkung und Feindseligkeit auslösen – besonders dann, wenn man die eigenen Gefühle nicht reflektiert, sondern ihre Ursache ausschließlich im Außen sucht. Feindbilder können dann psychologisch entlasten: Nicht ich habe ein Problem, sondern die anderen sind schuld. Und wer sich selbst abgewertet oder abgehängt fühlt, sucht mitunter wiederum nach Gruppen, auf die er herabschauen kann. So können mangelnde Anerkennung, Projektion und das Bedürfnis nach Aufwertung gesellschaftliche Polarisierung und im Extremfall auch Radikalisierung begünstigen.
Können Sie auch hier ein konkretes Beispiel nennen?
Das Ganze lässt sich gut an der MAGA-Bewegung in den USA veranschaulichen. Hier kommt noch ein weiterer psychologischer Mechanismus hinzu, der gesellschaftliche Spaltung verstärken kann: die starke Identifikation mit einer Gruppe, wobei dieses Beispiel für alle Gemeinschaften mit einem geschlossenen Selbstbild gilt. Da das menschliche Selbstwertgefühl sich immer auch mit einer Gruppe identifiziert, werden Gemeinschaften schnell moralisch aufgeladen.
Im Fall der MAGA-Bewegung bedeutet das, sich mit dem Glaubenssatz zu identifizieren, zu den Guten zu gehören, die verstanden haben, was falsch läuft. Demnach geht es in Diskussionen nicht mehr darum, verschiedener Meinung zu sein, sondern um die Identifikation mit einer Gruppe. Ist also jemand gegen das Weltbild, mit dem eine Person sich identifiziert, fühlt sie sich persönlich angegriffen. Indem es also nicht mehr um den reinen Austausch von Fakten geht, findet eine Spaltung statt.
Wie können dann Diskussionen trotz unterschiedlicher Meinungen dennoch konstruktiv geführt werden?
Häufig geht es in Diskussionen weniger um Fakten, sondern um Gefühle. Vor allem durch Social Media entstehen oft verschiedene Informationswelten, wodurch die Faktenbasis infrage gestellt wird. Hinzu kommt, dass etablierte Instanzen, wie Wissenschaft und seriöse Medien, von einem Teil der Menschen grundsätzlich angezweifelt oder gar nicht mehr als glaubwürdige Quellen akzeptiert werden. Daher geht oft der gemeinsame Boden verloren, auf dem Meinungsverschiedenheiten besprochen werden können. Aus diesem Grund können viele Menschen nicht mehr anhand von Fakten oder Argumenten erreicht werden. Wenn dann auch noch starke Gefühle, wie Wut oder Angst, hinzukommen, können Menschen auf rationaler Ebene noch schlechter erreicht werden.
Indem wir weniger über Fakten, sondern mehr über Bedürfnisse sprechen, könnten Brücken gebaut werden, indem ich zum Beispiel frage: Was ist dir wichtig oder was macht dir Angst? Dieser Ansatz ermöglicht einen Zugang. Denn indem Menschen sich in ihren Bedürfnissen verstanden fühlen, wird Sympathie geschaffen. In der Folge können weitere Informationen vermittelt werden – auch wenn diese möglicherweise zunächst einmal nicht dem Weltbild des Gegenübers entsprechen.
Hat Polarisierung also mehr mit Psyche als mit Politik zu tun?
Das ist ein komplexes Thema und Polarisierung hat definitiv viel mit Politik und Wirtschaft zu tun. Trotzdem spielt die psychologische Ebene eine Rolle, da es hierbei immer um menschliche Bedürfnisse geht. Wir Menschen sehnen uns nach Zugehörigkeit, Sicherheit, Kontrolle und Selbstwert. Der "Wir gegen die"-Gedanke erfüllt ein Grundbedürfnis, da eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit Sicherheit gibt und den Selbstwert stärkt. Auch Wut spielt eine Rolle, denn Wut ist ein starkes Gefühl, das eine gewisse Eindeutigkeit schafft. Das ist der Grund, warum populistische Parteien mit einfachen Parolen die Wut der Menschen aktivieren. Im Gegenzug bremsen differenzierte und komplexe Ansichten die Wut und fördern damit die Ohnmacht. Dabei ist Ohnmacht ein Gefühl, das kein Mensch gerne aushält. Wut ist also das vermeintlich bessere Gefühl. Aus diesem Grund ist die Polarisierung in unseren menschlichen Möglichkeiten verankert.
KI nimmt einen immer größeren Platz in unserem Leben ein, viele Menschen holen sich Tipps für die Alltags- oder Problembewältigung. Wie stehen Sie dazu, dass Menschen sich mit Blick auf Ängste einer Künstlichen Intelligenz anvertrauen?
Ich kann den Gedankengang dieser Menschen total verstehen und halte diesen Austausch, natürlich mit gewissen Grenzen, für sehr sinnvoll. Die KI bewertet nicht, hört immer zu und ist immer verfügbar. Menschen öffnen sich ihr mit Themen, die sie anderen Menschen womöglich nicht anvertrauen würden, was für die Betroffenen entlastend ist. Die KI kann hervorragend Gedanken sortieren und verschiedene Ebenen eines Problems sehr gut unterscheiden. Darüber hinaus kann KI auf der Oberfläche sehr gute Verhaltenstipps und Problemlösungen geben.
Trotzdem hat sie auch Grenzen: Die KI kann nur mit dem arbeiten, was wir Menschen ihr anbieten. Erzählt mir jemand seine Probleme, nehme ich als Psychotherapeutin auch die blinden Flecken sowie das Unausgesprochene wahr. Eben das kann ich meinem Gegenüber spiegeln. In der Folge kann die Person meinen Eindruck korrigieren oder bestätigen. Genau das kann die KI nicht, denn sie kann nur mit dem Wortlaut der Menschen arbeiten.
An den Umfragen des Meinungsforschungsinstituts Civey kann jeder teilnehmen. In das Ergebnis fließen jedoch nur die Antworten registrierter und verifizierter Nutzer ein. Diese müssen persönliche Daten wie Alter, Wohnort und Geschlecht angeben. Civey nutzt diese Angaben, um eine Stimme gemäß dem Vorkommen der sozioökonomischen Faktoren in der Gesamtbevölkerung zu gewichten. Umfragen des Unternehmens sind deshalb repräsentativ. Mehr Informationen zur Methode finden Sie hier, mehr zum Datenschutz hier.
Zudem fehlt der KI die menschliche Bindung …
So ist es. Künstliche Intelligenz kann keine menschliche Beziehung aufbauen und führen. Den Spruch "Traumata entstehen in zwischenmenschlichen Beziehungen und heilen in zwischenmenschlichen Beziehungen" halte ich für absolut richtig. Selbstannahme und Selbstheilung können nur in einer echten menschlichen Bindung passieren, in der sich die Person wirklich gesehen oder wahrgenommen fühlt – sei es von einem Psychotherapeuten oder einer guten Freundin. In meinem neuen Buch gibt es ein Essay, das ein langes Gespräch zwischen mir und einer KI wiedergibt. Dabei war auffällig, dass die KI nie wirklich in die Tiefe gegangen ist. Darüber hinaus hat sie mir klar aufgezeigt, wo ihre Grenzen in der Problembewältigung liegen.